Habemus Papam

Ein Papst mit Lampenfieber. Nanni Morettis neuester Film überträgt die Verschlossenheit der katholische Kirche in seelische Unsicherheit.

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Der bald 86-jährige Michel Piccoli, der schon große Klassiker mit Buñuel und Godard gedreht hat, spielt den wohl bisher menschlichsten Papst: mit kindlicher Verspieltheit, aber auch mit Ausdruck von Angst und bisweilen sogar in Wutausbrüchen kulminierender Verzweiflung. Die ersten Minuten des Films zeigen ihn eingeschlossen und isoliert in den Mauern des Vatikans. Nach einer verzögerten Wahlprozedur des Konklaves ist man sich fast einstimmig einig über die Führungsqualitäten von Kardinal Melville (Piccoli). In Worten nimmt er die Entscheidung an, doch wirkt er unsicher, ob er das ihm aufgetragene Amt erwartungsgemäß wird ausführen können. Abgeschottet von seinen Kardinälen streift er nachdenklich durch die leeren Gänge der Sixtinischen Kapelle, wirkt fragil und voller Selbstzweifel.

Höchste Zeit, einen Psychiater kommen zu lassen für den kranken Papst, der nicht einmal vor das Volk treten will, um es angemessen in einer Predigt zu begrüßen. Der Regisseur und erklärte Atheist Nanni Moretti spielt den Seelenklempner Professor Brezzi, der alle Mühe damit hat, seine Behandlungsmethoden ungestört auszuführen. Permanent wird er von den ordnungshütenden Kardinälen beäugt, Fragen über die Mutter und die Kindheit vom Papst sind nicht gestattet – all diese menschlichen, nicht-geistlichen Elemente werden im Vatikan ausgeblendet. Der Papst schließlich droht unter dem Druck der Erwartungen langsam, aber sicher zusammenzubrechen. In seiner Rolle des Oberhaupts einer veralteten Religionsgemeinschaft sieht er sich als Symbol der zunehmenden Entfremdung der Kirche von den Menschen und verweigert konsequent seine Pflichten.

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Was der Film an dieser Stelle schafft, ist durchaus bemerkenswert: Er stellt in erster Linie die menschliche und nicht die göttliche Seele innerhalb des Vatikans als Sinnbild für Heilsfindung und Allgemeinwohl heraus. Habemus Papam pendelt dabei zwischen der Achtung wahrenden Präsentation der katholischen Kirche, ihren Anhängern und Riten und der Darstellung ihrer bisweilen unfassbaren Verschlossenheit gegenüber menschlichen Bedürfnissen. Darüber hinaus reflektiert der Film die mediale Präsenz seiner Hauptfigur, wandelt sie ab, unterläuft figurative Konzepte.

So wird der Psychiater Brezzi bald zum Gefangenen innerhalb des Vatikans degradiert, das für ihn vorgesehene Zimmer ist etwas überdeutlich ein fensterloser Kerker. Kein Telefonat darf nach außen dringen, kein Wahrheit lüftendes Wort darf gesprochen werden, denn der Heilige Vater hat sich immer noch nicht den aus aller Welt angereisten Gläubigen gezeigt. Bei einem inoffiziellen Besuch in der Stadt entwischt er schließlich seiner Schutzbrigade. Die langsamen, suchenden Schritte des Papstes in den Straßen von Rom lassen sich als Sinnbild einer generellen Desorientierung der katholischen Kirche lesen.

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Nach einigen behäbigen und bisweilen kitschig-naiven Filmen wie Francesco und der Papst (2011) oder dem sehr ambitionierten Dokumentarfilm Die große Stille (2005) schlägt Morettis Beitrag zum Thema „Kirche heute“ eine entschieden andere, weder kontemplative noch affirmative Richtung ein. „Ich bin Schauspieler!“, sagt Melville, wenn er sich fremden Leuten vorstellt. Darin steckt auch eine Selbsteinschätzung seiner eigentlichen Tätigkeit. Dieser entlarvende Spruch und ähnliche Seitenhiebe wie drogenabhängige Kardinäle geben Habemus Papam einen durchaus bissigen und sarkastischen Grundton.

Auf satirische Weise lässt der Film reale Zustände der heutigen (Glaubens-)Gesellschaft durchscheinen. Diese menschliche Gesellschaft mit all ihren Sorgen und Problemen lernt der entflohene Papst erst wieder bei der römischen Mittelschicht kennen, inmitten der Einfachheit, die dem Vatikan völlig fehlt. Die Masseneuphorie schließlich wird als ein im Handlungskontext ungewünschtes Element inszeniert und karikaturhaft überzeichnet. Der Papst möchte gerade nicht als Popstar gefeiert werden, die Mimik Piccolis signalisiert seinem Suchtrupp gegenüber zuletzt einen Gefühlszustand zwischen Beschämung und Peinlichkeit. Habemus Papam diskreditiert so auf ironische Weise den medialen Hype auf sein reales Vorbild mit einer einzigen Szene.

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Nicht zuletzt der vorweihnachtliche Starttermin könnte Habemus Papam zu den vieldiskutierten Filmen des Winters machen. Die Kombination aus Wohlfühlfilm und Satire, die die Kindlichkeit alter Kardinäle sogar in Zeitlupe karikiert und mit einem erstaunlich konsequenten, desillusorischen Finale aufwartet, enthält durchaus Polarisierungspotenzial. L'Avvenire, die Tageszeitung der italienischen Bischofskonferenz, verfasste jedenfalls bereits im April dieses Jahres einen Brief, der zum Boykott des Films aufrief. Warum solle man finanzieren, was „unsere Religion beleidigt?“ Der liebe Gott hat anders entschieden, immerhin läuft der Film ja doch.

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