Guten Tag, Ramón

„Er hat keine Papiere, aber wir wollen ihm Arbeit geben, als Tanzlehrer.“ Beobachtungen zu einer deutsch-mexikanischen Koproduktion, die keinen Nerv trifft, weil sie nur ins Herz zielt.

Guten Tag Ramon 01

Man will gar nicht so viele Worte verlieren über die furchtsame Deutlichkeit dieses Films, der uns zu Beginn die Push- und Pull-Faktoren für Ramóns (Kristyan Ferrer) Auswanderung von Mexiko nach Deutschland unter die Nase reibt, um dann von seinen fantastischen Erlebnissen in einem schneeweißen Wunderland zu berichten. Sensibilität gegenüber Migrationsprozessen und ihren konkreten Dynamiken vermutet man schon nach der Eingangssequenz nicht mehr: Nach einem Blick auf die Ladefläche eines mitten in der US-amerikanischen Wüste gestrandeten Transporters – und auf die größtenteils erstickten Insassen – folgt in großen Lettern und begleitet von einem emphatischen Orchestercrescendo der Titel dieses Films, der sich im Folgenden weniger den dahingerafften Gescheiterten widmet als jenem jugendlichen Überlebenden, der nach diesem bereits fünften Fehlversuch einer Emigration in die USA sein Glück nun in Deutschland versuchen wird. Na dann: Guten Tag, Ramón.

Guten Tag Ramon 03

Die ihm versprochene Tante ist unter der angegebenen Adresse nicht aufzufinden, und so stolpert der staunende Fremde bald durch ein winterliches Wiesbaden. Das ist zunächst hart, langfristig aber deshalb kein Problem, weil Deutschland in Jorge Ramírez-Suárez’ Film ein ungemein gastfreundliches Land ist, das sich notleidender Menschen gerne annimmt. Verkörpert wird dieses Deutschland von der Rentnerin Ruth (Ingeborg Schöner), deren Freundschaft zu Ramón im (Lebkuchen-)Herz dieses Films steckt. Möge sich damit good feelen, wer möchte, lohnender als das so naheliegende wie wenig spannende Zielgruppen-Bashing dürfte ein genauerer Blick auf ein paar Aspekte dieser ungewöhnlichen Illegal-in-Deutschland-Konstellation sein.

Chaplin in Wiesbaden

Guten Tag Ramon 06

Kaum in Deutschland angekommen, verschlägt es dem Vorzeige-Wirtschaftsflüchtling nicht nur aus verständlichen Gründen die Sprache, sondern unverständlicherweise gleich jede Form von Handlungsmacht. Angewiesen auf die Kommunikation mit Händen, Füßen und Lächeln, regrediert er in einen vollends kindlichen Status; derart hilflos, ungebildet und schutzbedürftig ist er schon ab Ankunft der Traum jeder alleinstehenden Rentnerin. Ramón lächelt selig-dankbar, wenn jemand (Ruth, ihr Nachbar, das hübsche Mädchen im guten, alten, deutschen Tante-Emma-Laden) nett zu ihm ist, er ärgert sich trotzig und immer gewaltfrei, wenn ihm jemand Böses will. Die Wicked Witches in German-Oz sind lustiger- und bezeichnenderweise ein ausländerfeindlicher Bayer und ein osteuropäischer Bettler, der Ramón aus seinem Revier vertreiben will. (Ohne die wär’s wohl ganz gemütlich hier, zumindest in Wiesbaden.) Aber Ramón selbst ist nicht nur staunende Dorothy, sondern mit seinen stets unsicheren und häufig etwas hampeligen Reaktionen auf Unerwartetes zugleich ein sich durch widerspenstige Räume bewegender Charlie Chaplin. In einem Film allerdings, der das Chaplineske nicht nutzt, um einer Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, sondern um ein verklärendes Porträt von ihr zu zeichnen.

Der Deutsche will das Andere, der Andere das Eigene

Guten Tag Ramon 02

Man nimmt Ramón natürlich ab, dass er sich freut, als er aus der Wohnung von Ruths Nachbarn Karl eine mexikanische ranchera hört. Wie es das Drehbuch so will, ist dieser Nachbar Musikwissenschaftler und hat eine Vielzahl lateinamerikanischer Musik im CD-Schrank. Doch es bleibt nicht bei der plötzlichen Wiederbegegnung mit dem Vertrauten und dem bis dahin seltenen Strahlen in Ramóns Gesicht. Durch gleich mehrere Parallelmontagen hindurch wird uns die überraschende Begegnung als so logischer wie wünschenswerter Zustand verkauft: Ramón bringt die Tage fortan in seinem von Ruth bereitgestellten Kellerraum damit zu, Musik aus der Heimat zu hören und mexikanisches Essen zuzubereiten. (Man stelle sich vor, ein deutscher Teenager würde nach Südamerika ausreisen und dort schon bald begeistert zu Helene Fischer Kartoffelbrei anrühren. Aber klar: Selbstbestimmte Auswanderer haben eben einen feineren kulturellen Geschmack als fremdbestimmte Flüchtlinge.)

Wir sprechen doch alle dieselbe Sprache!

Guten Tag Ramon 08

Die wohlmeinenden Deutschen, die den kleinen Mexikaner so putzig finden, ihn aber nicht verstehen können, kommen irgendwann tatsächlich mal auf die Idee, jemanden zu suchen, der Spanisch spricht. Die von Ruth fürs Dolmetschen bezahlte Studentin ist allerdings nur wenig motiviert und ziemlich ungeduldig. Wobei es dann weniger so scheint, als fiele der jungen Dame auf, dass sie langsam mal weg muss, als dass dem Film etwas aufgefallen ist: dass nämlich seine Botschaft viel besser funktioniert, wenn die gutmütige Alte und der arme Junge sich gar nichts sagen können. Die wenig anrührende, weil ziemlich angerührte zentrale Szene ist denn auch die, in der sich Ruth und Ramón beim Abendessen gegenüber sitzen und in ihrer jeweiligen Sprache von ihren Problemen und Sorgen erzählen. Keine Ahnung, wovon du sprichst, aber ich sehe in deinen Augen deine Ehrlichkeit und ich bin dein Freund. So mag Guten Tag, Ramón seine Figuren: Inseln der Menschlichkeit. Man winkt zum anderen Ufer hinüber – und überweist Geld, sobald sich die geistige Distanz wieder in einer räumlichen ausdrückt. Macht der Staat schließlich doch einen Strich durch die humanistische Rechnung, überführt der Film seine wohlige Message eben in die üblichen Adopt-a-Poor-Kid-Kanäle.

Guten Tag Ramon 07

Aber genug der Beobachtungen: Diese „Geschichte einer unvergesslichen Freundschaft“ ist also eine ziemlich platte und biedere Predigt der Nächstenliebe – die ohne Störgeräusche auskommen will (also die Nächstenliebe erst gar nicht auf eine Bewährungsprobe stellt). Der böse Osteuropäer wird verjagt, der grantelige Bayer stirbt und mit ihm gleich jedes Ressentiment. Und natürlich bekommt das neue Deutschland namens Ruth in der bereits erwähnten Abendbrot-Szene auch noch den Krieg als Kindheitstrauma und den obligatorischen Judenverstecker als Vater verpasst.

Trailer zu „Guten Tag, Ramón“


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