Gullivers Reisen - Da kommt was Großes auf uns zu

Glauben Sie dem deutschen Verleihtitel kein Wort.

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Zugegeben: Dass Gulliver in Liliput einen Großbrand auspinkelt, ist Teil von Swifts Romanvorlage und kein Einfall des Films. Aber wenn Jack Black sich die Hose aufknöpft und sich sein Urinstrahl einem Wasserfall gleich über die Köpfe der kleinen Einwohner ergießt, meint man zu sehen, wie sich die Drehbuchautoren beim Schreiben dieser Szene vor Kichern kringelten. An dieser Stelle ist dieser groteske Film ganz bei sich selbst. Wenn man Gullivers Reisen also einen waschechten Kinderfilm nennen darf, dann nicht als Bezeichnung für die Zielgruppe – dies wäre ein Affront gegen kindliche Schläue und Einbildungskraft –, sondern für die Infantilität seiner Macher.

Diese hielten es beispielsweise für einen guten Einfall, den literarischen Superhelden Gulliver gegen einen riesigen Kampfroboter zur Schlacht um Liliput antreten zu lassen. Und ihn und seine Freunde anschließend in einem rauschenden Fest den berühmten Anti-Kriegs-Song „War – what is it good for – absolutely nothing“ anstimmen zu lassen. Wirklich, man wäre gerne Zeuge gewesen, wie erwachsene Menschen diese Szenen diskutiert, ihre Pros und Kontras abgewogen und dann beschlossen hätten: Machen wir. Super Idee, kommt in den Film.

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Es gibt auch so etwas wie eine Handlung. In der Variation des Stoffes ist Gulliver ein kleiner Postzusteller bei einem Reiseverlag, der in seine Chefin Darcy (Amanda Peet) verknallt ist. Mit einem gefälschten Artikel profiliert er sich als Autor und wird daraufhin für eine Reportage ins Bermudadreieck geschickt. Stattdessen verschlägt ihn eine Windhose nach Liliput. Während er selbst mit seinen Star-Wars-Figuren (die als Vorboten der Liliputaner fungieren) im New York der Gegenwart lebt, verharrt die Zwergeninsel architektonisch, modisch und, na ja, politisch im frühen 18. Jahrhundert. Hinter dieser Zeit-Kluft sollte man aber keinen irgendwie gearteten Neuzugang zum Stoff vermuten. Vielmehr wird dem Gag-Pool „Größenunterschiede“ – dass die Macher in dem Sujet etwas anderes sahen, ist nicht erkennbar – schlicht noch ein zweiter Gag-Pool hinzugefügt: Gulliver will den Liliputanern den American Way of Life schmackhaft machen und fabuliert sich selbst in diverse Heldenrollen von Luke Skywalker über Jack Bauer bis zum US-Präsidenten. Komische Funken werden aus diesem Rollenspiel nicht geschlagen – auch weil Jack Black das Ganze derart lustlos spielt, dass seine Rolle kaum als Karikatur seines Slacker-Clown-Typus taugt. Wenn man möchte, könnte man in den im Liliput’schen Staatstheater nachgestellten Szenen aus Titanic (1997) und Das Imperium schlägt zurück (The Empire Strikes Back, 1980) ein winziges Highlight sehen.

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Nach dem doch relativ breit auserzählten Liliput-Teil, in dem Gulliver erst eine Prinzessin (Emily Blunt) befreit und dann bei der Abwehr der Invasoren von der feindlichen Insel Blefusco versagt, ist man leicht nervös, als es ihn auf die nächste Insel verschlägt: Steht jetzt noch eine genauso lange Riesen-Episode bevor? Doch der Film ist barmherzig und belässt es bei einer kurzen Sequenz. Zuletzt muss der Held nach Liliput zurück und die inzwischen ebenfalls dort gestrandete Darcy auch noch befreien, und damit ist nun aber endgültig genug zum Inhalt gesagt. Das Ganze ist übrigens in 3D. Wer dieser technischen Neuerung gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen ist, dem könnte dieses Flickwerk aus Handlungsfetzen und debilen Gags, das alle Vorurteile der 3D-Kritiker zu bestätigen antritt, ein Stachel im Fleisch sein. Wenigstens ist der Einsatz der Technik selbst so unspektakulär geraten, dass man Gullivers Reisen zumindest nicht vorwerfen kann, er habe eine gute Story spektakulären Effekten geopfert.

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Immerhin: Den Stoff von seiner Parabelhaftigkeit, die einem noch in der gekürztesten Kinderbuchfassung geradezu ins Gesicht springt, so vollständig zu befreien, das ist irgendwie fast schon wieder Kunst. Oder aber der Rezensent verkennt den Geniestreich von Regisseur Rob Letterman und seinem Team, die berüchtigte Swift’sche Misantrophie nicht über den Stoff, sondern über eine peinigende Umsetzung zu vermitteln.

Kommentare


Mirko

Supertolle Bewertung... Kann ich den FIlm jetzt mit meinem 7-jährigen Sohnemann anschauen oder trägt er irgendwelche Schäden davon...


C Schuller

Trivialerer Umgang mit der literarischen Vorlage ist kaum noch denkbar. Heraus geschmissenes Geld, vielmehr aber vergeudete Zeit vor allem mit unseren Heranwachsenden. Kaufen Sie für das Geld eine aktuelle Übersetzung des Buches, machen Sie es sich zu Hause bequem, der Mehrgewinn ist unbezahlbar.


Michaela W.

Maurice, der Film ist GENAU SO schlecht wie Sie schreiben. Auch die technische Qualität und die 3D Umsetzung ist die Schlechteste, die mir in letzter zeit untergekommen ist. Einfach traurig.






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