La marche à suivre – Guidelines

Auf den rechten Weg: Der kanadische Regisseur Jean-François Caissy zeigt das Erwachsenwerden zwischen Schulrichtlinien und grenzenlosen Naturlandschaften.

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La marche à suivre heißt dieser Film, wörtlich: der Gang, der zu befolgen ist, doch schon die erste Aufnahme widersetzt sich den beiden Ideen, die damit einhergehen: der zielgerichteten Bewegung und der Fremdbestimmung. Eröffnet wird der Film mit einem Auto, das sich auf einem überschwemmten Waldweg aus einem Wasserloch zu befreien sucht. Das Ringen um das Fortkommen ist geradezu körperlich; der Kraftakt, der nichts fruchtet, nachempfindbar. Doch schnell drängt sich der Verdacht eines freiwilligen Feststeckens auf. Denn tatsächlich könnte hier die Verzweiflung denselben Ausdruck finden wie das Vergnügen: Der Fahrer ist Herr über das malträtierte Auto und das Hindernis, der Motor dröhnt, dunkle Abgase steigen empor. Ein Jugendlicher erscheint und filmt mit dem Smartphone das Ausharren, das keines ist; Antrieb und Stillstand bestehen nebeneinander. Als der Titel eingeblendet wird, fährt das Auto unter Kräftestöhnen endlich aus dem Wasserloch, vorwärts. Der erste Seitenhieb auf die marche à suivre?

Die Freiheit bemessen

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Die Ouvertüre ist die erste in einer langen Reihe von Aufnahmen, die den Lebensraum von Schülern einer kanadischen Schule zu kartographieren versucht, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Dabei folgt der Regisseur Jean-François Caissy in seinem Dokumentarfilm keinem einzelnen Jugendlichen, keiner Gruppe; vielmehr verharrt er in den Räumen, in denen Jugendliche verkehren, und beobachtet geduldig seine Sujets, die seltsam gleich wirken. Er findet sie in zwei Räumen, die durch die Montage einander gegenübergestellt werden und so auf dem ersten Blick gegensätzlich, vielleicht schon komplementär erscheinen: hier die ländliche Oberschule, wo man sich den titelgebenden Richtlinien unterzuordnen hat; da die kanadische Weite, wie unbeschränkt, nicht-regulierter Schauplatz von Kräftemessen und Kicksuche.

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La marche à suivre verzichtet darauf, den Übergang zwischen beiden Räumen zu zeigen. Sie werden von der Kamera wie separate Welten gehandelt, sodass es jedes Mal einem Bruch gleichkommt, wenn der Ort gewechselt wird. Über die Beziehung zwischen beiden Räumen bleibt der Film wortkarg. Entlädt sich in der Natur, was sich in der beengenden Institution Schule aufgestaut hat? Ist es lediglich Zeitvertreib, wenn die Jugendlichen sich von einer Brücke in den Fluss stürzen, oder vertreiben sie ihre Wut, ihre Orientierungslosigkeit, ihre Angst? Ist es Erziehung, wenn junge Menschen in ihre Schranken verwiesen werden oder wenn sie selbst an ihre Schranken geraten? Geht es am Ende nur um das richtige Maß an Freiheit? Langsam werden die Gemeinsamkeiten beider Räume und damit beider Konzepte – das der eingeschränkten und das der absoluten Freiheit – freigelegt, sie fügen sich zu einer Lebenswelt des Jugendlichen zusammen, nicht frei des Widerspruches, der auch durch das Erwachsenwerden geht. Es sind Orte, an denen Grenzen ausgelotet, erprobt und überschritten werden. Es sind Orte, die Persönlichkeiten bilden, die Räume schaffen, sie zu gestalten, es sind auch Freiräume – aber sie stehen nicht jedem offen.

Die Begleitungsinstanz

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Die Schule, die Jean-François Caissy porträtiert, ist keine, die Wissen vermittelt. Abgesehen vom Sport gibt es keine Aufnahmen aus dem Unterricht, keine Verhandlung dessen, was in den Wissenskanon eines Schülers gehört. In La marche à suivre ist die Schule die Erziehungsinstanz, die den jungen Menschen in die Lage versetzen will, sich selbst auf den rechten Weg zu bringen. Denn viel eher als einen Lebensabschnitt dokumentiert Caissy eine Pädagogik: der junge Mensch als Akteur seiner eigenen Entwicklung, begleitet von wohlwollenden und wertschätzenden Erwachsenen. Es mutet wie eine visuelle Übersetzung dieser Pädagogik an, dass der Film weitestgehend darauf verzichtet, die Akteure zu zeigen, die Jugendliche in dieser Entwicklung unterstützen. Der Fokus des Films liegt dennoch nicht auf den Jugendlichen, sondern auf dem – manchmal auch nur erzwungenen – Dialog zwischen ihnen und den Autoritätspersonen. Diesen Dialog zeigt der Film ganz ohne Schuss-Gegenschuss-Montage und hält uns damit die Gesichter der Erwachsenen vor: Wir sehen keine Eltern, keine Lehrer, keine Sozialarbeiter. Dafür hören wir sie.

Gefühl des Verlorenseins

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Denn La marche à suivre besteht zu einem Großteil aus Disziplinargesprächen: Zwei Erwachsene (Lehrer? Sozialarbeiter?), ein Schüler. Gedimmtes Licht, Vernehmungsmodus. Die Jugendlichen sind vierzehn, fünfzehn, der Körper im Umbruch, das Gesicht regungsarm. Sie gucken mürrisch oder kichern verlegen. Sie sind hier, weil sie im Unterricht mit Papierkugeln um sich werfen, weil sie zu viel Bier trinken, weil sie kiffen. Nun sollen sie ihr Verhalten analysieren, ihre Fortschritte quantifizieren, sich Ziele setzen, in drei Tagen zurückkommen, um Bericht zu erstatten. Die Frage nach der Freiheit ist hier besonders interessant. Die Schüler stimmen den Erwachsenen zu, sie machen sich ihre Sprache zu eigen, doch drücken sie sich wirklich frei aus? Perlt das Gesagte an ihnen ab oder haben sie es verinnerlicht? Auch dazu schweigt der Film. Haften bleibt das Gefühl des Verlorenseins und der Wirkungslosigkeit: Wie Bühnenarrangements betreten die Schüler die starren Aufnahmen, bewegen sich darin, ohne dass sich etwas anderes darin bewegen würde. La marche à suivre ist hier nicht der befreiende Schwenk, sondern das Abfinden mit den Schranken.

Trailer zu „La marche à suivre – Guidelines“


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