Guernsey

Nach dem unerwarteten Selbstmord einer scheinbar glücklichen Kollegin beginnt Anna nach den Abgründen hinter der Fassade ihres eigenen Lebens zu suchen.

Guernsey

In den ersten Minuten von Guernsey benötigt die niederländische Regisseurin Nanouk Leopold nur wenige statische Bilder, um uns mit der Alltagswelt ihrer Protagonistin vertraut zu machen. Anna (Maria Kraakman) ist Bewässerungsspezialistin und pendelt zwischen ihrer Arbeit in Ägypten und ihrer Familie in den Niederlanden hin und her. Wenn sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn zusammen ist, werden zwar nicht besonders viele Worte gewechselt, ansonsten scheint Anna auf den ersten Blick aber ein völlig normales Leben zu führen.

Schon in den ersten Einstellungen des Films zeichnet sich die formalistische Herangehensweise Leopolds ab. Die kühlen, sorgfältig komponierten Bilder sind immer noch ästhetisch und stilisiert genug, um nicht einer auf dokumentarischen Realismus und Sozialpessimismus ausgerichteten Kategorie an Filmen zugeordnet zu werden. Der Blick auf die Figuren ist distanziert, fast teilnahmslos. Wie konsequent Leopold diesen Stil verfolgt, zeigt sich bereits wenige Augenblicke nach der Einführung in Annas Alltag: Wieder zurück in Ägypten lernt sie die sympathische Kollegin Patricia (Aurélia Petit) kennen, die genau wie sie eine junge, beruflich erfolgreiche Frau und Mutter ist. Umso größer ist der Schock, als Anna eines Morgens den erhängten Leichnam dieser Frau entdeckt. Selbst an einem Höhepunkt wie diesem unterlässt es Leopold, mit filmischen Mitteln zusätzlich zu betonen und zu dramatisieren.

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Guernsey behandelt dieses traumatische Erlebnis nicht als den massiven Einschnitt in Annas Leben, als der er sich später erweisen wird. Direkt nach dem tragischen Zwischenfall stattet Anna noch dem Ehemann der Verstorbenen einen kurzen Besuch ab und fährt anschließend wieder nach Hause, ohne sich etwas anmerken zu lassen oder ein Wort über das Geschehene zu verlieren. Leopold gibt nicht vor in der Psyche ihrer Protagonistin wie in einem offenen Buch lesen zu können. Als Zuschauer weiß man nie so genau, was in Anna hinter ihrem ausdruckslosen Äußeren vorgeht. Den gesamten Film über scheint sie irgendwie entrückt und abwesend, als wäre sie von der Außenwelt abgetrennt. Selbst wenn Annas Vater seinen Kindern verkündet, dass er das Familienanwesen verkaufen wird, um mit seiner neuen Frau auf die britische Kanalinsel Guernsey zu ziehen oder wenn Anna ihren Mann beim Fremdgehen erwischt, bleibt sie ruhig und scheint unfähig zu reagieren. Es ist bezeichnend, dass Leopold ihre Protagonistin gleich zweimal in der ambivalenten Rolle einer Voyeurin zeigt. An der Position der Beobachterin, die nicht eingreifen kann oder will, demonstriert Leopold auf anschauliche Weise Annas Dilemma.

Guernsey

Zusammen mit Regisseuren wie Fien Troch, Cyrus Frisch oder Alex Van Warmerdam gehört Leopold einer kleinen, aber durchaus interessanten Szene zeitgenössischer, niederländischer Filmemacher an, deren Filme hierzulande allenfalls im Festivalkontext zu sehen sind. Doch Guernsey ist auch ein etwas sperriger Film, der für den Zuschauer durchaus eine Herausforderung darstellt. Er lässt sich eben nicht auf eine einheitliche Lesart als Bestandsaufnahme entfremdeter Subjekte in der modernen Gesellschaft oder als Ehe- und Familiendrama reduzieren, sondern vereint seine verschiedenen Aspekte weitgehend unhierarchisch nebeneinander. Guernsey erscheint wegen seiner ruhigen Grundstimmung und undramatischen Inszenierung ebenso leise und unauffällig wie seine Protagonistin. Da die emotionalen Höhepunkte der Handlung durch die Formsprache nicht hervorgehoben werden, muss man als Zuschauer aufmerksam sein und den Blick für Details sensibilisieren.

Umso intensiver wirkt es, wenn Annas unterdrückte Emotionen am Schluss plötzlich für einen kurzen Augenblick unkontrolliert aus ihr herausbrechen. Dieser Moment hat nicht nur eine ungemein kathartische Wirkung, sondern verleiht seiner von Sprachlosigkeit befallenen Protagonistin auch, zumindest vorübergehend, eine Stimme. Nicht umsonst hat Leopold sich bei dem einzigen Musikstück des Films für eine Coverversion des Tuxedomoon-Songs „In A Manner of Speaking“ entschieden. Dort heißt es im Refrain: „Give me the Words that tell me Nothing; Give me the Words that tell me Everything“.

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