Group Marriage

Die Kunst des Kompromisses: Vor dem Hintergrund eines heillos zerstrittenen Trump-Amerikas steckt in Stephanie Rothmans Sittenkomödie ein verlockendes Angebot.

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Vielleicht gelangt man am besten zu neuen Orten, wenn die eigene Karre nicht anspringen will. Sogar – oder vielleicht gerade – an der US-amerikanischen Westküste, wo man ohne wheels nicht von A nach B, nicht vom Strand in die Stadt kommt. Denn dann sind wir plötzlich auf andere angewiesen. Die Frage „Can I hitch a ride?“ fühlt sich omnipräsent an in Stephanie Rothmans Group Marriage (1973). Autos, die nicht starten wollen, sind der Running Gag des Films, sind das narrative Getriebe, das anspringt, wenn die Motoren versagen. Es ist eine schön konkret aus dem amerikanischen Alltag geritzte Metapher: In einer hypermotorisierten Gesellschaft wie der kalifornischen bildet den besten Anfang für eine kleine Utopie des Kommunitarismus wohl die Mitfahrgelegenheit. Es geht doch so einfach: Zwei Menschen strecken an der gleichen Ecke die Finger raus, und schon sitzt Chris (Aimee Eccles) bei Dennis (Jeff Pomerantz) auf dem Schoß in einem knallroten Zweisitzer. Eine Szene später hockt Dennis zwischen Chris und ihrem schmollenden Lover Sander (Solomon Sturges) im Cabrio. Die drei cruisen durch L.A., zwei verknallen sich ineinander und das Experiment Gruppenhochzeit beginnt. Warum immer alleine fahren, wenn man gemeinsam doch viel weiter kommt?

Aufeinander angewiesen

Stephanie Rothman musste ihre Filme immer unter prekären Bedingungen realisieren, mit dem Geld ihres (nicht uneigennützigen) Förderers Roger Corman oder mit den bescheidenen Mitteln, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Charles S. Swartz mühsam auftreiben konnte. Vielleicht hat sie deshalb einen so stark ausgeprägten Sinn für menschliches Aufeinander-angewiesen-Sein, gepaart mit einer Fähigkeit, unter Zwangsbedingungen kreativ zu werden. Group Marriage macht das sehr greifbar, denn  um Zwänge, Beschränkungen, Druck von außen und innen geht es dort sowohl explizit wie auch auf einer Meta-Ebene. Es ist quintessenziell ein Film, der die Frage nach dem bestmöglichen Kompromiss aufwirft.

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Das ist ästhetisch interessant. Denn der Kompromiss ist ja schlecht beleumundet, gerade in Kunstdebatten. Er gilt als visionsschwach, rückgratlos, regressiv und, nun ja, unmännlich. Vielleicht sollte man das ab und an überdenken. Group Marriage bietet dazu Gelegenheit. Denn Rothmann erinnert uns daran, dass einige liebgewonnene ästhetische Traditionen zweckrationalen Entscheidungen entsprangen. Und dass einige gefeierte auteurs vor allem Meister in der Balance materieller Beschränkungen und ästhetischer Interessen waren.Zum Beispiel der Zoom und die Handkamera: Die schönsten, weil fluidesten und am sattesten mit den Insignien ihrer Ära aufgeladenen Bilder von Group Marriage sind halbdokumentarische Straßenaufnahmen. Einfach aus dem fahrenden Auto raus gedreht, quer über die Kreuzung geschossen, aus sicherem Abstand in die Menschenmenge: Aufnahmen, die den denkbar ergiebigsten Umgang mit knappen finanziellen Mitteln wählen. Ein locker aus der Hüfte gedrehter Shoppingtrip der freigeistigen Jan (Victoria Vetri) wird so zu einem Highlight des Films: Sie wandelt vorbei an Schaufenstern und Kaufhausauslagen wie durch ein Inventar der Stile und Moden der Seventies.

I love you, and I like someone else

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Aber es gibt auch schmerzhafte Kompromisse in Group Marriage. Wie soll man beispielsweise von Romantik erzählen, die festgefressene bürgerliche Beziehungsmuster aus den Angeln hebt, wenn man nur einen mediokren Cast zur Verfügung hat? Durch ultra-direkte, schmucklose Dialoge zum Beispiel: „Sander, I love you. But I also like Dennis. I don’t see how that can be a problem.“ Group Marriage trägt das Herz auf der Zunge, nicht in den Körpern. Lust und Begehren wird hier eher behauptet und besprochen, weniger aber er- und gelebt. Dennoch schmeckt der Film ziemlich nach Porno, auch wenn er nie die damals recht zahmen Regeln des R-Ratings (keine Full Frontal Nudity) aufhebt. Zum einen, weil er dramaturgisch extrem formelhaft verfährt, zum anderen, weil Sex allgegenwärtig und überall verfügbar ist. Allenthalben steigen halb- und vollnackte Strandwächter aus der Brandung, aber die sie musternden Blicke und Körper beben nicht. Und dennoch ist es bemerkenswert, dass Rothman überhaupt (und dazu noch sehr souverän) weibliches Begehren als Selbstverständlichkeit inszeniert.

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Es sind solche kleinen Verschiebungen, durch die sie als Autorin hervorlugt. Da ist das spießbürgerliche schwule Nachbarspärchen, das die promiske Sechser-Gruppe hinter Geranientöpfen beäugt. Das gay couple tritt hier als komödiantischer Agent monogamer Beziehungstraditionen auf. Sie sind aber auch die ersten, die den ungewöhnlichen Beziehungsentwurf ihrer Nachbarn verteidigen, als diese vom Fernsehen und einigen Hillbillies in Pick-up-Trucks verbal und physisch für ihre Unangepasstheit gepeinigt werden. Eine andere beredte Rothman-Signatur ist eine extrem lange Aufnahme auf die schwangere Chris, die schweigend ihren Partnern und Partnerinnen im Off beim Streiten zuhört, wie sich Kindeswunsch und Gruppenbeziehung vertragen. Selbst in den progressivsten Kreisen kann eine Frau im Handumdrehen zum Objekt degradiert werden. Überhaupt Chris: Sie, die hochtalentierte Automechanikerin, bringt alle Karren zum Laufen, damit man einander mitnehmen kann, und setzt damit im übertragenen Sinne die Story überhaupt erst in Gang.

Zwischen den Stühlen

Mit solchen produktiven Entscheidungen richtet sich Rothman in ihrer ansonsten recht zahmen Vision eines gesellschaftlichen Regelbruchs ein. Das titelgebende Arrangement – drei Männer und drei Frauen heiraten einander – ist dabei das Sinnbild für jenen den Film durchziehenden Kompromissgeist: auf halber Strecke zwischen freier Liebe und bürgerlicher Institution. Jede/r darf in der Sechsergruppe mit jeder/m, aber zugleich gibt es Regeln: „We are all straight“ wird einem bisexuellen Beitrittskandidaten kategorisch entgegen gehalten, und ficken außerhalb der Ehe ist nicht erlaubt. Die sympathische Nymphomanin Jan entschließt sich denn auch lieber, alleine zu bleiben. So hält sich ein grundlegender Individualismus mit kleinen kommunistischen Experimenten die Waage.

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Versucht man, Group Marriage in seiner Entstehungszeit zu verorten, markiert er markant den Übergang der radikalen, vor allem im öffentlichen Raum ausgetragenen Umgestaltungskämpfe der Bürgerrechts- und Anti-Vietnam-Bewegung hin zu den Drogenexperimenten der 1970ern, die eher eine Arbeit am Selbst propagierten und zum Rückzug ins Private anhielten. Zwischen diesen materialistischen und idealistischen Optionen hält Rothman eine Mittelposition, entwirft die Gemeinschaft der Kleingruppe als Scharnier zwischen Ego und Gesellschaft, wo Veränderung noch möglich ist. Von heute aus betrachtet, hat Rothmans tief im amerikanischen Liberalismus verwurzelte Anti-Radikalität etwas Grundsympathisches, etwas, das in Zeiten festgefahrener politischer Grabenkämpfe nahezu revolutionär wirkt: Warum nicht ja sagen zum Kompromiss, solange alle gut damit leben können? Denn wir sitzen, um zum Schluss etwas pathetisch zu werden, ja letztlich alle im selben Boot. Pardon, Auto.

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