Grizzly Man

Werner Herzog gelingt mit Grizzly Man ein fulminantes Comeback des ihm eigenen Irrwitzes und zugleich das Porträt eines Grenzgängers, der mit wilden Bären lebte, als wären es Teddys, bis sie ihn schließlich umbrachten.

Grizzly Man

Dreizehn Jahre lang lebte Timothy Treadwell jeden Sommer mit Grizzlybären in der Wildnis Alaskas. Aus Prinzip trug er keine Waffen bei sich. Nie würde er einen Bären töten, nicht einmal zur Selbstverteidigung – so sein Statement. Im dreizehnten Sommer, 2003, wurden er und seine Freundin Amie Huguenard, die ihn zeitweise begleitete, von einem Bären gerissen. Zurück blieben wenige verstreute Körperteile, Timothys Uhr und 100 Stunden Originalvideomaterial aus fünf Jahren.

Die Kamera war Timothys einzige ständige Begleiterin. Ihr zeigte er die Bären, ihr offenbarte er seine Sichtweisen, Wünsche, Überzeugungen und Ängste. Werner Herzog integriert weite Passagen von Treadwells Material und ergänzt es mit Aufnahmen der Originalschauplätze. Zudem befragt er die Personen, mit denen der „Bärenversteher“ Kontakt hatte: den Piloten, der ihn regelmäßig in den Katmai Nationalpark einflog, den Park Service, Tierschützer und Bärenforscher, die Eltern und Freunde, und zeichnet so ein tiefgründiges Psychogramm des „Grizzly Man“.

Grizzly Man

In Timothy Treadwell scheint Herzog ein reales Pendant zu seinen früheren Filmfiguren gefunden zu haben, das ihm den langjährigen Hauptdarsteller Klaus Kinski beinahe ebenbürtig ersetzt. Der Bärenfreund ähnelt Kinski nicht nur rein äußerlich mit seinen ins Gesicht fallenden blonden Haarfransen, die jeder seiner Gebärden wild baumelnd Nachdruck verleihen. Treadwell verkörpert auch jenes Grenzgängertum zwischen Zivilisation und Wildnis, zwischen Vision und Wahnsinn, das Herzog schon in Aguirre oder der Zorn Gottes (1971) oder Fitzcarraldo (1981) thematisierte. In letzterem spielt Kinski einen Ir(r)en, der ein Schiff über einen Berg tragen lässt, um sein einmal gestecktes Ziel zu erreichen: im peruanischen Urwald ein Opernhaus zu bauen. Fast scheint es, als habe Herzog erst die Aufnahmen Treadwells entdecken müssen, um nach Kinskis Tod 1991 und dessen Wiederbelebung aus der Konserve in der Hommage Mein liebster Feind (1999) überhaupt wieder einen „echten“ Herzog-Film alter Stärke schaffen zu können. Wenig Resonanz jedenfalls fanden im Allgemeinen seine jüngsten stets dokumentarischen oder biographischen Filme in Deutschland verglichen mit seinen früheren Monumentalwerken der Filmgeschichte.

Treadwell ist einer von Herzogs Helden, er wird dazu in diesem Film. Er ist ein Mann mit einer Vision, er will sein Leben einsetzen, um seine Freunde, die Grizzlybären, zu schützen und einer der ihren zu werden. Der Gefahr dabei war sich Treadwell durchaus bewusst, vielleicht machte gerade sie den Reiz für ihn aus: „If I show weekness, I’m dead. They will take me out, they will decapitate me, they will chop me up into bits and pieces.“ Er dokumentiert die Tiere beim Fischen im Bach ebenso wie bei atemberaubenden Kämpfen, die ihre ganze wilde Gewalt offenlegen. Er betritt eine Welt, die nicht die seine ist, die überhaupt keine Welt für Menschen ist, und er kommt den Grizzlys gefährlich nahe – wie nahe, zeigt die Hand des Filmemachers, die in einer Szene des Originalmaterials plötzlich seitlich ins Bild greift und den Bären an die Nase stupst: „Stop! Go away!“, wehrt der Mann hinter der Kamera das Tier ab.

Grizzly Man

Die Kamera ist Treadwells Heiligtum. An ihr müssen auch die Bären Halt machen. Sie bildet die zweite Grenze, die Treadwell selbst laufend überschreitet, wenn er vom Regisseur und Dokumentator hinter der Kamera zum Schauspieler, Kommentator und Selbstdarsteller vor der Linse wechselt. Herzog arbeitet in seiner Auswahl und Zusammenstellung von Szenen heraus, wie filmisch Treadwells Bilder sind, wie sehr er sie inszeniert, sie probt, Sequenzen wieder und wieder wiederholt, aber auch, wie unbewusste Bilder voller Poesie ganz nebenbei entstehen. Treadwell schwankt währenddessen zwischen verschiedenen Rollen: Manchmal agiert er als comedyhafte Ulknudel zwischen Newsweek- und Monthy-Python-Kommentator mit einem Schuss Eddie Murphy. Dann wieder ist er ganz der sentimentale, zu groß gewordene Junge mit manisch-depressiven Zügen und dem Teddybär aus Kinderzeiten im Zelt, der die Grausamkeit der Welt nicht versteht. Er zeigt sich als Matrixweltenerklärer des Bärenuniversums mit Sonnenbrille und Bandana im schwarzen Mantel und als spielerischen Dogmafilmer, der mit den Füchsen tanzt. Treadwell gibt den Grizzlys Namen wie „Rowdy the Bear“, „The Gringe“, „Mr. Chocolate“ und „Meckie“. Er ist ein postmodernes Selbstinszenierungswunder der Filmzitate. Manchmal schreit er die Kamera an, die dann zum Auge Gottes wird: „I want rain. I want, if there’s a God, to kick some ass down here. Let’s have some water! Jesus boy! Let’s have some water! Christ man or Allah or Hindu floaty thing! Let’s have some fucking water for these animals!”

Grizzly Man

Obwohl man Herzogs Herz für diesen Rebellen auf der Scheide zwischen Genie und Irrsinn deutlich schlagen zu hören meint, distanziert sich der Regisseur hier seinem Protagonisten gegenüber entschiedener, als dies in früheren Filmen der Fall war. Es mag dem dokumentarischen Genre geschuldet sein, dem reiferen Alter des 1942 geborenen Regisseurs oder aber dem brisanten Thema, dass er kommentierend aus dem Off eingreift und die Grenzen der Identifikation mit dem „Grizzly Man“ klar zieht: Nicht Harmonie sei die herrschende Macht der Natur, sondern „hostility and murder“. Von Timothy Treadwells und Amie Huguenards Ende existieren keine Bilder, wohl aber eine Tonaufnahme, da die Kamera bei verschlossener Schutzkappe lief, als die beiden von einem unbekannten Bären überrascht wurden. Herzog erspart dem Filmzuschauer den Mitschnitt vom Unglücksort, und er tut dies auf geschickte Weise: Er filmt sich selbst in Rückenansicht unter Kopfhörern, während er die Aufnahme anhört, und spricht Timothys und Amies Worte parallel ein, bis er das Band tief betroffen stoppt und dessen Vernichtung empfiehlt. Seine Reaktion sagt alles – oder doch genug.

Werner Herzog hat mit den Aufnahmen des „Grizzly Man“ ein grandioses Material gefunden, das er auf einfühlsame und faszinierende Weise aufarbeitet. Der Film bietet atemberaubende Naturaufnahmen und lässt in der Auswahl der Videosequenzen und Kommentare aus dem Off den nur Herzog eigenen Irrwitz aufblitzen, den wir so lange vermisst haben: ein großer Film, der erstaunlicherweise trotz zahlreicher Kritikerpreise in Übersee im Heimatland seines Regisseurs bisher keinen Verleih gefunden hat. Schon seit einiger Zeit im internationalen Handel, wird er ab dem 13.11.2006, wenigstens im DVD-Format, endlich auch in Deutschland zu beziehen sein.

 

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