Grigris' Glück

Behinderte Freiheit.

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Souleymane (Souleymane Démé) ist ein junger Mann, dem im Leben nichts geschenkt wird. Sein gelähmtes Bein schränkt ihn in seiner Bewegungsfreiheit ein, sein Onkel, der für ihn eine Art Vaterersatz ist, liegt im Krankenhaus, und das Fotogeschäft, das er übernehmen soll, hat keine Zukunft, weil im digitalen Zeitalter ohnehin jeder Fotograf ist. Doch dann gibt es auch Momente, in denen Souleymane seiner wahren Leidenschaft nachgehen kann. Nachts in einem Club verwandelt er sich in den Tänzer Grigris und bringt das Publikum mit seiner Darbietung zum Toben.

Wenn ein Film mit so einer Story beginnt – noch dazu ein afrikanischer, der auf ein internationales Publikum schielt –, ist in der Regel mit dem Schlimmsten zu rechnen. Gehbehinderte Menschen mit Tanzbegeisterung gibt es zweifellos auch im wirklichem Leben. In einem Drehbuch gerät so ein Motiv aber oft zur billigen Wohlfühlbotschaft: Man kann alles im Leben erreichen, wenn man es nur richtig will. Die erste Überraschung an Grigris' Glück (Grigris) ist, dass die Tanzszenen ohne emotionale Verstärker auskommen, eher dokumentarisch und distanziert wirken. Es gibt auch keine spektakulären Kunststücke oder Breakdance-Moves, mit denen die Clubgäste begeistert werden, sondern eine Performance, die durchaus eigenwillig ist: mal ein bisschen unbeholfen, mal beeindruckend kreativ und die ganze Zeit vor ungemeiner Energie strotzend.

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Die zweite Überraschung ist, dass Grigris dieses Motiv nicht vertieft und seinen Helden beispielsweise nicht versuchen lässt, einen Tanzwettbewerb zu gewinnen. Der Film lässt zwar Raum für das Tanzen, ohne es jedoch  für die Handlung zu instrumentalisieren. Und auch die Behinderung der Hauptfigur wird überraschendweise nie zum Thema. Man sieht es immerhin nicht oft im Kino, dass mit einer Beiläufigkeit wie hier ein Körper inszeniert wird, der nicht der Norm entspricht. Selbst wenn Grigris die im Vintage-Look aufgebrezelte Hure Mimi (Anaïs Monory) kennen und lieben lernt oder sich einem koranfesten Benzinschmugglerring anschließt, um für die Operation seines Onkels aufzukommen, schränkt ihn die Behinderung nicht ein.

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Mahamat-Saleh Haroun zählt zu den wenigen Regisseuren aus dem Tschad, die überhaupt Projekte realisieren können. Möglich ist ihm das, weil seine Filme von Frankreich koproduziert werden. Mit seinen letzten beiden Arbeiten Darrat – Trockenzeit (Darrat, 2006) und Un homme qui crie – Ein Mann der schreit (Un homme qui crie, 2010) schaffte es Haorun nicht nur nach Cannes und Venedig, sondern auch in die deutschen Kinos. Beide Filme bedienen sich einer einfachen, klar strukturierten Geschichte, die in unaufdringlich schönen Bildern erzählt wird. Sie sind langsam, aber nicht langweilig, distanziert, aber nicht kühl. Man kann ihnen kaum etwas vorwerfen, außer vielleicht, dass sie in ihrem Anspruch an sich ein bisschen selbstgenügsam sind. Besonders Un homme qui crie ist von einer Einfachheit bestimmt, die kaum Mehrwert erzeugt, sondern streckenweise droht, ins Banale abzugleiten.

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Grigris grenzt sich von seinen Vorgängern ab, weil er auf ein dichteres Drehbuch und ein erhöhtes Tempo setzt. Sogar Genreelemente finden in den Film Einzug, inklusive einer Verfolgungsjagd. Diesmal jedoch schlägt das Pendel in die andere Richtung: Was in früheren Filmen zu wenig war, ist diesmal zu viel. Haroun überfrachtet seine Geschichte nicht nur mit Handlung und Dramatik, sein Drehbuch wirkt auch seltsam zerrissen. Zu sehr engt der Film seine Figuren mit dramaturgischen Wendepunkten ein und verliert bei der Organisation der Handlungsstränge die Übersicht. Das ist besonders deshalb schade, weil Grigris durchaus vielversprechende Ansätze und Augenblicke besitzt. Die stärksten Momente sind jene, in denen sich Haroun Zeit für genaue Beobachtungen nimmt. Den Vorgang des Schmuggelns etwa inszeniert er in einer längeren Sequenz, vollzieht die mühevolle Arbeit der Männer nach, indem er ihnen folgt, wie sie einen Fluss überqueren und die Kanister lärmend durch einen Abwasserkanal ziehen. Hier wirkt die Hauptfigur plötzlich wieder lebendig, weil sie eben nicht von stereotypen Handlungsmomenten behindert wird. Doch schon im nächsten Augenblick sehnt man sich wieder nach der Freiheit von Grigris’ Tanz.

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