Green Zone

Ein vermeintlicher Antikriegsthriller, der doch nur eine weitere Kriegsheldengeschichte ist: Warum die Dinge meist doch das sind, wonach sie aussehen.

Green Zone

Die „Green Zone“ ist ein etwa zehn Quadratkilometer großes Gebiet in Zentral-Bagdad, das während der Besetzung des Iraks im „War on Terror“ als amerikanischer Militärstützpunkt diente. Paul Greengrass hat seinen neuesten 100-Millionen-Dollar-Blockbuster paradigmatisch nach dieser abstrakten, kartografischen Zone benannt, den Fokus auf den bildgewaltigen Schauplatz setzend.

Ähnlich einer Umweltschutz-PR-Kampagne von Shell, die nichts als Imagepolitur und Ablenkung von der eigentlichen Firmenpolitik verfolgt, wird hier ein konventioneller Actionthriller mit der Brisanz eines Politikums beglaubigt, für das er sich nur, soweit es ihm als heldenhafte Selbstfundierung dienlich ist, interessiert.

Green Zone

Was jeder weiß, sagt dieser Film noch einmal: Es gab bei Kriegsbeginn 2003 keine Massenvernichtungswaffen im Irak. Wieso ist Amerika mit so vielen Lügen, bewusster Fehlinformation, mangelnder Weitsicht und Aufklärung, gegen den Willen des größten Teils der Weltbevölkerung in den Krieg gezogen? Green Zone weiß es auch nicht. Beschämender Geschichtsrevisionismus und Figurenplattitüden zeichnen diesen Kriegsunterhaltungsfilm, der mit einer Schnittfrequenz von ca. drei bis vier Sekunden systematisch leere Aufregung und Desorientierung schafft, die durch das überwältigende und auf Spektakularisierung ausgerichtete Sounddesign noch forciert werden. Nie weiß man, wo man ist, nie versteht man einen Deut irakische Geografie und Bevölkerung, die zu reinem Hintergrunddekor einer weiteren amerikanischen Heroengeschichte degradiert werden, in der es immerzu so laut knallt, dass man beinahe aus dem Kinosessel fällt.

Green Zone

Ein tüchtiger, weißer Soldat, Miller, der von Matt Damon gespielt wird, läuft im ungebrochenen Gerechtigkeits- und Aufklärungseifer mit seiner dicken Knarre durch die zerstörte Wüstentrümmerkulisse auf der Suche nach der Wahrheit. Ihm zur Seite steht dabei völlig unglaubwürdigerweise der Iraker Freddy, eine reine Drehbuchfigurenkonstruktion, die sich in derart peinlichem Hollywood-Standard-Jargon einführt („Sie können mich auch Freddy nennen“), dass unmissverständlich klar wird, dass es hier ausschließlich um den Export von Heldenideologie geht, in der kein Platz ist für eine Auseinandersetzung mit Geschichte, Ort oder Menschen, die damals und noch heute unter grauenerregenden Bedingungen in diesem Krieg leben und sterben. In Anbetracht dieser Tatsache ist Green Zone nichts als blanker Hohn und Zynismus, der aus der Realität der Geschichte einen pseudopolitischen Computerspielplot macht.

Zu allem dramaturgisch-stigmatisierenden Überfluss wird Freddy auch noch durch sein amputiertes Bein gekennzeichnet, das er im Irak-Iran-Krieg verlor, was ihm endgültig den Männlichkeitsstatus dezimiert und „die Iraker“, die er dramaturgisch stellvertritt,  als verkrüppelte Opfer mythisiert, während der unversehrte Fitnesskörper Millers am Ende den Skandal der Massenvernichtungswaffenlüge aufdeckt und glorreich durch die Wüste in seinem Jeep davonfährt, die Fragen der Schuld, Verantwortung und Stellungnahme ebenso in der Wüste zurücklassend wie das Land, das in Schutt und Asche verbleibt.

Green Zone

Der Film vermarktet dieselbe manipulierte Actionheldvirilität, die George Bush in seiner korrumpierten „Mission Accomplished“-Rhetorik verwandte, um Volkes Anklang zu erheischen. Immerzu reden die Helden dieses Films in vermeintlich „wissenden“ Conclusio-Slogans, obwohl sie nichts festzustellen vermögen, außer dass einige ranghohe Amerikaner in einem vermuteten Komplott zur Legitimation des Krieges die Unwahrheit verbreiteten. Wobei das womöglich das Interessanteste an diesem Film ist: Wie er mit dem verschwörerischen Verdacht des geheimen Plans, der verborgenen Intelligenz und Absicht arbeitet, die hinter dem katastrophalen Chaos der Kriegsführung geglaubt wird.

Wer wirklich was warum im Schilde führte, damit der Krieg initiiert werden konnte, bleibt vollkommen unklar, so dass man sich gen Ende des Films denkt, dass in Wirklichkeit vielleicht alles bloß genau das ist, wonach es aussieht – ein Riesenfehler, begangen aus maßloser Selbstüberschätzung. So könnte die Vermutung eines großen Sinnzusammenhangs und geheimen Plans hinter der Unfassbarkeit der Ereignisse selbst die eigentliche Verschwörung darstellen. Die Diversität der Ereignisse bringt ebenso diverse Interpretationen hervor, die wiederum diverse Wahrheiten erzeugen. Was aber stets wirklich und auszuhalten bleibt, ist die radikale Instabilität all dieser Wahrheiten. Das legitimiert gewiss keinen apolitischen, resignierten Eskapismus vor dem Chaos und Irrsinn des Krieges, sondern untermauert umso mehr die Notwendigkeit, sich mit ihm auseinanderzusetzen. André Gide schrieb: „Vertrauen Sie denen, die nach der Wahrheit suchen, und misstrauen Sie denen, die sie gefunden haben.“

Green Zone

Der dürftigen Wahrheitssuche eines Films wie Green Zone muss man in diesem Fall misstrauen, da er augenscheinlich nichts anderes bezweckt, als alles Heikle der Komplexität historischer Ereignisse auf Egoshooterniveau zu einer verklärt-verherrlichenden Lust und Erregung am vermeintlich sinn- und ordnungsstiftenden Macht- und Herrscherrausch herunterzubrechen. In ästhetischer Parallelität spiegelt der Film die Hybris amerikanischer Kriegspolitik: Zu feige und eingebildet, sein Unwissen einzugestehen, ballert man umso lauter um sich, in der Hoffnung, dass keiner merkt, was längst evident ist: Sie wissen nicht, was sie tun.

Trailer zu „Green Zone“


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Kommentare


Christian Sprink

Wieso wird immer kritisiert wenn Action mit ernsten Themen kombiniert wird?Der Film ist kein objektiver und gut recherchierter Artikel in der taz. Aber bei aller Unterhaltung, wird die Täuschung, Ignoranz und das dortige Chaos gut dargestellt. Meiner Meinung nach ist es ein guter Actionfilm, der wenn man es möchte auch zum Nachdenken einlädt. Mehr sollte so ein Film nicht bieten und einen größeren Anspruch hat der Film auch nicht erhoben. Für alles Andere gibt es Bücher, Zeitungen und ernsthafte Dokumentationen.


Banana Joe

Soll diese Kritik für Durchschnittszuschauer hilfreich sein? Oder geht es nur darum zu zeigen, wie toll man die deutsche Sprache beherrscht?Sorry, voll Banane diese Kritik...


8martin

Der erste ernstzunehmende Film, der die Lüge des amerikanischen Präsidenten Bush entlarvt, dass es im Irak Massenvernichtungswaffen (WMD) gab. Es wird hier klar herausgearbeitet, dass es nur der fadenscheinige Vorwand war, gegen den Diktator Saddam Hussein Krieg zu führen. Hohe Beamte haben Dokumente gefälscht, um Argumente für den Kriegseinsatz zu liefern. Das weiß man alles inzwischen. Hollywood hat 2010 nachgezogen.
In bester Kriegsfilmmanier wird hier durchaus spannend eine historische Unwahrheit aufgedeckt. Roy Miller (Matt Damon), ein Vertreter des Militärs, gibt den unerschrockenen Aufklärer, der sich auch von getürkten Presseberichten nicht beirren lässt. Er wird vom CIA Mann Martin Brown (Brendan Gleeson) unterstützt. Doch den politisch Verantwortlichen gefallen ihre Nachforschungen nicht.
Die Verkündigung von George W., dass Amerika den Krieg gewonnen habe, kommt gut als Farce rüber. Ebenso die leeren Phrasen der Politiker, dass ‘Jetzt die Freiheit im Irak beginnt ‘. Aber wir sehen auch kurz die Uneinigkeit der Iraker untereinander. Streit lähmt hier den Fortschritt der Ereignisse. Da muss doch Amerika helfend eingreifen.
Regisseur Paul Greengrass hält sich bei der Schilderung auffallend zurück. Es gibt keine Wertung. Die Fakten sprechen für sich.
Die Ironie dabei ist, dass gerade in der ‘Green Zone‘, die als besonders gesichert galt, die Kriegstreiber am Werk sind, die den Krieg als Geschäft nutzen. Klasse.






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