Green White Green

Woche der Kritik 2017: Improvisationsgeist auf dem Sandhaufen. In Abba T. Makamas Nollywood-Persiflage Green White Green basteln sich die vier Freunde ein Kino so zusammen, wie sie ihre Heimat gerne hätten. ACTION!

Green White Green 1

Die Bilder des Films: Action Painting auf die Kamera hin, zu der mitreißenden Loop-Musik. Stimmt nicht, dass man, einmal in den Loop geraten, nicht weiterkommen kann. Man kommt sehr wohl weiter. Vorausgesetzt, man schämt sich nicht dafür, dass einem das Geld und das Handwerk fehlen. Die Mängel des mittellosen und dilettantischen Filmvorhabens, das im Zentrum von Abba Makamas Green White Green steht, dürfen nicht an die innere Erwachsenenstimme verraten werden, die die Vorbehalte des Systems in Selbstbeschuldigung überführt. Über den deutschen Film hat Richard Brody, der Filmkritiker des New Yorker, mal gesagt, dass hier das Handwerk die Geschichten auffresse ...

Something out of Nothing

Green White Green 2

In der heimischen Filmografie Nigerias (Nollywood ist dort ebenfalls eine geläufige, aber als nicht unproblematisch gesehene Bezeichnung) wurden die „armseligen“ production values zwar als Problem, aber auch als eigene Formensprache, als Stil registriert. In der mittlerweile 20-jährigen Erfolgsgeschichte (über deren wichtigsten Vorboten wir kürzlich berichtet haben) liefen die filmemachenden „Kinder“ den zensierenden „Erwachsenen“ davon. Mit rein kommerziellem Kalkül und in einer straight-to-video-Formel bespielten sie ihre Wohn- und Schlafzimmer und produzierten wie im Rausch, als wären sie nach der heimischen Ölkrise auf die neue Goldmine gestoßen. Heute ist der nigerianische Film nicht (oder zumindest nicht nur) im informellen Wirtschaftssektor beheimatet. Man spricht inzwischen von Standard und Substandard, es gibt Glamour und Stars. Diese neuen Etablierten ließ Abba T. Makama in seinem 2014 fertiggestellten Dokumentarfilm Nollywood: Something out of Nothing zu Wort kommen. Was hier deutlich artikuliert wird, ist der Stolz über die Wiederaneignung des Kinodispositivs, darüber, dass die nigerianischen Filmemacher sich von niemandem bevormunden lassen.

Austricksen der Hindernisse

Green White Green 3

In Green White Green zeichnet Makama nun die Sammelbilder der drei größten in Nigeria beheimateten Ethnien – Igbo, Hausa und Yoruba – in Gestalt dreier Kindheitsfreunde. Die jungen Männer kommen aus unterschiedlichen Verhältnissen, versuchen sich aber den für sie jeweils bestimmten Zukunftsentwürfen querzustellen. Ein plötzlicher Einfall – sie wollen einen Kurzfilm drehen, eine kleine Fabel über ein sehr großes Land! Ein zweiter plötzlicher Einfall – um der Wirklichkeit um sie herum gerecht zu werden, soll es ein filmisches Mosaik werden! Nigeria sei Frankensteins Monster von einem Land, zum Leben erweckt, das so nicht dazu bestimmt war. Ein Ethnienmischtopf, ein Babylon aus lauter Oxymora, die sich stets auseinanderzuzerren versuchen und Gottweißwie noch vereint bleiben. „The persistence of Nigeria defies the Gods“, heißt es. Der Schauplatz des Kurzfilms ist ein kleines leerstehendes Gelände, in der Mitte ein Sandhaufen. Unsere Freunde lernen, dass der kreative Prozess einen Luftdurchzug braucht. Die großen Hindernisse trickse man aus, indem man sich von den kleinen nicht einengen lässt. Filmemachen ist Feilschen: Die eigene Sache handelt man hoch, die des anderen möglichst herunter. Von ihrem Sandhaufen aus veralbern die jungen Dilettanten die daheim herrschenden Vorurteile mit einem sanften Augenzwinkern. Wie sich ein Hausa gegenüber einem Igbo oder einem Yoruba aufführt und umgekehrt; wie sich jeder hochschaukelt, sich aufbläht. Korruption ist bei Weitem das größte Übel, ein flammenspuckender Dämon, den man sich mit so vielen Köpfen ausmalen kann, wie es einem gefällt.

Witzig und schmalzig

Green White Green 4

Und so ist Green White Green ein gestraffter Film-im-Film geworden, ein überspanntes, witziges, mitunter auch genießerisch schmalziges Kino, das sich am Prozess und am Schauen des Zuendegebrachten zu erfreuen weiß. Makama bespielt es mit Beethoven, Bizets „Carmen“ und dem heimischen Disco so lässig, dass alles zusammenpasst. Aus dem Mainstream-Stoff Nollywoods gewinnt er die Elemente seines eigenen Mosaiks und schert sich nicht darum, die eingefangenen Eindrücke durch sanfte Übergänge als Ganzes auszugeben. In die Kadrage schleicht sich die von Nollywood vertraute Leere ein, auf der Tonspur tun sich hin und wieder kurze Löcher auf. In meiner Lieblingsszene dreht der mit den Protagonisten befreundete „Regisseur“ einen Science-Fiction-Film. Darin versucht ein mit Alufolie umwickelter Terminator die ihrerseits mit einem Kinderspielball schwangere Sarah Connor umzuhauen. Sei es Makamas Persiflage oder seine heimischen Vorbilder – man glaubt gern, dass das nigerianische Kino über sich zu lachen weiß. Green White Green lässt sich jedenfalls einiges abgewinnen. Wenn man so will: „a little piece of greatness“.

Trailer zu „Green White Green“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.