Große Erwartungen

Mike Newell huldigt dem vielfach adaptierten Dickens-Stoff mit einem Kostümfilm, orientiert sich dabei aber zu sehr an der erzählerischen Dichte der Vorlage.

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I am what you made me. Nach den großen Gefühlen der in die Gegenwart verlegten Adaption von Alfonso Cuaròn (1998) rückt in der neusten Verfilmung von Große Erwartungen wieder das Motiv der schicksalhaften Abhängigkeit ins Zentrum. Mike Newell, der übrigens genauso wie bereits Cuaròn für einen Teil der Harry-Potter-Reihe verantwortlich zeichnete (Harry Potter und der Feuerkelch, Harry Potter and the Goblet of Fire, 2005), verlegt die Filmerzählung zurück in das Originalsetting der Romanvorlage: ein düsteres England kurz vor Beginn des viktorianischen Zeitalters; eine Gesellschaft, in der sich die sozialen Umwälzungen der industriellen Revolution bereits andeuten, in die sich aber auch das in Auflösung befindliche System von Herkunft und Klasse nochmal mit aller Macht tief und hässlich einschürft. Du bist, was du isst, oder eben auch nicht: Reiche Gentlemen bewerfen sich in vom Dreck der überfüllten Londoner Großstadt separierten Räumen mit Truthahn, während eine sich dem alten Adel anbiedernde Unterschicht auf dem Land am Hungertuch nagt.

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Vollwaise Pip (Toby und Jeremy Irvine) lebt mit seiner tyrannischen Schwester und deren Mann, dem jungenhaft kumpelhaften Schmied Joe Gargery (Jason Flemyng) in einem kleinen Dorf im öden Marschland. Er soll ebenfalls Schmied werden, so ist es eben vorbestimmt. Doch der bildungshungrige Junge will höher hinaus, und der Zufall meint es gut mit ihm: Miss Havisham (Helena Bonham Carter), eine so reiche wie verbittert exzentrische Schlossherrin, engagiert ihn als Spielgefährten ihrer hübschen Tochter. Die hochnäsige und lieblos erzogene Estella (Helena Barlow/Hollyday Grainger) dient der alten Havisham, die vor vielen Jahren am Tag ihrer Hochzeit vom Bräutigam sitzen gelassen wurde, als abgerichtetes Instrument ihrer Rache am männlichen Geschlecht. Pip verfällt ihr und erhält aufgrund einer unbekannten Gönnerschaft eines Tages die Möglichkeit, als wohlhabender Gentleman in London zu leben. Ohne zu zögern und mit der Hoffnung auf eine große Zukunft mit Estella als Frau an seiner Seite macht er sich auf in ein neues Leben, nur um nach und nach zu erkennen, dass er eben doch nur eine kleine Bauernfigur in einem noch viel größeren Schachspiel voller mörderischer Intrigen und getäuschter Gefühle ist.

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Große Erwartungen ist ständiges Bewegungsbild, die Kamera kommt kaum einmal zur Ruhe: Andauernd wird gezoomt oder dramatisch nachgeführt, unzählige Kranfahrten scheinen sich in ihrer Virtuosität geradezu überbieten zu wollen. Die entsättigten und mit viel Schwarzwert versehenen Bilder fangen in ihrer Kühle sowohl die karge Küstenlandschaft Englands als auch die wie eine einzige mittelalterliche Gosse daherkommende Hauptstadt London gut ein. Ein zu Beginn äußerst kantig abgemischter Sound verstärkt die in ihrer harten Gangart und Intensität sehr beeindruckend inszenierte Anfangssequenz noch. Im weiteren Verlauf dominiert dann jedoch eine immer wieder in affektheischende Streicherfolgen aufgelöste und zutiefst leitmotivisch funktionalisierte Musik. Dazu werden streng symbolisch komponierte Bilder in ständig wechselnden Umgebungen präsentiert. In einem audiovisuellen Flow fegt der Film regelrecht über das Dickens’sche Storygeflecht hinweg, jedoch ohne dabei müde zu werden, jedes einzelne seiner Elemente als überbedeutend markieren zu wollen. Effekt ist ein „too much“, das in seinem horizontalen Eilen die Tiefe vergisst: Die äußerst getwistete Dramaturgie und komplexe Figurenkonstellation der literarischen Vorlage droht im Versuch, diese Epik in der erzählten Zeit eines klassischen Großfilms einzuholen, immer wieder auseinanderzufallen.

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Statt die angedeutete Anlage zu fokussieren, das persönliche Einzelschicksal Pips mit der klassengebundenen Gesellschaftskonfiguration zu koppeln – und somit durchaus Dickens’ moralistischen Standpunkt zu rekonstruieren –, verliert sich Große Erwartungen in einem Modus des Auserzählens. Die bemerkenswerte Verflechtung eines melodramatischen Zu-Späts des tragischen Individuums Pip in einem größeren soziologischen Kontext von Herkunft und Ungleichheit wird dabei zwangsläufig ausgefranst, die aufwändig gestalteten Bilder bleiben bodenlose Oberfläche. Vielleicht wird das epische Erzählen Dickens’ nicht umsonst immer wieder mit den mit deutlich mehr Erzählzeit ausgestatteten Erfolgsserien des amerikanischen Quality TV in Verbindung gebracht – man darf daher gespannt sein auf die zweite Verfilmung des Stoffes anlässlich des diesjährigen 200. Geburtstages von Dickens: Sarah Phelps adaptierte den Roman als dreiteilige Fernsehserie, die demnächst auch in Deutschland auf DVD erhältlich sein wird.

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