Raw

Coming of Veggie, oder: Sind Vegetarier die besseren Kannibalen? In ihrem Debütfilm erzählt Julia Ducournau von einem bedrohlichen sexuellen Erwachen.

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Das Grauen fängt mit einer rohen Hasenniere an, die Justine (Garance Marillier) im Rahmen ihres universitären Initiationsritus verspeisen soll. Als Frischling an einem Institut für Tiermedizin muss sich die verschlossene Musterschülerin allerlei Demütigungen gefallen lassen, bei denen sie herumgeschubst, angeschrien oder mit Farbe überschüttet wird. Man kennt die Bilder von Universitäten aus aller Welt. Wer einer Studentenverbindung beitreten will, muss beweisen, was er aushalten kann, zeigen, dass er unbedingt dazugehören will und auch würdig ist, nicht als Unantastbarer auf dem Campus zu enden. Nachdem die von ihren Bobo-Eltern streng vegetarisch erzogene Justine bei einer dieser Aufgaben schließlich das glibberige Stück Fleisch heruntergewürgt hat, macht sich bei ihr eine Veränderung in der Persönlichkeit bemerkbar, deren gravierendste Auswirkung ein unstillbarer Hunger nach Menschenfleich ist.

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Julia Ducournaus bemerkenswerter Debütfilm Raw (Grave) erzählt von einem schmerzhaften Reifeprozess und einem bedrohlichen erotischen Erwachen. Im Grunde handelt es sich dabei um eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, die aber mit den Mitteln des Horrorkinos erzählt wird. In den letzten Jahren gab es immer wieder unabhängige Filmemacher, die die politischen, sozialen und sexuellen Subtexte des Genres in den Vordergrund rückten. David Robert Mitchells It Follows (2014) ist durch seinen Fokus auf die zerrütteten Seelenwelten von Teenagern der engste Verwandte von Ducournaus Film. Im Gegensatz zu ihm leidet Raw streckenweise noch an den Kinderkrankheiten eines Erstlingsfilms; an der Ambition, möglichst viele Ideen hineinzupacken, und daran, einfach die Musik (Jim Williams) laut aufzudrehen, wenn sich diese nicht mehr elegant in die Handlung einflechten lassen. Doch Ducournaus ungebremste Leidenschaft, die sich in jedem ihrer Bilder findet, und ihr böser, aber nie schlaumeierisch zynischer Humor, lassen das den Zuschauer gerne vergessen.

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Kannibalismus ist in Raw etwas Buchstäbliches; ein Verlangen, das der Film in vielen Szenen mit Body-Horror-Exzessen nach außen trägt, bei denen man manchmal gerne den Blick von der Leinwand abwenden möchte. Er hat jedoch auch etwas Metaphorisches, steht für eine unterdrückte und unkontrollierbare Sexualität, die zunehmend Besitz von Justine ergreift. Bald betrinkt sich das Mädchen hemmungslos auf Studentenpartys, spürt sich immer stärker zu ihrem schwulen Mitbewohner Adrien (Rabah Nait Oufella) hingezogen und verliert, allen moralischen Zweifeln zum Trotz, ihre Beißhemmung. Ducournau zeichnet eine Entwicklung von einem Extrem des Außenseiterdaseins zum nächsten nach. Von der unscheinbaren Streberin wird Justine schnell zum unberechenbaren bad girl, mit dem niemand mehr etwas zu tun haben will.

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Eine Zeit lang kann man sich nicht ganz sicher sein, worauf die Regisseurin eigentlich hinauswill. Haben wir es hier etwa mit dem Manifest einer Hardcore-Vegetarierin zu tun, oder gibt es vielleicht sogar lustfeindliche Untertöne im Film, die den Sex als gefährliche, mit Kannibalismus vergleichbare Versuchung gleichsetzen? Raw setzt an den richtigen Stellen witzige Brechungen ein und begegnet seiner Hauptfigur ohnehin mehr mit Faszination als mit Abscheu. Justines wahnhaftes Taumeln lässt Raw uns durch seine bildgewaltige Inszenierung am eigenen Leib spüren. Doch dass wir uns von Justine nie lösen, hat auch noch einen anderen Grund. Umgeben von sadistischen Aufnahmeritualen und überheblichen Lehrern wirken ihre Beutezüge plötzlich gar nicht mehr so scheußlich. Ihr Kannibalismus erscheint vielmehr als ein betont weiblicher Gegenentwurf. Während bei den Studentenverbindungen das Patriarchat sein hässliches Haupt erhebt (sogar die Studentinnen skandieren bei den Marschliedern, wie steil ihre Schwänze nach oben ragen), steht Justines Fleischeslust für eine matriarchale Form der Gewalt, die stärker von Gefühlen geleitet ist und mitunter an eine Essstörung denken lässt: Der Wunsch nach der totalen Kontrolle über den eigenen Körper endet in einem Desaster.

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