Grand Central

Radioaktive Strahlen für die Liebe.

Grand Central 01

Tahar Rahim ist immer auf Draht. Keine Bewegung ohne Ziel, kein Sitzen ohne Warten, kein Blick ohne Adressaten. Seine innere Spannung als Gary fängt der Film in klaren Nahaufnahmen ein, die stets zu klein wirken, um seine berstende virile Kraft halten zu können. Die Kamera schießt in den Raum hinein, erfasst und schafft selbst eine drängende Lebendigkeit, bildet einen fragmentarischen Ausschnitt, der stets auf das Außen, auf die große weite Welt verweist, von der Gary nicht mal zu träumen wagt. Denn in der Männerdomäne der Hilfsarbeiter einer Atomkraftanlage ist er bei aller Bestimmtheit und Unnachgiebigkeit auch der überraschend Bescheidene und der Galante. Einen seiner ersten Sätze richtet er in einem unterhitzten Gefecht an einen Freizeitdieb: „Selbst wenn man sich anflucht, gibt es keinen Grund, dabei unhöflich zu sein.“ Der Dieb vermittelt ihm einen Job. Jeder ist irgendwie gebrochen und alle haben eine Geschichte in Grand Central. Fast nie aber sind es Worte, die diese erzählen, vielmehr materialisieren sie sich nach und nach im unaufhaltsamen Strom des sich zuspitzenden Dramas, das bis auf die Stimmung und die Story alles von einem Actionfilm hat.

Grand Central 05

Nur selten lässt uns Rebecca Zlotowski Luft schnappen, und auch in dieser Hinsicht beherrscht sie ihren meisterlichen Bilderreigen: Wie bereits in ihrem herausragenden Debüt Belle Épine (2010), der in Deutschland unsichtbar blieb, ist die Rastlosigkeit ihrer Protagonisten tief in die DNS von Grand Central eingeschrieben. Man reibt sich die Augen, ob ihrem dicht erzählten, souverän komponiertem Stück Kino, dem in Sachen Präzision und Affektökonomie, wenn überhaupt, nur bessere Genrefilme das Wasser reichen können. Im Zentrum stehen gleichermaßen eine Liebesgeschichte und die Verdingung im Atomkraftwerk. Die gesundheitlichen und ethischen Gefahren lauern in der einen wie der anderen, mit Entschlossenheit steuert Gary in beide hinein, setzt sich den Strahlungen aus und beginnt eine Affäre mit der Verlobten eines Kollegen. Was Zlotwoski mit diesem Setting, das auf eine Idee ihrer Co-Autorin Gaëlle Macé zurückgeht, anstellt, ist nur ein Beispiel für die genau austarierte Balance von Grand Central. Denn obwohl es sich dafür anbieten würde, verkommt die heikle Arbeit unter größter Anspannung, das Opfer einer radioaktiven Verstrahlung, um in der Nähe der Geliebten zu bleiben, nie zum metaphorösen Anhängsel oder zur symbolistischen Folie. Beide Entwicklungen, Garys Verstrickung in die Liebe und in das Kraftwerk, sind geerdet, genau und glaubhaft inszeniert.

Grand Central 02

Mit Léa Seydoux hat Rahim eine Gegenspielerin, die auch im Rückzug ihre Ausdrucksstärke nicht einbüßt. Beide geben den Figuren sehr viel mehr als Körper und Intensität. Sie haben eine Präsenz, die ständig zu entgleisen und zu entgleiten droht. Sie sind Grenzgänger, die vom sichtbaren Method Acting sich profilierender „Charakterdarsteller“ nicht entfernter sein könnten. Man wird das Gefühl nie los, sie könnten in jedem Moment der Kamera entwischen, unsichtbar werden oder mit ihren Schatten verschmelzen. Eine Schauspielleistung, die kaum gemessen werden kann, die aber nachbebt, weil die Protagonisten sich dafür umso eindringlicher erfühlen lassen. Während der wie bereits bei Belle Épine von Rob gestaltete Soundtrack immer experimenteller wird und die dröhnenden Bässe schließlich in den Sirenen des Kraftwerks aufgehen, wird die Liebesgeschichte immer konventioneller. Das erlauben und ermöglichen die straffe Dramaturgie und die bemerkenswert nüchterne Montage, die kein Bild über seine physische, notwendige Bedeutung hinaus stehen lässt. Grand Central kann sich seiner Wirkung gewiss sein und schöpft gerade aus dieser Selbstsicherheit, um Geborgenheit zu vermitteln. Es ist eine Geborgenheit, die dem Arthouse fehlt, seitdem es sich aufs Wohlfühlen und das Leiden als binäres Erlösungsschema kapriziert hat.

Grand Central 03

Grand Central hat etwas von einem dokumentarisch angehauchten Arbeiterfilm, die Schilderungen aus dem Werkalltag fügen sich ganz selbstverständlich, sie sind widerspruchslos zugleich faktische Gegenständlichkeit und so abstrakt, dass sie eine Form von absurder Sisyphusarbeit suggerieren. Zlotowsky nimmt ihre Figuren und ihr Tun ernst, lässt den Strahlenexperten, den Medizinern, den Dienstleitern und den Chefs ihre Funktion, kondensiert, aber ohne auf die Komplexität und die Struktur von Arbeit zugunsten des personalisierten Dramas zu verzichten. Die Konflikte auf Arbeit sind nie schlichtes Echo der privaten, sie verdoppeln und kontrastieren einander. Grand Central nimmt sich des Milieus an und inszeniert es in zart aufflackernden Momentaufnahmen. Die Zehen krümmen sich am Wohnungseingang, als schämten sie sich vor den dreckigen Socken, die sie plötzlich gezwungen sind zu exponieren. Sie zeugen von einer Familiengeschichte, die der Film uns ansonsten verweigert. Sie sind die Psychologisierung, wo der Worte bereits genug sind. Und sie sind die Antwort auf das Dilemma, das die Frau am Anfang der Affäre formuliert: „Wenn ich dir die Wahrheit sage, wirst du mir nicht glauben, wenn ich lüge, wird dir das nicht gefallen.“ Ein Film braucht eine solche Festlegung nicht, muss weder Wahrheit noch Lüge sein, besser 24 Mal in der Sekunde Action. Es ist der Stoff, aus dem echte Dramen gemacht sind.

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