Gran Torino

„I’ve been called a lot of things – but never funny!“ Clint Eastwood verschmilzt mit seiner vielleicht letzten Filmfigur und überführt den Vigilante-Film ins Tragikomische.

Gran Torino

Walt Kowalski, frisch verwitweter Korea-Veteran, verbringt seinen Lebensabend gemeinsam mit einem Golden Retriever rauchend und Bier trinkend auf der Veranda, am liebsten mit Blick auf seinen frisch gewaschenen 1972er Gran Torino.
Jeglicher zwischenmenschliche Kontakt ist ihm zuwider. Das gilt im Grunde genommen genauso für seine Familie wie für den besorgten Pfarrer, erst recht aber für die ostasiatischen Nachbarn. Vor denen spuckt er auch schon mal aus, „get off my lawn“ ist sein Standardspruch. Als Thao (Bee Vang), angestachelt von seinem gangleadenden Cousin Spider (Doua Moua), versucht, das Vintage Car zu stehlen, kann Kowalski sein passives, misanthropisch gefärbtes Eremitenleben nicht mehr aufrechterhalten. Die Gang-Initiation geht schief, dafür nimmt Walt den Nachbarsjungen bald unter seine Fittiche.

Gran Torino

Clint Eastwood gibt den grummelnden, grantelnden Oldie mit Verve. Er flucht dabei, als gelte es, alles nachzuholen, was die Political Correctness in den vergangenen Jahren aus dem amerikanischen Mainstreamkino vertrieben hat. Dabei ist Gran Torino genau das: ein Unterhaltungsfilm, wie er gradliniger, massenkompatibler und familienfreundlicher nicht sein könnte. Insofern steht er den Space Cowboys (2000) wesentlich näher als dem kürzlich angelaufenen Der fremde Sohn (Changeling, 2008), seinem Kriegsfilm-Dyptichon (Flags of Our Fathers; Letters from Iwo Jima; beide 2006) oder seinen Meisterwerken Million Dollar Baby (2004) und Mystic River (2003). Das Prinzip, die eigene Kinopersona altersbedingt zu parodieren, war schon bei dem Weltallausflug nicht neu, sondern längst bewährt. Bereits zweimal hatte Eastwood eine Revision seines Icons als Westerner vorgenommen: 1985 in Pale Rider und 1992 in Erbarmungslos (Unforgiven), dem Startschuss seines genialen Alterswerks als Regisseur.

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In Sergio Leones ersten drei Italo-Western (1964-66), vor allem aber in Ted Posts Hängt ihn höher (Hang ’Em High, 1968) wurde diese später zu karikierende Persona geschaffen. Eastwood verkörpert dort einen Marshal, der zwischen Recht und Gerechtigkeit steht, dessen Vorstellung von Justiz und Moral eng mit der amerikanischen Tradition der Regeneration through Violence und dem Prinzip der Rache verankert ist. Dieses Prinzip übertrug er nahtlos in den Großstadtwestern, zunächst als Deputy Sheriff Coogan (1968), dann legendär als „Dirty“ Harry Callahan (1971-1988).

Wer Gran Torino sieht, muss diese nicht unerheblichen Etappen der amerikanischen Kinogeschichte mitdenken, um das volle Vergnügen auskosten zu können. Noch nie hat Eastwood einen selbstreflexiveren Film gedreht.

Gran Torino

Das Vergnügen, mit dem er seinem selbstbezüglichen Treiben nachgeht, wirkt grob ansteckend. So erstaunt Gran Torino über eineinhalb Stunden lang als Grumpy-Old-Man-Komödie, ehe sich Walt Kowalski seinem letzten Showdown nähert. An diesem Punkt geht Eastwoods Spiel mit dem Zuschauer vollkommen auf, kann man doch unzählige Shootouts an seinem geistigen Auge vorüberziehen lassen und über die letzte Variation grübeln.
Wenn der Film dann sein Ende gefunden hat, ist es Eastwood tatsächlich gelungen, ein weiteres Ausrufezeichen zu setzen, das man sehr gut auch als Schlusspunkt verstehen kann.
So ein Ende hätte man auch Charles Bronson, dem anderen Leone verbundenen Westerner, Cop und ewigen Rächer, gewünscht. 1985 kämpfte auch der im dritten und aberwitzigsten Teil der Death Wish-Reihe (1974-1994) gegen jugendliche Gangs. Am Lebensabend jeglicher Energie beraubt, musste er sich bis zum bitteren Ende ewig reproduzieren, weit über alle Regeln der Plausibilität und Erträglichkeit hinaus, zuletzt im TV – als Cop.

Clint Eastwood, als Schauspieler schon immer wählerischer als sein Kompagnon mit dem Schnurrbart, hat in den letzten Jahren zunehmend das Privileg und die Gabe, als Regisseur zu arbeiten, für sich genutzt und wird sich einen ähnlichen Abgang selbst ersparen. Einiges deutet darauf hin, dass sich der große alte Mann des amerikanischen Kinos mit Gran Torino als Schauspieler bereits von uns verabschiedet hat.

Trailer zu „Gran Torino“


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Kommentare


Lucas

Sehr guter Film, auch gute Synchronstimme, jedoch wirkt das englische Original stimmiger. Empfehle jedem der des Englischen mächtig ist, die Originalfassung zu schauen.


Dorren

Mit diesem Film hat Clint Eastwood noch einmal einen richtigen Treffen ist Americanische Kultur der Gegewart gelandet. Ich finde die deutsche Synchronisation doch sehr gelungen


Rainer

Obwohl ich etwas völlig anderes erwartet hatte, hat mich der Film unglaublich beeindruckt. Eastwood schafft es, eine eigentlich recht flache Story so überzeugend und mit einer echt witzigen Selbstironie so zu inszenieren, dass man mit einem schmunzelnden und zugleich einem nachdenklichen Gefühl den Saal verlässt. Wahrscheinlich, weil der Film trotz politisch unkorrekter Überzeugungen die Identifikation mit dem Protagonisten eben wegen dieser Banalität leicht fällt.






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