Grace of Monaco

Ein Film, der sich ganz wunderbar selbst entlarvt: Oliver Dahan hat einen Historienfilm gedreht, der die Tränen liebt und sie ganz groß zeigt.

Grace Of Monaco 04

Grace of Monaco beginnt und endet an einem Filmset. Das Leben der Grace Kelly ist eine einzige Bühne, sagt uns Regisseur Dahan, und vermutlich glaubt er sogar daran. Seine Inszenierung betont den Blick hinter die Kulissen, behauptet zunächst, sie könne das Filmset durchdringen: Eric Gautiers Kamera pirscht sich von hinten an die Protagonistin heran – in einer extrem routinierten Sequenz, die nebenbei vom Selbstreflexiven des Hollywood-Kinos erzählt. Erst wenn Grace das Studio verlassen hat und in ihrer Garderobe angelangt ist, sehen wir zum ersten Mal ihr Gesicht, in einem Spiegel, in dem sie sich selbst sieht. Das Gesicht ist nicht das von Grace Kelly. Nicole Kidman spielt Nicole Kidman spielt eine Prinzessin, der zu oft gesagt wird, sie spiele als Prinzessin die größte Rolle ihres Lebens. Obwohl Kidman für die Rolle viel zu alt ist, wirkt ihr Blick in den Spiegel Wunder. Dahan klebt fortan an ihrem Gesicht, und er tut gut daran. Grace of Monaco ist ein Film über diesen Blick in den Spiegel, der so zart ist, weil er an sich glauben will und es unmöglich kann. Weil der Blick bereits weiß, dass das Bild ein erfundenes ist und er das Wesen des Menschen darin immer suchen und nie finden wird.

Ein Film, klüger als seine Erzählung

Grace Of Monaco 20

Oft wird Kidman weinen in dem Film, als wäre das die einzige Körperlichkeit, zu der sie in der Lage ist. Grace ist ununterbrochen uneigentlich, nichts von dem, was sie tut, sagt oder zu denken scheint, entspricht einer sinnlichen Erfahrung der Welt, ihres Lebens. Alles hier ist Funktion. Funktion in einem Gefüge, das längst reine Wahrnehmung ist. Auf dieser Ebene ist der Film, sind die Einstellungen und Bewegungen, die ihn zeichnen, viel klüger als seine Erzählung. Gleißendes Sonnenlicht, das sich hineinfrisst in die Aufnahmen, beinahe experimentelle Unschärfen und unmotivierte Schwenks und Fahrten, die das Statische des Lebens am monegassischen Hof noch betonen – all das fügt sich zusammen zu einem großen Bewusstsein für die Bedeutsamkeit der Oberflächen und die Erwartungen, die an sie geknüpft sind. Um ihre Ehe zu retten und nebenbei für Frieden in ihrem Fürstentum zu sorgen, entscheidet sich Grace im Verlauf des Films dazu, die Etikette des Hofes und die französische Sprache zu lernen. Wild entschlossen lässt sich die kurz zuvor noch um unverblümte Auftritte bemühte Amerikanerin von einem distinguierten älteren Herrn Manieren beibringen. Ihr Lehrer beklagt sich über ihr mangelndes Selbstbewusstsein. In einer aberwitzigen Szene hält er ihr dann Schilder entgegen, auf denen Haltungen und Gefühlsausdrücke stehen: Wut, Reue, Arroganz. Die Worte wechseln sich mit Großaufnahmen von Kidman ab. Als wäre sie Autistin, muss sie nun lernen, Gefühle und Empathie vorzutäuschen. Fake it till you make it.

Die Bilder konterkarieren die Geschichte

Grace Of Monaco 22

Grace of Monaco ist ein verhinderter Experimentalfilm, dem man nur unrecht tun kann, wenn man ihn vornehmlich auf seiner Dialog- und Plot-Ebene betrachtet. Es ist viel zu faszinierend anzusehen, wie die Bilder unentwegt die Geschichte konterkarieren, um nicht diesen Widerstand selbst als Zentrum des Erlebnisses zu betrachten. Zwar lässt sich nicht ohne Weiteres klären, wie viel davon intentional vom Regisseur des ermattenden Biopics über Edith Piaf La vie en rose (La môme, 2007) orchestriert wurde. Das ist aber selbstverständlich unerheblich. Auch wo das Scheitern der Überführung in eine Projektions- und Identifikations-Logik nur versehentlich ist, kann das dem Film dienen. Freilich hilft Dahan hier das Drehbuch von Arash Amel, das in seiner Plumpheit Maßstäbe setzt, allerdings nur, solange man es als ernst gemeint versteht. In der Hinsicht wiederum verhält sich Dahan etwas feige und schlendert durch die verschiedenen Positionen hindurch. Ob die Haltung der Protagonisten auch die des Filmes ist, lässt sich schwer beantworten. Man muss das auch nicht bejahen, um sich darüber zu ärgern, dass die Figuren dazu verdammt sind, ein reaktionäres politisches Regime zu stützen, und noch dazu unreflektiert einen Finanzkapitalismus rechtfertigen, der sich unter dem Deckmantel der persönlichen Freiheit seiner Verantwortung für die Welt entzieht.

Tränen verdecken die Wahrheit

Grace Of Monaco 17

Solche Vereindeutigungen sind das Uninteressanteste an Grace of Monaco und an dessen Rezeption. Viel zentraler ist ohnehin der private Fluchtpunkt, den noch jede Diskussion über Politik hat. Selbst der Einsatz von Fürst Rainier (Tim Roth) für die Steuerfreiheit in seinem Casino-Staat hat hier keinerlei relevante Implikationen. Außer für seine Beziehung zu Grace. Weil an ihr alles höchst bemühte Fassade einer alternden Hollywood-Schauspielerin ist, der Monaco so egal ist, dass sie sich die Gesichtsausdrücke von Empathie antrainieren muss, entkräftet der Film noch jeden seiner vermeintlich dramatischen Erzählstränge selbst. Übrig bleibt der Blick von Kidman in Spiegel und Kamera, in ihren Augen steckt alle Tragik eines Opfers seiner selbst. Grace hat sich erkannt, das macht ihr Angst. Ihre Tränen, die Grace of Monaco so gerne zeigt, haben die Wahrheit nur verdeckt. Wo der intime Blick allzu eifrig behauptet wird, ist Nähe nicht zu finden. Wer aber keine Distanz zulassen will, verstellt den Blick auf die Essenz, die der Schein selbst birgt. Fake it, you’ll never make it.

Trailer zu „Grace of Monaco“


Trailer ansehen (3)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.