Grace is Gone

Grace is Gone ist eine filmische Beschreibung der Leerstelle, die nach dem Tod eines Menschen entsteht.

Grace is Gone

Grace ist nicht da. Sie ist für ihr Land in den Irak-Krieg gezogen und hat Ehemann Stan sowie die zwei kleinen Töchter Heidi und Dawn in ihrer Heimatstadt zurückgelassen. Hier ist vom eigentlichen Kriegsgeschehen bis auf die lokale Selbsthilfegruppe für Angehörige von Soldaten und die verzerrten Nachrichtenbilder, die sich in den Brillengläsern der älteren Tochter spiegeln, nicht viel zu merken. Keine Aufnahmen von verblutenden Menschen oder zerstörten Häusern, keine weinenden Frauen in der Selbsthilfegruppe – es bleibt merkwürdig ruhig in der amerikanischen Provinz. Wenig Konkretes wird über die Protagonistin preisgegeben. Lediglich ihre Stimme auf dem Anrufbeantworter und ein Foto, das das Ehepaar in glücklichen vergangenen Tagen zeigt, dienen der expliziten Charakterisierung.

Grace zeichnet sich hauptsächlich durch ihre Abwesenheit aus, die ab der ersten Szene spürbar gemacht wird: Während Stan (John Cusack) den Gang des Warenlagers entlang läuft, in dem er arbeitet, hört man seine Frau eine Nachricht zu Hause hinterlassen. Dass sie die Familie liebe und vermisse, dass sie nicht sicher sei, ob sie noch einmal anrufen könne. Als zwei Offiziere die Nachricht von Graces Tod überbringen, implodiert Stans Welt. Die Bilder werden in Fischaugen-Optik verzerrt, die Stimmen der Offiziere ausgeblendet, fixe aneinandermontierte Einstellungen des leeren Hauses gezeigt: Küche, Wohn- und Schlafzimmer – alle Räume des Hauses sind peinlich aufgeräumt und menschenleer. Die Leerstelle, die Graces Tod hinterlässt, ist überdeutlich.

Grace is Gone

Stan verschweigt seinen Töchtern zunächst den Tod ihrer Mutter und ergreift die Flucht nach vorn. Zusammen mit Heidi (Shélan O'Keefe) und Dawn (Gracie Bednarczyk) fährt er in den Unterhaltungspark „Enchanted Gardens“, der Sorglosigkeit und Ablenkung verheißt. Seine Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken und zu kommunizieren, bestimmt das Verhältnis innerhalb der Familie. Sie äußert sich in verkrampfter Mimik und Gestik, unterdrückten Weinanfällen, aggressivem Verhalten gegenüber seinem Bruder (Alessandro Nivola) und gekünstelten Reaktionen. Lediglich die Stimme seiner Frau auf dem Anrufbeantworter bewirkt, dass Stan über seine Situation redet: Er gibt ihr Nachrichten über die Familie und erzählt von seinen eigenen Schuldgefühlen.

Die Reise in den Unterhaltungspark ähnelt einem Roadmovie durch die amerikanische Provinz. Bilder von Hotels, Diners, Tankstellen und dem fahrenden Van auf der Autobahn ziehen vorbei und erzeugen – unterstützt von Clint Eastwoods Golden-Globe-nominiertem Soundtrack – eine bedrückende Atmosphäre von Rastlosigkeit und Unsicherheit. Die starren Einstellungen der Reise werden nur durch die dynamischen Bilder im Unterhaltungspark aufgelockert. Auffällige Farben kontrastieren mit dem Grau-Weiß der amerikanischen urbanen Landschaft und den häufigen Nachtszenen, der Handkamera-Einsatz erzeugt bewegte Bilder von der Achterbahn. Die kurzzeitig schnelle Montage bringt Dynamik in den ansonsten gemächlich verlaufenden Film.

Grace is Gone

Der Gegensatz zwischen der äußeren Ruhe und der inneren Verunsicherung der Protagonisten erzeugt eine bizarre Atmosphäre. Durch das Hinauszögern der Konfrontation zwischen Stan und seinen Töchtern verharrt der Film lange Zeit in einer Zwischenposition, die sich im Motiv der Reise ausdrückt. Er konfrontiert nicht mit politischen Realitäten, sondern beschreibt die Spannung, das Aushalten und die Ohnmacht, die einen befällt, wenn ideologische und moralische Anschaungen mit einem Schlag ihre Gültigkeit verlieren.

Es sind die Töchter, die den Vater schließlich zum Reden bringen. Sie ahnen, dass etwas nicht stimmt, und reagieren mit emotionalem Rückzug. Als sich die jüngere Dawn in einem Puppenhaus der Spielzeugabteilung versteckt oder die ältere Heidi nachts aus dem Hotel planlos auf die Straße läuft, ist ihre Verunsicherung über das Verhalten ihres Vaters unübersehbar. Auf Heidis Frage, ob ihre Mutter nicht lieber hätte zu Hause bleiben sollen, reagiert Stan zunächst mit den Argumenten eines amerikanischen Soldaten: dass man seine Pflicht tun solle, dass man Frieden und Demokratie in anderen Ländern sichern müsse. Großaufnahmen der beiden Protagonisten im künstlichen Licht der nächtlichen Autobahn charakterisieren die Szene als einen Schlüsselmoment des Films. Heidis Zweifel an den Argumenten des Vaters gehen zum ersten Mal auf ihn über: „Wenn wir nicht daran glauben, sind wir alle verloren.“ Dieses Gefühl der Verlorenheit angesichts eines Todes, den man vor sich selbst nicht mehr rechtfertigen kann, könnte als Indiz für ein beginnendes gesellschaftliches Unwohlsein in den USA gewertet werden. Grace is Gone klagt zwar niemanden an, zeigt jedoch sehr eindringlich, welche Konsequenzen der Krieg im Irak auf eine Familie haben kann.

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Kommentare


Martin Z.

Das ist Emotionskino pur. Wie und wann bringt ein Vater seinen Töchtern (8 und 12) bei, dass ihre Mutter von einem Auslandseinsatz nicht mehr zurückkehren wird. Man mag ja von diesem emotionalen Sahnetopf halten was man will, aber eines spricht auf alle Fälle für diesen Film: er thematisiert gekonnt die Tatsache, dass auch Soldatinnen fallen können. Meistens ist nur von den männlichen Helden die Rede.
Die mitfühlende Einstellung der Zuschauer wird gegen Ende nicht nur mit jeder Menge Tränen gewässert, sondern auch noch optisch mit Balsam und Wohlfühlöl beträufelt, wunderschöne Sonnenuntergänge am Meer etc.
Die Tatsache, dass Vater John Cusack und die Zuschauer mehr wissen als die beiden Mädchen, lässt das Ganze als ein schwebendes Verfahren erscheinen und weckt Interesse nach dem ’Wie’ und dem ’Wann’. Und auch die Gefühlsausbrüche des Vaters sind überzeugend gesetzt, sowohl seinen Töchtern als auch seinem Bruder gegenüber. Cusack gibt sich mal aufbrausend aggressiv, dann wieder gefühlvoll verletzlich.
Manchen mag’s rühren vom Thema und der Machart her, wenn man dazu in Stimmung ist.






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