Un amour de jeunesse

Wenn in der Freude junger Liebe bereits das Leid späterer Jahre angelegt ist: Mia Hansen-Løves drittes Werk ist ein Bildungsroman auf Film gebannt. 

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Sullivan ist fast so schmächtig wie seine Freundin Camille. Mit präzisen, geschmeidigen Bewegungen nimmt er sich, was er will. Er radelt durch Paris, zielstrebig und selbstbewusst, mit zwei Handgriffen bedient er den Kondomautomaten. Spielerisch, aber bestimmt zieht er die Decke von ihrem nackten Körper, neckt sie, dominiert das Balzritual mit leichter Hand. Die Welt gehört ihm, für sie ist er die ganze Welt. Liebe beflügelt, wenn sie frei macht. Für Sullivan (Sebastian Urzendowsky) heißt das, das Studium zu schmeißen und durch Südamerika zu reisen. Camille (Lola Créton) wird zurückbleiben. Die Überwältigung und Umwälzung, die ihre Liebe bedeutet, die stetige Ruhelosigkeit hat Mia Hansen-Løve ganz direkt in ihr Drehbuch eingeschrieben. Sehr kurze Szenen dominieren den Film, gerade der Anfang ist so hastig wie elegant, lässt nie genug Zeit zum Sortieren der Situationen, weder für die Protagonisten noch für den Zuschauer. Kontrolliert und präzise ist ihr Erzählen, die Bilder atmen die Luft einer tief in die architektonische und gesellschaftliche Realität verankerten Geschichte. Gleichzeitig will Un amour de jeunesse abstrakt und metaphorisch sein.

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Hansen-Løve setzt ein, wenn der Beginn des Endes der jungen Beziehung bereits eingeläutet wurde. Sie nimmt sich dennoch die Zeit, sie mit all ihren widerstrebenden Elementen zu evozieren. Es sind komplementär wirkende Emotionen von ekstatischer Freude bis zur Verzweiflung, die Camille, deren Perspektive der Film immer mehr einnimmt, durchlebt. Un amour de jeunesse erzählt ein Liebesdrama und auch eine Coming-of-Age-Geschichte, die sich über etwa zehn Jahre erstreckt. Sullivan verschwindet aus den Bildern, Camille wird erwachsen, ohne aber den emotionalen Abgrund aus den Augen zu verlieren. Der Film, der nicht so sehr episodisch wie kontinuierlich Stationen ihres Lebens aneinanderreiht, vereinnahmt für sein zentrales psychologisches Porträt überraschenderweise nicht das Gesicht von Hauptdarstellerin Lola Créton. Im Gegenteil: Bis auf ganz wenige Gefühlsausbrüche bleibt es fast ausnahmslos unbeteiligt und ausdruckslos. Umso stärker ist ihr Umfeld aufgeladen mit Affekten, sind die Geschichte und die Dialoge ganz explizit: Schneestürme in Paris, während sie einen Brief voller überhöhtem Herzschmerz, geflügelten Worten und Liebesbestätigungen liest, dann der leere Briefkasten, wieder und wieder, sie studiert Leibniz, die Südamerikakarte an der Wand kommt runter, eine Hand voll Tabletten, die besorgte Familie zu Besuch am Krankenbett. Was Hansen-Løve ein ums andere Mal gelingt, ist unheimlich ökonomisch zu erzählen, mit großer Klarheit Situationen und Szenen bedeutungsvoll zu montieren und dennoch ausreichend Leerstellen zu lassen, um das Geheimnisvolle ihrer Figuren zu bewahren.

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Die Regisseurin, die mit ihrem dritten Film nach Tout est pardonné (2007) und Der Vater meiner Kinder (Le père de mes enfants, 2009) an den großen A-Festivals vorbei im Wettbewerb von Locarno läuft, hat an Souveränität noch zugewonnen, verzichtet allerdings auf eine konzeptionell starke Struktur wie im Vorgänger. Formal ist Un amour de jeunesse durchaus stringent, setzt auf schnörkellose, handlungszentrierte Bilder und auf einen ambitionierten Subplot um Camilles Architektur-Studium, der das Werk filmisch bereichert. Dafür wird es wohl ihr Geheimnis bleiben, warum sie den Film an vielen Stellen mit profaner Informationsvermittlung, wie Handlungsorten und -zeiten, in einem so konkreten Rahmen verortet, der dem Film nichts zu bringen scheint. Schwenk von der gelben U-Bahn, die die Oberbaumbrücke überquert, zum in Stein gemeißelten Schriftzug „Berlin“. Weitere explizite Abstecher sind Dessau (wir fahren am Bauhaus-Gebäude vorbei) und Kopenhagen. In einer Szene wird ein Kalenderblatt abgerissen. Später: Auf einem schnell eingefangenen Notizzettel steht ein Datum. Womöglich könnte sich Hansen-Løve mit solch großer Explizitheit für eine Karriere im fernsehkompatiblen französischen Kino-Mainstream empfehlen. Ihre Filme sind davon weniger weit entfernt, als man angesichts ihres formalen Reichtums, der unaufdringlichen Zärtlichkeit ihrer Erzählung und der Unterdeterminiertheit ihrer Protagonisten denken könnte. Andererseits lässt sich hier vielleicht auch lediglich der Übergang von einer vornehmlich stilistisch-konzeptionellen zu einer größeren erzählerischen Stärke verfolgen, ein Prozess, wie er kürzlich etwa an Alle Anderen (2009) von Maren Ade abzulesen war, hier aber nicht ganz ohne Opfer auskommt. Obwohl man davon ausgehen kann, dass Hansen-Løve künstlerische Freiheit genoss, drängt sich bei Un amour de jeunesse am Schluss der Wunsch nach einen Director’s Cut auf. Das ist wiederum ein doch sehr gutes Omen.

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