Good Vibrations

Let the Music Heal the World: Wenn Punk tot ist, dann ist Good Vibrations ein skandalöser Fall von Leichenschändung.

Nordirland, 1970: Die Bar ist leer. In Belfast zählt nur noch, ob du Katholik oder Protestant bist. Terris (Richard Dormer) Freunde, die früher Anarchisten, Sozialisten, Feministinnen waren, die stehen heute bloß noch an der einen oder anderen Front eines erdrückend allgegenwärtigen Konflikts. Es gibt nur noch zwei Seiten, nichts dazwischen. Terri legt seine Platten auf, wird angesichts des fehlenden Publikums aber bald zum Feierabend aufgefordert. Da deutet er auf eine junge Frau, deren Präsenz die Kamera auch uns bislang verheimlicht hat. Als einziger Gast tanzt sie durch den Raum, ist ganz in ihrer Welt. Egal ob da noch andere sind, egal ob sich draußen die Menschen abschlachten, sie tanzt weiter, allein, ohne um sich zu sehen. Das ist Punk.

Ode mit dem Holzhammer

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Viel punkiger wird Good Vibrations nicht mehr, trotz des Anspruchs der Regisseure Lisa Barros D’Sa und Glenn Leyburn, die krassen Zeiten in Belfast zu beschwören, in denen aus der Sprengkraft eines gewaltsamen Konflikts der energetische Nordirland-Punk entstand, musikalisches Fuck-It an die brutale Grenzziehung zwischen den Bevölkerungsgruppen. Dem Film und seiner Ode an musikalische Utopien dient der religiöse Konflikt als konstitutives Außen, wobei D’Sa und Leyburn selbst recht religiös zu Werke gehen. Zwei Seiten und nichts dazwischen: Es gibt die netten Punks von nebenan und die bösen Hools von gegenüber, es gibt die geldgeilen Plattenfirmen in London und die widerständigen Musikpaten im Norden, denen nicht das Geld wichtig ist, sondern die Kunst, und die einer talentierten Jugend neue Möglichkeiten bieten wollen. Als später eine Band von einem ersten Konzert außerhalb Belfasts zurückkehrt, wird der Tourbus von Soldaten aufgehalten, die wissen wollen, aus welcher Ecke der Stadt die Reisenden kommen. Süd, Süd, Nord, West, Nord, Süd, kommen die Antworten, eine nach der anderen. Verstanden. Aber damit nicht genug: „Wollt ihr mir etwa erzählen, dass ein paar von euch Katholiken, ein paar von euch Protestanten sind?“, fragt die arme Seele ungläubig, noch unberührt von der Kraft der heiligen Akkordfolgen. Doch schon einen Schnitt später lehnt der Soldat am Auto, wünscht eine gute Reise und gibt noch Hinweise für die nächsten Straßenkontrollen. Let the Music Heal the World. So funktioniert dieser Film.

Teenage Kicks im Biopic-Modus

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Messias in diesem Erweckungsnarrativ ist jener Terri Hooley, „Godfather of Punk“, dessen Memoiren den Autoren Colin Carberry und Glenn Patterson als Grundlage für ihr Drehbuch dienten. Terri kann über die neue Gewalt nur den Kopf schütteln, verliert trotzdem nie den Glauben an das Gute im Menschen und an die Musik, opfert sich auf für die Gründung eines bald zum Indie-Label mutierenden Plattenladens, wirft sich in die Bresche für die Kids, sagt den großen Labels den Kampf an – bis irgendwann tatsächlich „Teenage Kicks“ im Radio läuft und die ganze Insel auf Belfast-Punk abgeht. Zwischendrin ein paar Archivaufnahmen, eine Schwarzblende für die Toten, dann geht’s weiter mit Terri und seinen Schützlingen. Die konventionelle Biopic-Struktur mitsamt obligatorischem Kindheitsflashback ist eines von unzähligen Mitteln, mit denen Good Vibrations den Schmutz von den alten Platten abkratzt und den Schweiß der Tanzenden trocknet. Die gelebte Vergangenheit verschwimmt hinter dem schicken Sepia-Filter, ansonsten mutet hier vieles allzu gegenwärtig an: Versuch das Unmögliche; wenn wir wollen, können wir alles schaffen. Zum Zynismus von D.I.Y.-Imperativen in neoliberalen Zeiten hat der Film jedenfalls nichts zu sagen. Punk ist hier nicht Verweigerung, sondern austauschbare Form von #Yolo-Affirmation.

Kalkuliertes Ausrasten

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Doch nicht nur politische, vor allem filmische Ideen kommen den Regisseuren abhanden. So gern man ihnen die Begeisterung abnimmt, die stets nur auf narrativer Ebene vorgenommene Romantisierung nimmt ihrem Sujet die Energie, die es doch eigentlich definiert. Good Vibrations ist kein punkiges Fuck-It, sondern ewig anhaltender Schrei nach Liebe. Punk ist hier nicht Konflikt, nicht Aufprall von Körpern, nicht umfassende Absage, sondern eine schöne Geschichte mit netten Figuren, die in einer schlimmen Zeit leben. Für auditiven Exzess stehen die zigmal gesehenen Zeitlupenaufnahmen begeisterter Zuschauer, denen wir glauben müssen, dass sie gerade etwas erfahren, was ihr Leben verändert. Selbst jener zumindest potenzielle Kino-Moment, in dem ein Publikum von einem ihm unbekannten Act auf einmal affiziert wird und schließlich ausrastet, in dem der Körper des Skeptikers zu zucken beginnt, sich seliges Lächeln auf zuvor gelangweilten Mündern einnistet, selbst dieser Moment wird direkt vom kalkulierten Drehbuch aufgefangen, ist nur ein weiterer Schritt auf dem Punk-Siegeszeug, dramaturgischer Effekt statt filmischer Affekt.

Und das Mädchen vom Anfang, das allein in einer Bar getanzt hat? Schon drei Szenen später heißt sie Ruth (Jodie Whittaker) und heiratet Terri, darf fortan die starke Frau im Hintergrund spielen, die den schrullig-sympathischen Musikpaten immer mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Schließlich steht sie mit ihrem Baby im Bauch für das, was bei aller Freude am Exzess nicht vergessen werden darf. Punk ist in Good Vibrations nicht Absage an die bürgerliche Normalität, sondern Nächstenliebe konservierendes Refugium in wirren und gewaltsamen Zeiten, die irgendwann vorbei sein werden. Und dann können endlich wieder ungestört Familien gegründet werden.

Trailer zu „Good Vibrations“


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