Good Time

Hundemüde, aufgekratzt, reizbar – Robert Pattinson. Die Brüder Josh und Bennie Safdie haben einen sehr körperlichen New York-Film gedreht. 

Good Time  1

Die Kamera gleitet übers Wasser mit Kurs auf die Skyline von New York. Eine kontinuierliche, tempomatierte Bewegung. Ein Glasbau wird ins Bild genommen. Hinter ihm, dem sonnenbeschienenen, die ihn treffenden Lichter zurückwerfenden Wolkenkratzer, scheint finster eines der Straßentäler durch. Eine ruhige, therapeutische Männerstimme legt sich über das Bild, lässt geschmeidig von der urbanen Bildmasse ins Private finden – ins ganz besonders Private, in einen Raum, in dem sich Therapeut und Klient gegenübersitzen, in dem verschiedene Tests gemacht werden, Prüfbögen ausgefüllt werden, in dem das Versprechen gegeben wird, dass nichts, was hier gesprochen wird, in die Öffentlichkeit gelangt. Dann stürmt ein junger Mann in den geschützten Raum: schlupflidriger Blick, Hoody, ins Gesicht fallende, leicht verfettete Haarsträhnen. Ein – genau für diese Mischung besetzt man ihn – zwischen Apathie und Aggression spielender Robert Pattinson. Er bringt Unruhe und Stress ins Zimmer, packt Nick (gespielt von einem der Regisseure, Benny Safdie, selbst), den geistig behinderten Klienten am Arm, treibt ihn aus dem Raum, brüllt den chancenlosen Therapeuten an. Dann ein brüderlicher Treueschwur im Aufzug nach unten; das Versprechen, dass man zusammenhält. Handkamera, extreme Nahsicht.

Ein nach Osten gepeitschter Film

Der Anfang von Good Time der Brüder Josh und Danny Safdie ist im Grunde eine Art Statement: Dieser Film will ein Gegenkino etablieren. Auf dem Spiel steht nichts anderes als ein Hollywood‘sches, besonders im New-York-Film tradiertes Expositionsprinzip. Stabile Räume, zuverlässige räumliche Verschiebungen; aus dem Allgemeinen ins Konkrete, aus dem Universellen ins Einzelne. Ein Establishing Shot, eine abholende Stimme, ein Therapiezimmer, ein erster Konflikt. Genau dieses Prinzip aber, das im Politthriller wie in der Rom-Com wirkt, wird hier erschüttert. Wenn Connie (Pattinson) ins Zimmer stürmt, dann ist das eine Zertrümmerungsgeste. In keinem Moment findet Good Time zurück zu den klar markierten Sollbruchstellen zwischen dem öffentlichen und dem privaten Raum, den gekennzeichneten Transitwegen zwischen ihnen, wie man sie aus Manhattan kennt.

Good Time  2

Im Gegenteil, dieser Film wird immer mehr aus der Stadt herausgetrieben, immer mehr nach Osten geschoben und gepeitscht, hinein in den Stadtteil Queens und weiter in den schon außerhalb der Stadt liegenden Vergnügungspark Adventureland. Überall ist man fremd in diesem Film. Oft ist man in fremden Wohnungen – nie erwünscht, manchmal immerhin geduldet. Nachdem Nick und Connie eine Bank überfallen, können sie kurz durchatmen, sie sitzen im Fluchtauto; hinter ihnen werden die Sirenen leiser. Dann aber dringt roter Staub aus der Tasche mit der Beute, die Gesichter brennen, der Wagen kommt von der Straße ab, rast in eine Reihe geparkter Autos. In der Toilette eines Fast-Food-Imbisses waschen sich die Brüder die Farbe vom Leib und aus den Klamotten. Die Tasche mit dem Geld wird vorerst oberhalb der Deckenplatten verstaut – wo sonst? Draußen klopft und brüllt ein wütender Mann. Drinnen schrubbt man und brüllt zurück. Es sei ein Notfall und es würde auch nicht lange dauern.

Adrenalinpumpe

Good Time  3

Dann wieder eine Flucht. Connie rennt schnell, Nick stürzt – die Polizei schnappt ihn. Im Gefängnis wird er verprügelt, kommt ins Krankenhaus. Nicht einmal das Gefängnis ist ein Ort, an dem man verweilt, selbst dieser Raum spuckt einen wieder aus. Connie will – Brüderlichkeit wurde versprochen – den Bruder aus dem Krankenzimmer retten. Er hievt den Gefangenen in einen Rollstuhl, rollt ihn nach draußen, an Sicherheitsschleusen vorbei, hinein in einen Krankentransportwagen. Sie finden Unterschlupf bei einer alten Dame und deren Enkelin. Connie hat den falschen Mann entführt, braucht schnelles Geld, um den richtigen Bruder freikaufen zu können, erknutscht sich die Unterstützung der minderjährigen Gastgeberin, färbt sich die Haare blond. Der Falsche ist Drogendealer, der weiß, wo man schnell Geld herkriegt. Es geht weiter: mit einem fremden Auto raus aus der Stadt zum Vergnügungspark, über den Stacheldraht, Sicherheitsmänner vermöbelnd. Hier liegt irgendwo eine Flasche Acid – sie ist ein Schweinegeld wert. Good Time ist ein Stressfilm, eine Adrenalinpumpe. Und er ist ein New-York-Film, aber einer, der sich aus einem physischen, nicht aus einem architektonischen Prinzip ergibt, einer, der das bauliche Prinzip dezidiert für einsturzgefährdet erklärt und so notgedrungen einen Körper hervorbringt, der nirgends stehen bleiben, nur gestoppt werden kann. Hundemüde, aufgekratzt, reizbar – Pattinson.

Kollision

Good Times ist ein äußerst kontrolliert-explosiver Film, die Safdie-Brüder haben den Körper, den sie durch die Stadt und aus ihr heraustreiben, ganz genau vor Augen: seine Reiz-Reaktions-Schemata, seine Hormonspiralen, sein Gewicht, sein Tempo. In der besten Szene sehen wir Nick und Connie (mal wieder) vor der Polizei flüchten. Connie rennt auf eine Glastür zu, stoppt, rennt an ihr vorbei. Nick stolpert klirrend mitten durch sie hindurch, stürzt und bleibt liegen. Der Körper kollidiert mit der Architektur. Bahnbrechender Körper – zersplitternde Architektur. Das ist genau das Kino, das sie wollen.

Trailer zu „Good Time“


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