Gone With The Bullets

Jiang Wen verfilmt in einem surrealistischen Shanghai der 1920er Jahre einen Appell zum leidenschaftlichen Filmemachen, das sich vom Publikum lösen soll.

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Eine der ersten Fragen sprach bei der Pressekonferenz von Gone with the Bullets wohl vielen Journalisten aus dem Herzen: „Kann man diesen Film im Westen überhaupt verstehen?“ In der Tat wird der Zuschauer herausgefordert – zunächst mit der Entscheidung, wo er in diesen zwischen Komplexität und Überladenheit schwankenden Bildern zuerst hinschauen soll, die einem mit ihrer Farbpracht, den detailreichen Settings und aufwändigen Special Effects erst mal den Atem rauben. Hat man sich darauf eingestellt und freudig beschlossen, sich der Reizüberflutung hinzugeben, muss man sich aber mit den kulturellen und geschichtlichen Verständnishürden auseinandersetzen, die vom hohen Tempo des Films nicht eben gemindert werden und ein gewisses Frustrationsrisiko mit sich bringen. Regisseur Jiang Wen will da im Nachhinein allerdings beruhigen: „Wir haben in China auch Filme über Cowboys und Indianer gesehen und hatten keine Ahnung, worum es da eigentlich ging.“ – Worum es in Gone with the Bullets eigentlich geht, sollte uns aber ganz und gar nicht egal sein, nicht zuletzt weil sich in all dem Tohuwabohu doch einige interessante Beobachtungen zu der Beziehung zwischen Sujet, Filmemacher und Zuschauern verbergen.

Shanghai als luxuriöser Sündenpfuhl

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Shanghai war in den 1920er Jahren die Stadt, wo westliche Ideen in ein China getragen wurden, das nach über 2000 Jahren Kaiserreich noch eine blutjunge Republik war. Von den Umwälzungen überfordert und dem Einfluss der Kolonialmächte ausgesetzt, wurde die Stadt mit Opiumhöhlen, Bordellen und Spielcasinos zum Sündenpfuhl. Als solchen inszeniert Jiang Wen sie auch, wenn auch in surrealistischer Luxus-Ausführung. Armut gibt sich nicht zu erkennen, kein Krümel Dreck ist zu finden. Die Farben sind satt und die Menschen euphorisch. Sünde wird nicht verteufelt, solange sie nur glamourös ist, und die Präsidentin der „Escort Nation“, also eines Bordells, kann zur moralischen Instanz werden. „Jede Nacht kann die erste sein“, ruft die Sexarbeiterin, als sie ihre Jungfräulichkeit versteigert. Das Publikum tobt und gibt seinen Segen.

Im Zentrum des Spektakels steht der „ehemalige Aristokrat“ Ma Zouri, der vom Regisseur selbst gespielt wird. Der Trickbetrüger erbarmt sich der neuen herrschenden Klasse in Gestalt des steinreichen Sohns eines Generals, der ihn bittet, seine Massen an Geld zu waschen. Dessen Schwester Wu Six (Zhou Yun) will eine berühmte Filmemacherin werden und ist eine Schlüsselfigur in Jiang Wens Mixtur aus Fakt und Fiktion. Der erste chinesische Langspielfilm entstand nach seinen Aussagen zu einem Großteil aus dokumentarischen Aufnahmen über die Hintergründe eines Mordfalls, der nach anfänglicher Konfusion auch Gone with the Bullets eine zumindest etwas übersichtlichere Struktur gibt. Denn die Escort-Präsidentin kommt zu Tode, und Ma Zouri tritt unter Mordverdacht die Flucht an.

Ein Suchender im Opulenz-Chaos

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Auch wenn man jetzt zumindest eine Idee hat, wo die Reise hingehen könnte, bleibt keine Zeit zum Sinnieren. Ständige Ortswechsel, visualisierte Opiumtrips, ausstatterische und symbolische Opulenz bestimmen die rasante Aneinanderreihung von Szenen, in die wir mittendrin einsteigen, nur um kurz darauf wieder unvermittelt herausgeschleudert zu werden. Worte werden zu Waffen, in diesem Fall zu Maschinengewehren, die die Figuren lautstark aufeinander abfeuern, und immer wieder ertappt man sich bei dem Wunsch, der Regisseur hätte sein Ideenfeuerwerk etwas gezügelt – nicht alle seine Assoziationen verbildlicht, sondern mehr Mut zur Kürzung gezeigt und seinen Film so etwas verdichtet. Auch Ma Zouri will sich in diesem Wahnsinn behaupten, begehrt immer wieder auf und fordert seine Handlungsfreiheit zurück, doch es wird ihm nicht leicht gemacht.

Schon zum zweiten Mal im Berlinale-Wettbewerb ist hier Edvard Grieg in einem Filmsoundtrack prominent vertreten. „Solveig’s Song“, das Klagelied, das den ewig suchenden Peer Gynt durch Henrik Ibsens Erzählung begleitet, unterstreicht sowohl in Terrence Malicks Knight of Cups als auch in Gone with the Bullets die inneren Nöte der Helden. Sie beide wollen von Frauen gerettet werden, wehren sich aber dagegen, und während Malick das Gefühlsleben und die Gedanken seines Gebeutelten intuitiv visualisiert, wird Ma Zouri von konkreten äußeren Einflüssen getrieben. Nicht selten nehmen diese metaphorische Formen an, beispielsweise wenn eine Schar Brautpaare ihm das moralische Versagen vor Augen hält. Ma Zouris Solveig ist Wu Six, die ihm mit ihrer Kamera Anklägerin und Retterin zugleich ist. Sie steht zwischen Abgefilmtem und Publikum, kann zu Puffer oder Katalysator werden.

Das Publikum richtet, der Filmemacher rettet

Das Thema der Beziehung zwischen Akteuren und Zuschauern ist von Anbeginn allgegenwärtig. Noch bevor wir Ma Zouris Gesicht gesehen haben, zitiert er bereits Shakespeare – kurz darauf sitzt ein chinesischer Pate mit weißem Kaninchen auf dem Schoß im dunklen Hinterzimmer. Jiang Wen macht das Leben seiner Figuren immer explizit zur Bühne, auf der Lieder gesungen werden können, die noch nicht geschrieben wurden, und Menschen zu Affen gemacht werden sollen. Das Publikum fordert und will bestimmen, was als Nächstes passieren soll, doch das darf bei Jiang Wen nur der Filmemacher. Er sorgt sich um seine Helden, kämpft um sie und muss sich manchmal geschlagen geben, aber niemals auf Zuruf des Publikums. Mal rettet und mal verdammt er sie, aber während die Zuschauer Blut und Spektakel wollen, tut er es immer nur aus Liebe.

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