Gone Girl – Das perfekte Opfer

Schuld ist immer der, der in die Kamera lächelt. David Fincher erzählt von Kapitalverbrechen in Zeiten des Boulevardjournalismus.

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Jedes Wort über den genauen Inhalt von David Finchers Thriller Gone Girl – Das perfekte Opfer (2014) wäre ein Wort zu viel. Sämtliche Handlungen oder Begebenheiten, die sich nach circa der ersten Stunde des Films ereignen, ziehen einen so kolossalen Rattenschwanz an Finten und Nebenereignissen nach sich, dass ein detaillierteres Eingehen auf die Story nur spielverderbend erscheinen kann. Ganz grundlegend sei deshalb nur so viel verraten: Am fünften Hochzeitstag verschwindet Nick Dunnes (Ben Affleck) Ehefrau Amy (Rosamund Pike) spurlos. Alles deutet auf ein Gewaltverbrechen hin, und die Tatsache, dass die Partnerschaft seit geraumer Zeit nicht mehr die rosigste war, bringt Nick immer mehr in die Bredouille.

Ein Plot-Twist wie eine Sintflut

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Aus zwei Blickwinkeln dürfen wir als Zuschauer unsere Betrachtungen machen, im perspektivischen und chronologischen Wechsel präpariert Fincher zunächst ein Katz-und-Maus-Spielchen nach allen Regeln der Kunst. Der erste Teil ist eine Schnitzeljagd nach Hinweisbriefchen, die zu Szenen einer Ehe führt. Liebe und Hass gehen darin Hand in Hand. Nick streichelt Amy sanft über den Kopf, doch aus dem Off ertönen die bösesten Worte. Schließlich ein Schnitt, und der Wahnsinn bricht aus. Der lack of information, dem Nick und der Zuschauer bis dahin in gleichem Maße unterworfen waren, ist mit einem Male passé, sowohl dem Ermittlungsapparat als auch der sich einschaltenden Regenbogenpresse sind wir urplötzlich weit voraus. Noch eine letzte falsche Fährte zu schnoddrigem, schrägem Technosound, den man schon aus Finchers Stieg-Larsson-Adaption Verblendung (The Girl with the Dragon Tattoo, 2011) kennt, und wenige Minuten später lässt er die Details zum Hergang der Ereignisse von der Leine wie ein wildes Biest. Irgendwann später im Film haben sich vor lauter Geschehnissen die Empathien für die Figuren sowie Täter- und Opferrolle mehrmals verschoben. Auch ist bald nicht mehr die Schuldfrage die treibende Kraft des Films, sondern der blanke Irrsinn eines haarsträubenden Ereignisses im Strudel von Verbrechen und Verurteilungen.

Für wenige Momente mag der Zuschauer hadern mit der erhabenen Position, in der er sich jählings befindet, denn was kann es für die nächsten anderthalb Stunden dann noch zu erfahren geben? Doch wird der Duktus sogleich herumgerissen. Das dichte Whodunit-Krimigerüst bricht ein, stattdessen steht Gone Girl nach dem ersten fatalen Twist als bissige Thrillergroteske wieder auf, die sich nebenbei auch Horror- und Film-noir-Elemente einverleibt. Trotz seiner größtenteils zurückhaltenden formalen Gestaltung – die aber auch einmal exzesshaft und auf verstörende Weise ausschert –, ist der Film inszenatorisch und technisch brillant, erzählt in epischer Bandbreite eine straff durchgetaktete Geschichte. Die Wendungen in diesem Genregeflecht, sie sitzen wie Faustschläge.

Die Beherrschung des Publikums

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Der Film haut uns die Wahrheit um die Ohren, und so kann es sich Gone Girl einfach machen, uns zu indoktrinieren. Fincher verlangt von uns Stellungnahme. Da Amy einst Vorlage für eine Kinderbuchfigur war, ist das öffentliche Interesse an ihrem Verschwinden groß. Auf einer Pressekonferenz legt Nick für den Bruchteil einer Sekunde die falsche Mimik an den Tag, und schon hat die Informationsgesellschaft ihren Buhmann gefunden. Unerträglich selbstgefällige Medienfiguren maßen sich an, Herr über Wahrheit und Lüge zu sein, und erteilen Richtersprüche; die omnipräsenten Fernsehbildschirme in dem seltsam gesichtslosen Amerika, das mit den vielen Innenräumen und ein paar vereinzelten Fassadenansichten ein wenig gleichgültig erscheint, sind eine wahre Plage. Gone Girl erscheint da nicht weniger manipulativ – wobei Fincher hier aber nur der Romanvorlage von Gillian Flynn verhaftet bleibt, die auch das Drehbuch zum Film lieferte. Dennoch hätte man von dem Regisseur ein wenig mehr Kühnheit erwartet. Wo sich der Zuschauer in The Game (1997) oder Fight Club (1999) in frappierenden Wahrnehmungsfallen wiederfand, da bietet Fincher ihm hier nur eine allzu ausrangierte Angriffsfläche an. Bereitwillig verurteilen wir fadenscheiniges Moderatoren-Geplappere, aber was sollte uns auch anderes übrig bleiben, wir wissen es ja besser. Immerzu herrscht nur das strenge erzählstrategische Regiment, das uns sorgsam geleitet. Zum Sezieren bleibt da kein Platz, der Pranger aber ragt himmelweit ins Bild.

Die richtige Perspektive im richtigen Moment

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Nichtsdestoweniger ist Gone Girl ein rundum stimmiger Thriller geworden, der flüssig und temporeich durch Zeit, Raum und Genres hetzt, in dem man sich aber auch nicht verheddern kann. Der Film bleibt zu jeder Zeit energiegeladenes Spektakel, und unser Wissenstrumpf beschert vor allen Dingen boshaftes und meisterlich arrangiertes Vergnügen, mutet aber auch ein wenig wie die Fingerübung eines Regisseurs an, der müde geworden ist, immer wieder seine Autorenschaft unter Beweis stellen zu müssen. Wir dürfen uns weder verunsichert fühlen noch hinters Licht geführt, stattdessen können wir ein ums andere Mal triumphieren. Gone Girl möchte sich mit uns gut stellen.

Ein gefakter Wangenkuss vor der Presse beispielsweise bringt noch einmal präzise auf den Punkt, wie das Publikum geradezu absolutistische Oberhand gewinnen durfte. Die Filmkamera lauert in der richtigen Position, um die Fälschung als solche zu enttarnen, für die Geräte der Fernsehcrews hingegen sieht es so aus, als hätte ein echter Kuss stattgefunden. Auf die richtige Perspektive kommt es an. Die Szene subsumiert auf simple Weise die Machtstellung, in die uns der Film jäh versetzt hat. Weil sie uns aber zunächst verweigert wurde, fühlen wir uns dabei wie geadelt.

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Kommentare


matthias jobst

die kritik trifft den film ganz gut. nach "fight club" sind wir zuschauerInnen von fincher aber so verwöhnt, dass uns "gone girl" fast schon langweilt. wir wissen schlicht zu viel. dass die erste stunde nur die halbe wahrheit sein kann, das ist von anfang an klar. da ist man fast schon enttäuscht, dass der plot fast schon etwas platt gerät.

nur in einem kleinen detail liegt die kritik nicht ganz richtig: den score als techno zu bezeichnen - ich weiß ja nicht. reznor und ross haben neben "verblendung" auch schon den score zu "the social network" geliefert. und in allen drei filmen klingt die musik gleich. kann man fincher diesmal fast schon als schwäche auslegen, dass er an seinem haus-und-hof-musiker reznor festhält.


jlo

Danke für den Kommentar und den Hinweis! Ich muss gestehen, dass ich bezüglich der Musik etwas vage geblieben bin, was der meiner Meinung nach schweren Kategorisierbarkeit des Scores geschuldet ist und durch "schnoddrig" und "schräg" etwas präzisiert werden sollte. Wahrscheinlich kommt "Industrial" oder ähnliches dem Ganzen näher.
Allerdings steht "Techno" für mich als Oberbegriff für sämtliche Formen elektronischer Musik und nicht etwa nur für die bassdrum-getriebene Schiene, die damit wohl am ehesten in Verbindung gebracht wird.


SJung

Ja, die Kritik trifft es wirklich auf den Punkt. "Ein bisschen mehr Kühnheit", und der Film wäre womöglich einer der besten Thriller der letzten, sagen wir, drei Jahre geworden. So ist er immer noch ein sehr ordentlicher Film, dabei nahezu ausschließlich in amtosphärisch perfekte Bilder gefasst. Doch bietet er, ganz richtig bemerkt, eben eine "allzu ausrangierte Angriffsfläche". Auch muss ich sagen: ich war mehr als beeindruckt von den Leistungen Afflecks und Pikes. Letzterer möchte ich den Ruf der Diva bald nicht mehr absprechen wollen. Ich weiß auch, dass es wohl einer der wenigen Finchers ist, die ich wohl nicht so schnell irgendwann wieder sehen werde/möchte, doch das liegt ausschließlich der, viele Twists ausschöpfenden Handlung zugrunde, die, einmal erzählt, ihre intendierte Wirkung gar kein zweites Mal entfalten kann. Resultat: Buch mehr als gelungen verfilmt, doch der Fincher, den ich bei Zodiac, Fight Club, Sieben, ja auch The Girl with the Dragon Tattoo immer wieder aufs Neue inhalieren wollte, bleibt mir hier entschieden fern. Was Fincher wahrlich seit Zodiac perfektioniert hat, und das zeigt sich dann auch in diesem Film hier, das ist die Darstellung von (Lebens-)Räumen und Örtlichkeiten. Finchers Filme sind perfekt abgesteckte Bilder-Landkarten, die in jeder Ecke, in jedem Winkel die Geschichte stimmig wiederzugeben vermögen. Wie auch die Kritik sagt: "Auf die richtige Perspektive kommt es an."


Friendly

Das Wichtigste zuerst: Rosamunde Pike sieht (korrekte Beleuchtung vorausgesetzt) aus wie die junge Liv Tylor aus - und das ist schon ein ziemlich faszinierender Anblick. Vor allem, weil es in der Filmgeschichte kaum mal eine solche Bitch from Hell gegeben hat, wie die Amy in "Gone Girl": dies ist der Film, zu dem "Eine verhängnisvolle Affäre" und "Der Rosenkrieg" hätten werden sollen, und er ist für mich absolut ein Kandidat auf den Film des Jahres. (Langweiligerweise bin ich natürlich wieder komplett Mainstream - wer war drin und fand den Film nicht gut? Der MUSS mir sofort einen Kommentar mit der Begründung schreiben!






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