Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel
„When I was young I asked my priest how I could get to heaven and still protect myself from all the evil in the world.“
Irgendwann ist Patricks (Casey Affleck) blütenweißer Kragen mit Blut befleckt. Niemand, so ist spätestens zu diesem Zeitpunkt klar, der in den Entführungsfall der kleinen Amanda involviert ist, geht unbeschadet, unversehrt aus den Ereignissen hervor. Aus seiner passiven Beobachterposition heraus hat sich der kleine Detektiv zum Handelnden emporgeschwungen. Handeln, das heißt in diesem Fall mit zunehmender Brutalität vorgehen. Patrick hat Helene (Amy Ryan), Amandas Mutter, sein Wort gegeben, ihr Kind zu finden und zurückzubringen. Eine Zusage, die schon Jack Nicholsons emblematischer Jerry Black in Sean Penns Das Versprechen (The Pledge, 2001) gab, nur um im Anschluss sein Seelenheil einzubüßen.
Im klassischen amerikanischen Genrekino, wo die Familie das höchste Gut darstellt, verkörpert eine Mutter immer die letzte moralische Instanz. Vor allem im Selbstjustiz-Film sind Freibriefe von Müttern immer wieder Katalysatoren der Gewalt für selbsternannte Rächer.
Auch Patrick sieht sich schließlich einem Gangster und Kindermörder gegenüber. Er tötet ihn mit einer Selbstverständlichkeit, die dem Zuschauer in diesem Moment furchtbarerweise einleuchtend erscheint. Doch schon als Detective Remy Bressant dem zum Mörder gewordenen Protagonisten versichert: „I am proud of you. That man killed a child. He had no right to live“, überkommt sowohl die Figur als auch den Zuschauer ein Unbehagen.
Patrick ermittelt in seinem Block. Die Grenze, die er einst zwischen sich und den früheren Schulkameraden zog, die in der Kriminalität oder als White Trash endeten, verwischt. Gone Baby Gone, das Regiedebüt des Bostoners Ben Afflecks, ist ein Film über seine Heimatstadt, basierend auf einer Vorlage Dennis Lehanes, des Autors von Mystic River (2001). Und was wohl kaum jemand für möglich gehalten hätte: Gone Baby Gone braucht sich nicht vor Eastwoods Meisterwerk (2003) zu verstecken.
Beide Stoffe entwickeln einen eingangs kaum merklichen Sog, der alle Beteiligten hinabzieht in das Herz der Finsternis, zu einer Furcht erregenden Konfrontation mit dem Grauen. Wie bei Joseph Conrad ist dieses Grauen immer ein doppelköpfiges, bestehend aus Individuum und Gesellschaft. Francis Ford Coppolas epochale Conrad-Adaption Apocalypse Now (1979) nutzte die Motive der Reise und des Flusses, um seinen Protagonisten so zielsicher, unbeirrbar und geradlinig wie nur denkbar diesem Moment der schlimmen Einsicht in sich selbst und die Zivilisation entgegenzuführen.
Was Eastwoods und Afflecks Ansatz davon unterscheidet, ist die Verortung ihrer Stoffe in einem Ermittlungskontext, der vor allem bei Gone Baby Gone deutliche Noir-Referenzen aufweist. Dabei werden die Filme durch die zahlreichen Plotwendungen nicht weniger kompromisslos. Ganz im Gegenteil: Wie Zwiebelschichten schälen sich die unterschiedlichen Ebenen der Schuld während Patricks Ermittlungen.
Es wäre übertrieben, von Affleck als einem neuen Eastwood zu sprechen. Aber es bleibt schlichtweg zu konstatieren, dass der Schauspieler bei seiner ersten Arbeit hinter der Kamera einfach alles richtig macht. Begonnen vielleicht damit, der Verlockung zu widerstehen, sich selbst in der Hauptrolle zu inszenieren und der strauchelnden Karriere so den richtigen Schub zu geben. Affleck vertraut seinem Bruder Casey die Interpretation des Patrick an – und was dieser daraus macht, ist eine Demonstration schauspielerischer Brillanz. Ohne irgendwelche angedichteten Ticks in Körpersprache oder Gesichtsausdruck liefert der jüngere der Brüder hier ein Porträt von erschreckender Eindringlichkeit. Und sein Regisseur ist so souverän zu wissen, dass es keiner spektakulären Szenen und aufgeladenen Nahaufnahmen bedarf, um dieses darstellerische Wunder in Szene zu setzen.
Darüber hinaus gelingt es Ben Affleck, und das konnte man vielleicht noch am ehesten erwarten, ein Schauspielensemble zusammenzustellen, das neben seinem Bruder nicht verblasst, ihn unterstützt, die dramatische Bandbreite der eigenen Figuren hervorhebt und den Ton der Stadt trifft. Schließlich ist Afflecks Porträt Bostons so liebevoll und detailliert, dass etliche Szenen wie improvisiert und die Nebenfiguren nicht nur wie Locals, sondern im besten Sinne wie Laien wirken. In diesem Zusammenspiel von Kulisse und Darstellern gelingt es Affleck sogar, Morgan Freeman einen Gesichtsausdruck abzuringen, der in dessen gesamter Karriere noch nicht zu sehen war. Die großartig aufspielenden Veteranen Freeman und Ed Harris eskortieren Casey Affleck zu einer schauspielerischen Sternstunde. Dass diese im Schatten von dessen ebenfalls brillanter Performance in Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford, 2007) steht, liegt in der Natur der Dinge. Schließlich mag nicht nur das amerikanische Publikum den exaltierten Auftritt, und nicht von ungefähr zog Affleck bei der Oscarverleihung gegenüber Javier Bardem den Kürzeren – dessen außergewöhnlichste und mit kaum vorstellbarer Zurückhaltung gespielte Rolle in John Malkovichs Der Obrist und die Tänzerin (The Dancer Upstairs, 2002) vergleichsweise geringe Aufmerksamkeit bekam.
Mit No Country for Old Men (2007) vereint Gone Baby Gone die rahmende Erzählerstimme, in beiden Fällen als moralische Reflexion. In diesem Kontext ist das Regiedebüt eine der großen philosophischen Auseinandersetzungen, die das amerikanische Kino in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Afflecks Stoff- und Schauspielerwahl machen Mut. Vielleicht das erste Mal seit 40 Jahren, als Schauspieler wie Dustin Hoffman, Jack Nicholson, Gene Hackman, Al Pacino und Robert De Niro das Gesicht des New Hollywood prägten, gibt es mit Christian Bale, Joaquin Phoenix, Ryan Gosling und eben Casey Affleck wieder eine Schauspielergeneration, die nicht nur in der Lage ist, schwierigen Figuren Ausdruck zu verleihen, sondern auch in ihrer Stoffwahl künstlerische Weitsicht beweist und somit zu einem Gütesiegel für Qualitätsprodukte werden könnte. Vielleicht, diese Hoffnung darf man nun hegen, das ein- oder andere Mal unter der Regie Ben Afflecks.
Filmkritik von Sascha Keilholz
Veröffentlicht am 12.04.2008
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Film-Angaben
Titel: Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel
Originaltitel: Gone Baby Gone
USA 2007
Laufzeit: 114 Minuten
Regie: Ben Affleck
Drehbuch: Ben Affleck, Aaron Stockard
Produktion: Ben Affleck, Sean Bailey, Alan Ladd Jr., Danton Rissner
Darsteller: Casey Affleck, Michelle Monaghan, Ed Harris, Amy Ryan, Morgan Freeman, John Ashton, Amy Madigan
Kinostart: 29.11.2007
DVD-Angaben
Titel: Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Englisch (DD 5.1), Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: Englisch, Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 109 Minuten
Extras: 6 zusätzliche Szenen und alternatives Ende; Audiokommentar von Autor und Regisseur Ben Affleck und Co-Autor Aaron Stockard; Authentizität einfangen: Die Besetzung von „Gone Baby Gone“; Heimkehr: Hinter den Kulissen mit Ben Affleck; Trailer
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 22.09.2011
Titel: Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel
Vertrieb: Buena Vista
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Italienisch (DD 5.1), Türkisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte, Italienisch, Türkisch, Niederländisch, Hebräisch, Serbisch, Kroatisch, Slowenisch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 109 Minuten
Extras: „Heimkehr: Hinter den Kulissen mit Ben Affleck“; „So authentisch wie möglich: Die Besetzung von Gone Baby Gone“; Zusätzliche Szenen: Erweiterte Anfangssequenz, „Auf der Veranda“, „Nach der Kneipenschlägerei“, „Kinderwunsch“, „Sprung“, Alternatives Ende; Audiokommentar von Autor & Regisseur Ben Affleck
Verleih ab: 17.04.2008
Verkauf ab: 17.04.2008
Copyright Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel
Fotos: © Miramax
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