Golden Door

In dem Auswanderer-Drama träumt eine arme sizilianische Bauernfamilie zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der verheißungsvollen neuen Welt Amerikas, in der gigantische Oliven wachsen und das Geld aus den Bäumen fällt - und erlebt die Realität.

Golden Door

Wie schon der letzte Film des italienischen Autors und Regisseurs Emanuele Crialese, Lampedusa (Respiro, 2002), so eröffnet auch sein neuester mit Aufnahmen einer Ansammlung riesiger Steine in einer kargen Insellandschaft und endet mit denen von Menschen in einem Meer. Der Berg aus Steinen wird diesmal von dem Bauern Salvatore (Vincenzo Amato) und einem seiner zwei Söhne mühsam und mit nackten Füßen erklommen, um an dessen Gipfel das angebrachte Abbild einer Heiligen zu befragen, ob sie mit der Familie das unfruchtbare Land verlassen und nach Amerika auswandern sollen oder nicht. Schließlich versprechen (manipulierte) Fotos aus der Ferne überdimensionales Gemüse und Eier, die größer sind als die Hühner, die sie gelegt haben.

Nachdem er den nötigen Rat und Segen erhalten hat, macht sich der Witwer, von Armut und Abenteuerlust getrieben, mit den Söhnen, seiner skeptischen Mutter (Aurora Quattrocchi) und zwei jungen Frauen aus dem Dorf auf eine beschwerliche Reise, während der sich die geheimnisvolle Engländerin Lucy (Charlotte Gainsbourg) ihnen anschließt. Diese wird von den Italienern „Luce“, also „Licht“ genannt, und tatsächlich besitzt ihr leuchtend rotes Haar, die feinere Kleidung und der Umstand, dass sie alleine reist, eine derart starke Anziehungskraft, dass sie die Männer auf dem Schiff wie Motten umschwärmen.

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Eine Frau, die aus der Menge hervor sticht, deplaziert wirkt und nicht in ein patriarchalisches Umfeld passt, stand bereits in Lampedusa im Zentrum der Handlung. Dort klärte Crialese bis zum Schluss nicht zweifelsfrei auf, ob seine Protagonistin ernsthaft psychisch krank oder freiheitsliebend und impulsiv war und deshalb von den misstrauischen Dorfbewohnern als störend und behandlungsbedürftig betrachtet wurde. Und auch Lucy gibt reichlich Anlass für Spekulationen, bleibt mehr Rätsel und Projektionsfläche, als dass ihr Innenleben offenbart oder etwas Entscheidendes bezüglich ihrer Motivation oder Vergangenheit preisgegeben würde. Salvatore scheint sich zu ihr hingezogen zu fühlen, gerade weil sie wie Amerika für das Andere, Unbekannte steht.

Crialeses dritter Langfilm ist in drei Segmente aufgeteilt, die jeweils eine Welt repräsentieren: Die alte, traditionelle auf Sizilien, die neue, scheinbar moderne auf der Quarantäneinsel Ellis Island vor Manhattan und die des Übergangs unter Deck eines Schiffes, die beide miteinander verbindet. Ist die sizilianische sehr offensichtlich von Glauben und Aberglauben geprägt, scheint die amerikanische auf den ersten Blick das Sachliche, Rationale zu vertreten. Auf den zweiten stellt sie sich aber als ebenso irrational heraus. Weniger von Fakten, als von Vorurteilen und pseudowissenschaftlichen Vermutungen bestimmt, nimmt man zu Beginn des letzten Jahrhunderts noch an, dass sich Dummheit oder Stummheit wie eine Krankheit vererben lässt und sortiert mittels Intelligenztests und medizinischer Untersuchungen alle Einwanderer aus, die nicht der gewünschten Norm entsprechen.

Golden Door

Während sich Crialese für den ersten Teil auf Sizilien zu viel Zeit mit seiner Erzählung lässt und im dritten auf Ellis Island dazu tendiert, die Unmenschlich- und Lächerlichkeit des Auswahlverfahrens etwas plakativ und belehrend bloßzustellen, ist der zweite Part auf dem Schiff der atmosphärisch dichteste und ausdrucksstärkste der drei. Nach der weiten, größtenteils menschenleeren Landschaft des sizilianischen Dorfes, bildet die enge Unterdeckkabine mit ihren zusammengepferchten Passagieren einen spannenden Kontrast dazu und erzeugt einen klaustrophobischen Eindruck. Dass Crialese immer nur einzelne, beschränkte Ausschnitte des Überseedampfers und nie seine volle Größe zeigt, unterstreicht diesen noch. Auch New York, das ersehnte Ziel, lässt sich lediglich hinter dichtem Nebel erahnen, zu Gesicht bekommen es weder die Auswanderer, noch der Zuschauer.

Der nüchternen Wirklichkeit werden surrealistische Traumsequenzen gegenübergestellt, in denen Salvatore mehrfach von gigantischen Mohrrüben fantasiert. Außerdem von einem Baum, aus dem Geldstücke auf ihn hinab rieseln und einem Meer aus milchigem Wasser. Könnte man die ersten beiden Bilder noch relativ simpel als Metaphern für Fruchtbarkeit und Reichtum deuten, sieht es mit der Interpretation des dritten schon etwas weniger eindeutig aus. Die Milch könnte ein Symbol für die Geburt, also den Neubeginn auf einem fremden Kontinent sein, und das Wasser eines für die Taufe. Aber vielleicht auch nicht. Mit Regisseur David Lynch (Inland Empire, 2006) hat Crialese nicht nur die Verwendung des Liedes „Sinnerman“ von Nina Simone als Abschluss seines aktuellen Films gemeinsam, sondern auch die Tatsache, dass er sich weigert, sein Werk zu erklären und es somit im Kopf des Zuschauers festzulegen.

Was von seinem Drama im Gedächtnis hängen bleibt, sind dann auch in erster Linie einzelne herausragend gefilmte Sequenzen, weniger die Geschichte als Ganzes, da sich die Szenen und die drei Schauplätze nicht zu einer Einheit addieren. Das mag auch daran liegen, dass sich der Regisseur so stark auf das Ästhetische zu konzentrieren scheint, dass er dabei seine Figuren und ihre Entwicklung vernachlässigt. Ein Zugang zu ihnen und ihrer Odyssee kommt nur in Ansätzen zustande, da sie wenig lebendig und fassbar sind. Eher wie Unbekannte auf einem schönen Gemälde. Man fragt sich, wen man da eigentlich vor sich hat und erhält für die Antwort nur eine limitierte Anzahl von Hinweisen.

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Kommentare


Martin Z.

Ein sonderbarer Film mit einer eindrucksvollen Bildersprache, ein teilweise allegorisches Auswandererdrama, in dem die Kamera fast immer ganz nah an den Figuren dran ist. In endlos lang erscheinenden Einstellungen wird minutiös die Aufnahmeprozedur in Ellis Island geschildert, die die Einwanderer über sich ergehen lassen müssen, nach einer fast im Dunkeln erlebten Schiffspassage. Das geht auf Kosten von Handlungsarmut. Man nimmt dann einen über Dolmetscher geführten Dialog mit kritischen Untertönen fast als Wohltat hin. Die größtenteils emotionslosen fast dokumentarischen Teile stehen in diametralem Gegensatz zu den unerwartet surrealistischen Milch-Bade-Szenen der Ankömmlinge. Man kann den optischen Gehalt des Films, den er vor allem im Anfangsteil durchaus besitzt, auch ohne Ton genießen - wenn man ein Augenmensch ist.






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