Gold

Ewige Migration: Thomas Arslan jagt deutsche Stars in die (film-)historische Wildnis.

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Bewegungssequenzen waren in Arslans bisherigem Schaffen so etwas wie die konjunktivischen Passagen der Filme: Wenn die Jungschauspielerin Deniz (Ein schöner Tag, 2001) durch Berlins öffentliches Verkehrsnetz oder der Gangster Trojan (Im Schatten, 2010) über die Ringautobahn der Hauptstadt fuhren, dann waren das nicht selten träumerische, handlungsenthobene Momente, die zwischen den sozial wie inszenatorisch streng ausgemessenen Stationen der Geschichte alles zum Fließen brachten. Man hätte ja aussteigen oder abbiegen, die Bewegung um- oder weiterleiten, aus dem Leben ausbrechen können – während die Fortbewegungsmittel arbeiten, kann der Geist ins Mögliche wandern.

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Diese Unschuld hat das Bewegen in Gold verloren, gerade weil es das einzige und allumfassende Motiv des Films geworden ist, weil es sich im Traum vom besseren Leben, vom Gold eben, verrannt hat und weil es kein Transit mehr zwischen gesellschaftlichen Festzuständen ist, sondern mit ihm die soziale Ordnung selbst ins Rutschen gerät. Die Minigesellschaft eines deutschen Trecks, der vom Goldrausch gen Ende des 19. Jahrhunderts an den entlegenen Klondike gezogen wird, ist niemals stabil. Auch wenn der Expeditionsleiter Laser (Peter Kurth) seinen Teilnehmern zu Beginn mit germanischen Kardinaltugenden das Gegenteil vorgaukelt. Am Rand des Nirgendwo im kanadischen Nordwesten hat er auf einer Holzkiste ein Pseudo-Büro installiert, notiert penibel die zu entrichtenden Beträge und fährt mit dem Finger die rot gepunktete Linie auf der Landkarte ab: 1500 Kilometer, halb zu Pferd, halb auf dem Fluss, vorbei an drei Städtchen, Reisedauer circa sechs Wochen. Erinnert man sich nach einer Stunde Laufzeit an dieses Display organisatorischer Gewissenhaftigkeit zurück, dann erscheint es wie ein grotesker Scherz.

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So zieht der Treck los, durch Landschaften, die ihn alsbald verschlucken. Von den Weiten des „Westens“ geht es ins Dickicht der kanadischen Wälder, es wird immer undurchschaubarer, die Blicke haben keine Macht mehr, und die Orientierung geht schnell flöten. Diese Enge unterscheidet Gold fundamental von Kelly Reichhardts tollem Alt-Western Meek’s Cutoff (2010), der ja auch von einem sich verirrenden Hoffnungstreck erzählt.

Arslan zeigt nicht viel mehr als diese langsam zerfasernde Bewegung, die erst ihr Abenteuer, dann ihr Ziel einbüßt, um sich zuletzt nur selbst Zweck zu sein. Vom Hoffen in den Überlebenskampf. Seine formale Strenge lockert Arslan dabei durch Dolly- und Travelling Shots und holt sich den Earth-Gitarristen Dylan Carlson zur alternativ-countriesken Atmosphärenstiftung. Carlson gniedelt aber leider weniger diszipliniert als auf den brachial/filigranen Meisterwerken seiner Hauptband, was ein kleines Ärgernis ist.

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Der Treck büßt erst den Küchenwagen, dann die Lasttiere und zuletzt auch seine Teilnehmer ein, was die Gemeinschaft zu ständigen hierarchischen Strukturänderungen zwingt. Laser entpuppt sich bald als der Schuft, der er von Beginn an war, als er mit dem Geld zu türmen versucht. Doch er wird gestellt. Aber wie soll man Recht sprechen in der Wildnis? Ohne echte vertikale Machtverteilung verschieben sich ununterbrochen die Verhältnisse von Führung und Gefolgschaft, bis man irgendwann nicht einmal mehr die Kraft hat, so etwas wie Kultur vorzuheucheln. Dann gibt es nur noch Leben, Tod und zwischendrin den Wahnsinn. Diesen albtraumhaften Schwebezustand steuert Arslan über fast neunzig Minuten mit Bedacht und ohne beschleunigende Plotmauscheleien an, und wenn er erreicht ist, wird Gold erst zu dem wahrlich großartigen Film, der er letztlich ist.

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Man darf jetzt nicht zu viel verraten, weil die Entbehrungen der Protagonisten, die auch der Zuschauer durch das stupende Sich-Dahin-Schleppen des Filmes miterleidet, eigentlich nur endlos verzögerte Vorbereitungsleistungen für das fantastische letzte Viertel darstellen. Da nämlich legt Arslan die Karten auf den Tisch und macht klar, dass der ganze Film ein großer – aber deshalb nicht minder ernst gemeinter – Jux ist. In die ohnehin schon brüchig gewordenen Konventionen der Western- und Roadmovie-Genres schieben sich jetzt noch Kaurismäki-artige Existenzialkomik und Survival-Horror-Elemente. Ein Bein wird in einer zugleich nervenzerrenden und urkomischen Sequenz amputiert, ein Mann reißt sich die Kleider vom Leib und verschwindet im endlosen Wald, und zurück bleibt eine ganz ungeniert utopische Liebesgeschichte.

Arslan karikiert die nur scheinbar bleischwer-ernste Themendarstellung mit subversiver Leichtigkeit, die seinen Film jedoch nicht untergräbt, sondern ihm erst seine wirklich starken Momente verleiht. Wenn die Deutschen, ganz zu Beginn und noch frohen Mutes, mit dem Gold in Herz und Hirn, das Bier auspacken, einander zuprosten und Rossmann (Lars Rudolph) dabei deutsche Lieder auf dem Banjo begleitet, dann ist das einerseits natürlich pointiert und lustig. Andererseits bringt Arslan dabei aber auch die Zwischenzustände jeder Migrationsbewegung zum Vorschein, in denen sich ein Festhalten an den verlorenen Traditionen, die Anpassungssehnsucht an die neue Heimat und die tiefe Verunsicherung des Übergangsmoments schief ineinander verkeilen.

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Migration – natürlich ist dies das heimliche Leitthema des Films, das durch die Genre- und Filmgeschichtsverballhornung umgedeutet wird. Denn Arslan schickt ja nicht einfach nur Deutsche, die ewigen Besserwisser in Immigrationsangelegenheiten, zurück in ihre eigene Auswanderungsvergangenheit. Nein, es ist ja zuallererst der deutsche Film, der da in Stargestalt von Nina Hoss, Uwe Bohm etc. auf Pilgerfahrt in die verwirrenden Geschichtszusammenhänge geht. Über diesen Brechungseffekt erzielt Arslan eine ganz Brecht’sche Bewusstwerdung, denn die Schauspieler wollen sich nie ganz verlieren in der behaupteten Filmzeit von 1898. Sie bleiben dem Jetztzustand, dem heutigen stolz-hochnäsigen Deutschland, verhaftet, was ihr Leiden vom schlichten „Ihr-wart-auch-mal-Immigranten“-Verweis, der zwar wichtig, aber auch historisch assimilierbar ist, zum Bezeichnen einer weiter gefassten Dynamik erhebt. Es gibt so etwas wie eine ewige Migration, die materiell motivierte Heilssuche ebenso umfasst wie künstlerische Ausdrucksformen und die auch durch die stabilsten gesellschaftlichen Zusammenhänge strömt.

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