Gold

Die Sehnsucht nach einer Achterbahn: Stephen Gaghans Gold hechelt verbissen dem Rausch einer wilden Fahrt hinterher und verkennt dabei konsequent die müde Seele seiner Hauptfigur.

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Laut rattern die Zahnräder unter dem filigranen Holzwagen, Meter um Meter wird man die steile Fahrrinne emporgezogen, und immer schwerer drückt sich der eigene Körper gegen die harte Sitzlehne. Endlich ist man oben an der Kuppe angelangt, für einen Moment herrscht Ruhe, ein kurzes Innehalten. Dann macht es klick, und man stürzt mitsamt der langen Karosserie und allerlei quietschenden und kreischenden Menschen vornüber in eine vermeintliche Leere. Auf einen Schlag ist das Sehen und das bewusste Verstehen unendlich langsamer als das körperliche Erleben, man wird wild hin und her gebeutelt und erkennt erst im Nachhinein, dass eine scharfe Rechtskurve der Grund dafür war, man spürt einen schwankenden Druck tief in der Magengrube und kann danach nur vermuten, dass er von wellenartigen Erhebungen der Fahrbahn verursacht wurde. In diesem Zustand ist alles Handeln unmöglich, man ist von der Verantwortung für den eigenen Körper gänzlich entbunden und hat sich vollkommen den unpersönlichen Dynamiken der Physik überantwortet – erfüllt vom Vertrauen, dass diese Dynamiken einem nicht mehr schaden, sondern nur mehr Lust und Vergnügen bereiten können.

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In Stephen Gaghans Gold kommt nun zwar keine tatsächliche Achterbahn vor, die Geschichte um den abgehalfterten Bergbauunternehmer Kenny Wells (Matthew McConaughey), der sich durch Glück und Chuzpe den vermeintlich größten Goldfund des Jahrhunderts sichert, führt den Film in den Dschungel Indonesiens und die schmucklosen Sitzungsräume der Wall Street anstatt in die bunt blinkende Welt eines Rummelplatzes. Aber nichtsdestotrotz wirkt Gold wie getrieben von der Sehnsucht nach einem geschützten Loslassen, nach einem Fortgerissen-Werden auf gesicherter Bahn. Der Film will nichts anderes sein als eine einzige, ununterbrochene wilde Fahrt, und zu diesem Zweck nimmt er jede noch so kleine Wendung der Handlung zum Anlass für eine betont ausgelassene, von Perkussionsklängen vorangetriebene Montage. Die Figuren können dann nur mehr ungläubig staunen oder unbekümmert feiern, während sie von einem lebhaften Popsong mitgerissen oder in einer Split-Screen-Komposition nebeneinander durchs Bild gezerrt werden. Gold strebt ganz offenkundig jenen ostentativ verspielten Darstellungsmodus an, den man etwa aus Goodfellas (1990), The Big Short (2015) oder auch den Filmen der Ocean’s 11-Reihe kennt und der stets auf die gleiche Pointe hinausläuft: Der amerikanische Kapitalismus ist nichts als ein wild auswucherndes Räderwerk, das mit nie nachlassendem, sich stets selbst erhaltendem Schwung mächtige Geldmengen zirkulieren lässt – und mit ein wenig Mut, Gewitztheit oder krimineller Energie kann man heimlich an ein paar Schrauben dieser Maschine drehen, und das Geld wird in unkontrollierten Schüben direkt in die eigenen Taschen gepumpt. In dem tänzelnden Rhythmus, den sich Gold mit aller Gewalt aufzwingt, äußert sich somit die verzweifelte Hoffnung, irgendwann von der Dynamik der Dollarbeträge und der schelmischen Energie der Hochstapelei fortgerissen zu werden.

Das Statische einer permanenten Bewegung

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In diesem Verlangen setzt Gold jedoch nahezu ausschließlich auf die Macht der Geschwindigkeit: Ein Erfolg führt zum nächsten und auch gleich schon zum übernächsten, und stets steigern sich die lauthals herausgeprusteten Gewinnerwartungen um mehrere Größenordnungen. Überstürzt jagt der Film der Lust einer mühelosen Überwindung aller Hindernisse hinterher, doch lässt er, immer nur auf das eigene Tempo bedacht, dabei die Hindernisse gar nicht mehr als solche in Erscheinung treten – sie sind nichts als starre Wegzeichen, die einem im Vorbeihuschen noch mal kurz bestätigen, wie schnell man doch unterwegs ist. Aber das Ausmaß kinetischer Energie hängt nicht nur von der Geschwindigkeit der Bewegung, sondern auch von der Masse des bewegten Körpers ab – und es ist das Grundprinzip einer jeden Achterbahn, dass diese Masse, und mit ihr die volle Wucht der physikalischen Kräfte, erst dann spürbar wird, wenn die Bewegung ihre Richtung ändert. Gold hingegen saust die ganze Laufzeit über in einer einzigen Geraden dahin, und irgendwann hat man sich an die permanente Bewegung so sehr gewöhnt, dass sie sich vom Stillstand nicht mehr groß unterscheiden lässt. Da nützt auch ein McConaughey nichts, der in der zweiten Reihe sitzt und einem ständig ein ausgelassenes „Wuhuu!“ ins Ohr schreit.

Ein Schelmenroman ohne Schelm

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Aber selbst die überbordende, fast kindliche Begeisterungsfähigkeit von Kenny Wells hat noch etwas Verkrampftes an sich. Denn obwohl der Film wie ein Schelmenroman strukturiert ist und stets auf den Reiz der gewieften Trickserei lauert, ist seine Hauptfigur in höchstem Maße unschelmisch – ja, in Wahrheit ist Wells die einzige grundehrliche Person, die man in Gold zu Gesicht bekommt. Zwischen all den Montagen und Popmusik-Einlagen schimmert immer wieder die Tragödie eines Menschen hindurch, der zur Aufrichtigkeit verdammt ist, dem die nötige Fantasie und Kaltschnäuzigkeit zur Täuschung und zum koketten Spiel fehlen und dessen Hoffnungen, Ängste und Begierden deshalb stets für alle klar erkennbar bleiben. Mit seinem spektakulären Goldfund will Kenny Wells verzweifelt unter Beweis stellen, dass seine Offenherzigkeit nicht nur eine Form der Unbedarftheit darstellt – aber in seinem Inneren sehnt er sich eigentlich nur danach, in Ruhe im Boden zu buddeln, für diese Buddelei einen Preis zu bekommen und bei dessen Entgegennahme eine möglichst adrette Fliege zu tragen. Erst gegen Ende des Films kommt ihm seine Aufrichtigkeit abhanden, vielmehr: Sie wird ihm genommen, zwangsweise und von außen, zu einem Zeitpunkt, da sie tatsächlich der einzige Besitz war, der ihm noch geblieben ist. Aber von der Brutalität dieser Entwicklung wendet der Film geflissentlich die Augen ab und ergeht sich stattdessen in einem fadenscheinigen Lob der Freundschaft und Treue – denn Melancholie hat auf dem Rummelplatz nichts zu suchen.

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