The Wailing - Die Besessenen – Kritik

Kino der Täuschungen: In seinem bisher ambitioniertesten Film öffnet sich Na Hong-jin dem Fantastischen.

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Das Gesicht von Jun Kunimura sieht genau so aus, wie man es von einem Schauspieler erwartet: eine weiße Leinwand, auf die sich die unterschiedlichsten Figuren pinseln lassen. Selbst in einem Beruf, in dem Wandelbarkeit fast zur Grundvoraussetzung gehört, ist Kunimuras darstellerische Spannbreite bemerkenswert. Dabei scheint er gerade bei jenen Rollen am besten aufgehoben zu sein, die einander genau entgegengesetzt sind. Während er etwa beim Philanthropen Hirokazu Koreeda etwas großväterlich Sanftes hat, strahlt er bei Takeshi Kitanos Gewaltexzessen eine beunruhigende Unberechenbarkeit aus.

Spannung durch Unwissen

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Der südkoreanische Regisseur Na Hong-jin hat nun einen Film gedreht, in dem Kunimura zwar nur eine Nebenrolle hat, die Ambivalenz seines Ausdrucks aber maximal auskosten darf. In The Wailing (Gokseong) spielt er einen namenlosen japanischen Einsiedler, der sich unweit des Dorfes Gokseong niedergelassen hat. Eigentlich macht der ältere Herr einen unscheinbaren Eindruck, aber unter den Dorfbewohnern kursieren gruselige Geschichten über ihn. So ist davon die Rede, dass er mit glühend roten Augen durch die Wälder zieht, um Tiere zu reißen oder auch mal einen Menschen anzufallen. Zunächst handelt es sich dabei noch um ein harmloses Schauermärchen, über das sich der Film auch entsprechend lustig macht. Doch als eine Reihe von Morden, bei denen unbescholtene Bürger zu rasenden Bestien werden, das Dorf erschüttert und sich auch ansonsten reichlich Seltsames ereignet, sieht der tölpelhafte Polizist Jong-gu (Kwak Do-won) Handlungsbedarf. Irgendwann steht er dann mit schäumendem Mund vor Kunimuras Hütte, brüllt mit der Inbrunst eines Platzhirsches und tötet schließlich den Hund des Mannes. Und obwohl sich die Indizien gegen Kunimura zu diesem Zeitpunkt schon verhärtet haben, steht dieser nur mit bedröppeltem Gesichtsausdruck daneben und ist uns durch seine Opferrolle deutlich näher als der Polizist mit seinen fremdenfeindlichen Ausfällen, der immerhin Protagonist des Films ist. Es ist nur einer von vielen Momenten, in dem sich die Sympathien verschieben.

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The Wailing zieht seine Spannung vor allem aus dem, was Figuren und Zuschauer nicht wissen. Durch die ständige Unsicherheit, welchem Gerücht und vermeintlich gut gemeintem Ratschlag man nun Glauben schenken darf, braut sich im Dorf ein giftiges Klima zusammen, in dem ein Vorurteil schnell bestätigt und ein Verdacht schnell ausgesprochen ist. Mit eher straighten Thrillern wie The Chaser (Chugyeogja, 2008) und The Yellow Sea (Hwanghae, 2012) hat Na Hong-jin bewiesen, dass er aktuell zu den interessantesten Genre-Regisseuren Südkoreas erzählt. Sein neuer Film markiert nun eine deutliche Weiterentwicklung – ist epischer in seiner Erzählweise und raffinierter in seiner Konstruktion. Vor allem öffnet er sich diesmal auch dem Fantastischen; jedoch auf eine spielerische Art und Weise, bei der das Übersinnliche, anstatt dass es einfach geglaubt wird, ständig aufs Neue hinterfragt wird.

Kein reines Genre-Panoptikum

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Während der Film zu Beginn noch als eine überdrehte Komödie über unfähige Provinzpolizisten erscheint, die sich bei jeder Gelegenheit in die Hose machen, wirbelt Na im weiteren Verlauf immer mehr Genreversatzstücke durch die märchenhaft anmutende Landschaft. Und vieles, was sich normalerweise nicht zusammenfügen will, geht hier erstaunlich schlüssig ineinander über. Auf einmal ist Jong-gus Tochter von einem Dämon besessen, kurz darauf erscheint ein hemdsärmeliger junger Schamane (Hwang Jun-min), der es mit dem Bösen aufnehmen will, und irgendwann, in einem besonders durchgeknallten Moment, torkelt dann ein Zombie durch den Wald.

The Wailing ist jedoch mehr als reines Genre-Panoptikum oder dichtes Spannungskino, das von seinen Wendungen lebt. So wie der Film den Zuschauer lange darüber im Unklaren lässt, was die wahre Natur des Fremden ist, will er auch nicht damit herausrücken, was er selbst eigentlich ist. Somit erzählt er nicht nur von den diversen Täuschungsmanövern, auf die sein unbedarfter Held immer wieder hereinfällt, sondern ist auch ganz wahrhaftig ein Film der Täuschungen.

Trailer zu „The Wailing - Die Besessenen“


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