Shin Godzilla

Kaiju-Ästhetik trifft Polit-Soap: In Shin Godzilla kämpft eine Koalition aus Wissenschaft und Politik gegen die bisher größte Inkarnation des nuklearen Ungeheuers und für japanische Souveränität.  

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Kein Stuhl bleibt leer am hufeisenförmigen Tisch des Krisenstabs. Bevor Godzilla überhaupt aus dem brodelnden Geysir vor der Küste Tokios emporsteigt, diskutiert die japanischen Regierung bereits einen Lösungsansatz für die befürchtete Katastrophe. Wenig später steht das gesamte Arsenal der konventionellen Streitkräfte bereit, von Helikopter über Kampfpanzer und Artillerie bis zur Luftwaffe, und eröffnet das Feuer auf die 29. japanische Inkarnation Godzillas. Trotz zahlreicher Treffer am ganzen Körper und auch am Kopf, das militärische Ballett bleibt so beeindruckend wie wirkungslos. Jeder neue Einschlag auf Godzillas wulstige und mit Tumoren übersäte Haut wird mit einer Reaktion aus den tristen Konferenzräumen verknüpft, wo das mit japanischen Schauspielgrößen überladene Regierungskabinett den franchise-üblichen Schock über die Nutzlosigkeit seiner konventionellen Waffen zu verdauen hat. Shin Godzilla kreuzt Kaijū-Ästhetik mit politischem Kammerspiel.

Eine Feier der Tugend

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Natürlich kommt ein Godzilla-Film nicht um eine nukleare Katastrophe herum. So beziehen sich nicht nur die unverkennbaren blauen Overalls und Gasmasken auf Fukushima, die Regisseure Hideaki Anno und Shinji Higuchi machen das Riesenmonster selbst, ganz im Stile von Ishirō Hondas Godzilla (Gojira, 1954), zum Abbild der nuklearen Katastrophe. Wo in den 1950er aber eine tragische Erzählung von Triumph und Blindheit der Wissenschaft anklang, da wird 63 Jahre später ein Beispiel wissenschaftlicher, politischer und allgemein japanischer Tugend im Angesicht der großen Katastrophe vorgeführt.

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Shin Godzilla lenkt den Blick stets zurück auf die Krisensitzungen der japanischen Regierung. Neben der großen Zerstörungsoper inszenieren Anno und Higuchi eine ebenso gewaltige Polit-Soap. Versorgt mit Instant-Nudelsuppen und Hemden zum Wechseln, arbeiten die kein bisschen verrückten Wissenschaftler und kein bisschen skrupellosen Politiker des Krisen-Think-Tanks gemeinsam gegen das Riesenmonster. Die nukleare Verantwortung wird an die Regierung der Vereinigten Staaten abgegeben, die schließlich ein Ultimatum stellt: Schaffen es die Japaner nicht, Godzilla innerhalb von zwei Wochen zu bezwingen, werden die USA Atombomben über das Monster und somit auch über Tokio abwerfen.

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So kommen die Wissenschaftler Japans zu einem nicht-nuklearen Manhattan-Projekt zusammen, das eine Lösung zum Godzilla-Problem herbeisinnen soll, während der gute Kern des Kabinetts durch geschickte Diplomatie Zeit zu schinden versucht. In einer Rotation von Meeting-Szenen werden Evakuierungspläne, Souveränität und politische Zuständigkeiten ebenso ausführlich diskutiert wie das schwierige Verhältnis zwischen Japan und den USA. Die oft amüsante Naivität dieses Geschehens findet ihren Höhepunkt, als ein Trio amerikanischer Generäle als antiker Theaterchor auftritt und hinter den Gardinen eines düsteren Militärbüros den nuklearen Countdown verkündet. Doch die Polit-Soap wird alsbald zum spröden Teamwork-Drama, das im Angesicht des Monsters deutlich an Reiz verliert.

Durch die Schneise seiner Vorfahren

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Shin Godzilla findet zu seinen Stärken, wenn der politische Zirkus und seine Teilnehmer vor dem Panorama Tokios und der neuesten Inkarnation des Titelhelden zur temporären Bedeutungslosigkeit zusammenschrumpfen. Anno und Higuchi wissen um die zentrale Rolle des Riesenmonsters, das sie vom elegant designten Riesensaurier aus Gareth Edwards’ Ableger von 2014 wieder zur nuklear deformierten (und angetriebenen) Kreatur verwandeln. Der größte aller bisherigen Godzillas reiht sich nicht nur optisch in die Reihe seiner japanischen Ahnen ein. Ob er zu Akira Ifukubes klassischem Thema eine Schneise der Zerstörung durch Tokio zieht, seinen – ebenfalls von Ifukube erdachten – ikonischen Schrei von sich gibt oder zu einem cheesy Metal-Song Wolkenkratzer einreißt: Das Monster wandelt stets in den Spuren seiner Vorfahren.

Shin Godzilla 6

Im schönsten Moment des Films beleuchtet allein Godzillas glühender Körper das nächtliche Panorama Tokios, als die Bomben der US-Air-Force auf ihn hinabstürzen. Unter Schmerzen krümmt sich das Monster und speit eine Flammenwolke aus, die Tokio zu den Klängen einer triefenden Überwältigungs-Arie in ein nukleares Feuer einhüllt, das die Tragik von Hondas Ur-Godzilla liebevoll mit dem trashigen Bombast seiner Nachfolger verschmilzt. Der Rest ist Politik.

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