Godzilla

Stilsicher und geschichtsbewusst reanimiert Gareth Edwards eines der bekanntesten Ungeheuer der Filmgeschichte. Und setzt dabei angenehm eigenwillige Prioritäten.

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Zu den schönsten Momenten von Gareth Edwards’ Godzilla zählt ein sehr kurzer, aber intensiver Blickwechsel. Ford Brody (Aaron Taylor-Johnson), Offizier der US Army, Waise und Held des Films, steht erschöpft zwischen den Trümmern eines ordentlich plattgewalzten San Fransiscos. Nicht weit von ihm entfernt ist gerade eines der berühmtesten Monster der Filmgeschichte zu Fall gekommen. Wenn sich die beiden ansehen, geschieht das nicht nur buchstäblich auf Augenhöhe, sondern auch im übertragenen Sinn. Mit einer Mischung aus Scheu und Anerkennung treffen sich die Blicke von Kreatur und Mensch, wobei diese Kategorien eigentlich unerheblich sind, weil es für den Film ohnehin nur empfindsame Wesen gibt. Das gilt nicht nur für den Giganten selbst, sondern auch für die beiden, entfernt an Rodan angelehnten Flugsaurier, mit denen es Godzilla aufnehmen muss. Wenn die aus einer philippinischen Uran-Mine gekrochenen Mutus nicht geräde eine Stadt in Schutt und Asche legen oder sich mit radioaktivem Müll stärken, gönnt ihnen Edwards einige intime Momente, in denen sie sich, begleitet von einem seltsamen Knacken, gegenseitig liebkosen.

Godzilla, die unsichtbare Bedrohung

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Es überrascht nicht, dass sich Edwards für eine Lesart des japanischen Franchises entschieden hat, in der die Gefühlswelt der Protagonisten eine wichtige Rolle spielt. Vieles, was schon in seinem Debütfilm Monsters (2010) angelegt war, überführt der Regisseur hier in größere Dimensionen. Mit seinem Low-Budget-Indie brachte er damals große Teile der Monsterfilm-Fangemeinde gegen sich auf, vor allem deshalb, weil es darin, anders als der Titel nahelegt, in erster Linie um eine zärtliche Romanze unter Menschen geht. Und wenn sich die Monster doch mal zeigen, dann nur, um sich einem betörenden Paarungsritual hinzugeben. Godzilla stellt das Genre nicht derartig auf den Kopf. Der Film ist geprägt von Kompromissen, die ihn jedoch nur selten einengen. Als amerikanischer  Blockbuster funktioniert er deshalb ausgezeichnet. Aber eben nicht nur. Im Gegensatz etwa zu Roland Emmerich, der den ersten Godzilla-Film außerhalb Japans drehte, interessiert sich Edwards durchaus für die Kaiju Eiga, ihre Geschichte, ihre Ästhetik und natürlich ihr sozialkritisches Potenzial.

Schon als Ishirō Honda die Filmreihe 1954 mit Godzilla (Gojira) startete, zeichneten sich unter dem Deckmantel der vermeintlich geistlosen Unterhaltung die Narben der Vergangenheit ab. Das Ungeheuer war ein Symbol, eine Verkörperung der unsichtbaren radioaktiven Bedrohung – und eine Warnung, mit der Atomenergie verantwortungsvoll umzugehen. Angesichts der aktuellen, hitzig geführten Diskussionen über die Verwendung der Kernkraft, erstaunt es nicht, dass auch der neue Godzilla dieser Linie treu bleibt. Gleich im Vorspann reiht Edwards falsches Archivmaterial aneinander, indem die Kernwaffentests sich als kontraproduktive Versuche herausstellen, die seltsamen urzeitlichen Geschöpfe zu zerstören. Die Handlung setzt dann zwar in der Vergangenheit ein, knüpft aber direkt an die Gegenwart an, mit einem an Fukushima erinnernden Reaktorunfall, der den Grundstein für ein Familien- und Menschheitsdrama legt.

Hawaii und die japanisch-amerikanische Freundschaft

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Doch auch im Folgenden lässt sich Edwards immer wieder von Referenzen zur Wirklichkeit leiten, etwa, wenn es um die historische Beziehung zwischen Japan und den USA geht. Als die Armee aus unerfindlichen Gründen Atombomben gegen die Monster einsetzen will, tritt der japanische Wissenschaftler Ichiro Serizawa (Ken Watanabe) als schlechtes Gewissen der Amerikaner auf. Mit vorwurfsvoller Miene zückt er die Taschenuhr seines Großvaters, die nach dem Aufprall der Atombombe in Hiroshima stehengeblieben ist. Doch der Krieg ist längst vergessen. Nicht nur stilistisch, auch inhaltlich ist Godzilla ein Manifest der japanisch-amerikanischen Freundschaft. Als sich die Mutus von Tokio gen Westen aufmachen, landen sie ausgerechnet auf Hawaii, jener Inselkette, die bei den Japanern als Urlaubsziel besonders beliebt ist. Kaum gerät Brody dort in das erste Katastrophenszenario, muss er auch schon das Kind eines japanischen Touristenpaares retten.

Blasse Menschen, menschliche Monster

Godzilla ist kein wirklich runder Film. Eher zeigt er, wie ein Regisseur seine eigenen Prioritäten setzt. Ein schönes Bild oder eine spannende Referenz sind für Edwards wichtiger, als eine sorgfältig konzipierte Dramaturgie. Störend ist das jedoch nicht. Vielmehr braucht es diese Unebenenheit, um jene Momente auszubalancieren, in denen der Film zu sehr einer profillosen Großproduktion ähnelt. Die größte Schwachstelle sind dabei zweifellos die Figuren. Brody und seine Frau (Elisabeth Olsen) sind zwar bildhübsch, als Charaktere aber auch ziemlich fad. Er leidet an dem Trauma, seine Mutter (Juliette Binoche) durch die Mutus verloren zu haben, und zieht daraufhin in den Krieg, während sie sich Sorgen macht. Viel mehr gibt es von diesem amerikanischen Vorzeigepaar nicht zu berichten. Lediglich der Sohn der beiden, dem eigentlich nur eine Statistenrolle zukommt, bietet etwas Reibungsfläche. Die meiste Zeit steht er verloren in der Gegend herum und kommt – seinem zutiefst verstörten Gesichtsausdruck nach zu urteilen – mit dem, was um ihn herum passiert, so gar nicht klar. Aber was soll man auch von einer Welt erwarten, in der die Zerstörung regiert und jede Familie früher oder später auseinandergerissen wird?

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Mit den Menschen muss man sich in Godzilla aber auch nicht allzu lange aufhalten, dafür bietet der Film genügend andere Schauwerte. Die größte Attraktion sind freilich die Monster. Toll sehen sie aus diese Kreaturen, die ihren japanischen Vorbildern treu bleiben und dabei doch einem zeitgemäßen Design entsprechen. Während Godzilla selbst eher einem archetypischen Entwurf folgt, erinnern die Mutus, die wie eine Mischung aus Urzeittier und futuristischem Maschinenwesen aussehen, an die Wunderwerke von Hansruedi Giger. Selten sehen CGI-Effekte so organisch und überzeugend aus wie in der dunkelgrauen Dystopie von Godzilla. In einer so finsteren Welt, in der die Menschen ihre eigenen Dämonen nähren, wundert es auch nicht, dass sogar die Monster lieben müssen.

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