Go West, Young Man!

Peter Delpeut und Mart Dominicus evozieren nicht nur die grandiosen Western der 50er und 60er Jahre sondern zeichnen auch ein Bild des noch immer etwas wilden Amerikas unserer Tage.

Go West, Young Man!

Wer heute über Western spricht, tut dies meist mit einer gehörigen Portion Nostalgie in Erinnerung an die klassischen Filme von Anthony Mann oder John Ford. Die Gegenwart des Genres sieht weniger rosig aus. Zwar wurde bei den diesjährigen internationalen Filmfestspielen in Venedig Ang Lees Brokeback Mountain mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet, doch ob das schwule Cowboymelodram für eine Renaissance des Western sorgen kann, erscheint mehr als fraglich, schließlich gilt das amerikanischste aller Genres seit Michael Ciminos kommerziell gescheitertem Epos Heaven’s Gate (1980) in Hollywood als Kassengift, woran auch gelegentliche Wiederbelebungsversuche wie Der mit dem Wolf Tanzt (Dances with Wolves, 1990) oder Erbarmungslos (Unforgiven, 1992) nichts ändern konnten.

Die niederländischen Filmemacher Peter Delpeut und Mart Dominicus begaben sich auf die Suche nach Spuren der glorreichen Vergangenheit. Beide Regisseure wuchsen in ihrer Kindheit mit Westernserien wie „Rawhide“ – welche Clint Eastwood erstmals einem breiteren Publikum bekannt machte – auf und entdeckten später während des Filmstudiums ihre Liebe für das Cowboy- und Indianer-Genre neu. Go West, Young Man! ist eine Reise zu den Schauplätzen von Filmen wie Mein großer Freund Shane (Shane, 1953), Pat Garrett jagt Billy the Kid (Pat Garrett and Billy the Kid, 1973) und natürlich dem größten aller Western, John Fords Der schwarze Falke (The Searchers, 1956). Durch Verwendung von Originalmaterial aus diesen Werken wird die Vergangenheit wieder lebendig und die großen Epen fest im realen Amerika verankert. Unterwegs treffen die Regisseure auf verschiedene Personen, die ihre Begeisterung teilen, auf Regieveteranen und Betreiber von Westernshows, auf Rodeofans und die Mitglieder der „Billy the Kid Outlaw Gang“, sie begegnen aber auch Dan Israels, einem alten Indianer, der in vielen John Wayne Filmen zu sehen war, und schließlich sogar echten Cowboys.

Go West, Young Man!

Doch Go West, Young Man! ist nicht nur eine Reise in die Filmgeschichte sondern auch die Dokumentation der Entdeckung des ländlichen Amerikas durch zwei Europäer. Die eindrucksvollsten Bilder finden Delpeut und Dominicus nicht vor dem Monument Valley am „John Ford Point“ oder am Grab Billy the Kids in Fort Sumner, New Mexiko, sondern in den Bars Nevadas und den Rodeoarenen Wyomings. Hier, fernab der urbanisierten Ostküste, scheint der Frontiergeist noch lebendig und es finden sich Menschen, die fast aus einem Peckinpah-Western entsprungen sein könnten. In der Tat ist das Erstaunlichste an dieser Dokumentation, wie viel vom alten Westen auch heute noch erhalten geblieben ist, wenn auch meist nur als Zitat oder Touristenattraktion.

Go West, Young Man! hat keinen historiographischen Anspruch, interessiert sich weder für die unzähligen Seitenlinien des Westerns noch für die italienischen Produktionen, welche in den 60er Jahren mithalfen, Hollywood zu erneuern. Auch der Erklärungsversuch, den die Regisseure für den Niedergang ihres Lieblingsgenres anbieten, wird eher nebenbei und nicht allzu überzeugend präsentiert. Die These vom Science-Fiction Spektakel als Nachfolger des Cowboyfilms und den unendlichen Weiten des Alls als neuer Frontier erscheint angesichts der komplexen Wechselwirkungen innerhalb der Filmgeschichte etwas vereinfachend. Überhaupt offenbart die Dokumentation gerade dann Schwächen, wenn sie zu nah an den Filmen bleiben möchte und verfällt etwa am Set des Spätwestern Monte Walsh (1970) in unnötige Sentimentalität. In den Tiefen des rauhen Wyomings oder den endlosen Weiten Nevadas jedoch gelingt es Delpeut und Dominicus immer wieder, Bilder einzufangen, die mehr erreichen, als nur die Erinnerung an alte Cowboyfilme wieder zu erwecken. Hier, zwischen staubigen Gebirgsstrassen und endlosen Steppen nähern die beiden Niederländer sich zögernd den Mythen an, welche das Bild der amerikanischen Vergangenheit seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum heutigen Tag prägen und die im Westerngenre letzten Endes nur eine von vielen Ausprägungen gefunden haben.

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