Gnomeo und Julia

Vorsicht: Echte Shakespeare-Fans sollten diese sehr frei nach „Romeo und Julia“ erzählte kunterbunte Animation lieber meiden.

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Er hat strahlend blaue Augen und ein umwerfendes Lächeln. Sie sieht mit ihren schwarzen Haaren und dem Miederkleidchen so entzückend wie Schneewittchen aus. Die beiden lieben sich, aber dürfen nicht zueinander kommen, weil ihre Zipfelmützen nicht die gleiche Farbe haben.

Nachdem das Märchengenre zuletzt mit der Adaptation von Rapunzel – Neu Verföhnt (Tangled, 2010) ausgebeutet scheint, hat sich Walt Disney, die geniale Verwurstungsmaschine westlicher Kunst und Literatur, mit Shakespeare den großen Klassiker der englischsprachigen Literatur vorgeknöpft. Seine Theatertragödie „Romeo und Julia“ wird mit Gnomeo und Julia (Gnomeo and Juliet) in 3D in die Gärten der verfeindeten Nachbarn Frau Montague und Herrn Capulet verfrachtet, wo die Keramikgartenzwerge die Fehde ihrer menschlichen Besitzer mit ihren eigenen Mitteln fortsetzen. Kelly Asbury, der bei den Shrek-Filmen mitgewirkt hat, wurde als Regisseur ins Boot geholt, und der ausführende Produzent Elton John lieferte den Soundtrack mit selbstgecoverten Versionen seiner größten Hits. Zugegeben: Die ziemlich wahnsinnige Idee, Gartenzwerge zum Leben zu erwecken, wurde technisch meisterhaft gelöst. Einerseits besitzen die Zwerge eine so vermenschlichte Gestik und Mimik, dass dem Zuschauer die Identifikation leicht fällt. Andererseits bleiben die Figuren Gartendekoration in ihrer ganzen Materialität, von Moos bewachsen, mit witterungsbedingten Lackschäden und Kratzern. Und auch das Dekor der überstylten kleinbürgerlichen Gärten ist mit viel Einfallsreichtum und Detailverliebtheit gezeichnet.

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Warum und für welches Publikum es aber Shakespeare im Zwergenformat sein musste, diese Frage bleibt offen. Dass die Vorlage ein Theaterstück ist, wird zur Not noch am sich öffnenden und schließenden Bühnenvorhang zum Filmanfang und -schluss erkenntlich. Auch die Figuren erweisen am Ende ihrer „Darbietung“, wie für Schauspieler üblich, ihrem Publikum die Reverenz – in einer Choreographie auf den „Crocodile Rock“. Aber alles, was irgendwie verdächtig nach literarischem Anspruch – in der Disney-Logik: Langeweile – riecht, wurde vorsorglich aus dem Drehbuch geworfen – das stellt gleich der Auftritt eines Zwergs im Prolog klar. Disney peppt Shakespeare zu einem actionreichen Entertainment-Spektakel auf und trimmt die klassische Tragödie schlechthin auf familientaugliche Komödie.

Zwar übernimmt der Film recht treu das Figureninventar und hält sich mehr oder weniger großzügig an die ursprüngliche dramaturgische Struktur, so dass sich zum Beispiel die berühmte Balkonszene des Originals wiedererkennen lässt. Ansonsten wird das Theaterstück total ausgeweidet, bleibt vom historischen Stoff nicht viel übrig. Angefangen bei den schnodderigen Dialogen, die Lichtjahre von Shakespeares Sprache entfernt sind. Pater Lorenzo verkommt bei Disney zu einem pinkfarbenen Plastikflamingo mit Liebeskummer. Und Julia hat sich zu einer Art Kim Possible im Schneewittchenkostüm emanzipiert. Das tödliche Duell zwischen Romeo und Tybalt wandelt der Film in einen dummen Unfall auf dem Rasenmäher. Aber Tonscherben lassen sich ja kleben, und so steht dem Happy End nichts mehr im Wege. Disney hatte immer schon die besseren Erzähl-Enden; so wird das zumindest im Film gegenüber Shakespeare höchstpersönlich behauptet.

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Das alles kann man nun total witzig finden, oder eben auch total Banane. Wie die Banane, die als kleiner Seitenhieb auf die Computerfirma Apple herhalten muss. Und Seitenhiebe auf Shakespeares Werk verstecken sich ebenfalls einige im Film, über die netterweise detailliert das Presseheft Auskunft gibt. Die kommen aber über das Anekdotenhafte nicht hinaus, ebenso die Tatsache, dass die animierte Stadt im Film originalgetreu Shakespeares Geburtsort Stratford-upon-Avon nachempfunden sein soll. Im Grunde nämlich bleibt Shakespeare ein bloßer Vorwand für die Macher des Films, viel schlimmer: Er ist ihnen eigentlich völlig egal. Denn der tatsächliche Intertext von Gnomeo und Julia ist ein anderer. Es gibt, passend zum Vorstadtsetting, ein Zitat aus American Beauty (American Beauty, 2000) sowie zahlreiche Hinweise auf die Ikonografie bekannter Action- und Martial-Arts-Filme. Vielleicht hätte statt „Romeo und Julia“ lieber Terminator (The Terminator, 1984) oder vielleicht noch Tiger & Dragon (Crouching Tiger Hidden Dragon, 2000) in den englischen Vorstadtgärten verballhornt werden sollen. Das wäre mit Sicherheit passender gewesen.

Trailer zu „Gnomeo und Julia“


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