Gnade

Am Ende der Welt, am Ende der Moral: Matthias Glasner bittet zur Beichte.

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Das erste Licht der polaren Nacht scheint in der Kirche. Davor war überall nur schneeverwehtes, düsteres Schwarzblau in der Arktis rund um Hammerfest, ganz weit im norwegischen Norden, einmal vielleicht unterbrochen vom kalten Neonleuchten der Gasverflüssigungsanlage. Im Hospiz macht man gar nicht erst das Licht an. Doch in der Kirche singt der Chor, und alles ist gelb und weich und warm. Maria (Birgit Minichmayr) erhebt mit den anderen die Stimme, gegen die Kälte, gegen die Sünde, gegen das Leid.

Ja, Matthias Glasners neuer Film Gnade (allein der Titel!) ist voll schwerer, wuchtiger, ganz ironiefreier Symbolik. Kurz vor dem Ende der Welt, wo es so dunkel ist, dass man nicht einmal sieht, wen man totfährt mit dem Auto, einen Hund oder ein junges Mädchen, da ist die zerklüftete Menschenseele zur Landschaft geworden. Die Todesfahrerin und Hospizschwester Maria, ihr Mann, Gasverflüssiger und Ehebrecher Niels (Jürgen Vogel) und der iPhone-süchtige Sohn Markus (Henry Stange) sind aus Deutschland also an den richtigen Ort gekommen, um sich innig und lange mit wichtigen Fragen und miteinander zu beschäftigen.

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Natürlich war es ein Mädchen, das Maria überfahren hat, natürlich stirbt es elendig, ohne Hilfeleistung in der Kälte, natürlich gehen Maria und Niels erstmal nicht zur Polizei. Für keine Sekunde lassen Glasners bleischwere, düster-romantische Bildgestaltung, seine zähe Dialogregie und das stoische Schauspiel daran denken, dass den Figuren hier andere Optionen als der direkte Weg zum moralischen Super-GAU offenstünden. Gnade, so lehrt uns die protestantische Dogmatik, ist der Glaube an und die Hoffnung auf Gottes Vergebung unserer Sünden. Wenn es demnach um Gnade gehen soll, müssen erst einmal die Sünden her.

Am Anfang geht es um ein deutsches Lieblingsthema: das Leiden der Täter. Zwischen ihnen und den Opfern macht die Todesfahrerin Maria keinen großen Unterschied, denn, da ist sie ganz Buddhistin, im Leid sind alle vereint. Das weiß sie aus dem Hospiz, und so sagt sie das auch: „Es tut so weh. Es muss ihren Eltern so weh tun. ... Ich kenne das Leid. Ich bin jeden Tag von Leid umgeben.“ Ständig vervielfacht das Drehbuch die konzeptuellen Grundmetaphern, in drei Sätzen fällt dreimal das Wort „krank“, danach doppelt sich der „Fehler“, mal ist er „furchtbar“, mal „schlimm“. Als riefen die Sprecher ihren Wörtern, die in den bodenlosen Brunnen der Bedeutung stürzen, das Echo selbst hinterher, aus Angst, dass nur bedeutungsloses Wummern zurückkehren würde.

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In Glasners Beichtstuhl-Kino werden dem Zuschauer alternierend die drei Positionen der Konfessionssituation zugewiesen: Beichtender, Priester, Gott. Er gesteht, straft oder vergibt. In diesem Dreischritt schleppt sich der Film über 130 Minuten dahin. Doch je näher das Ende der polaren Nacht rückt, desto mehr befreien sich die Sünder von den altbekannten Skripten der Demut, und desto interessanter wird Gnade. Denn Niels und Maria kommen sich nach langer sexueller und empathischer Eiszeit über den tragischen Unfall und das geteilte Geheimnis wieder nahe. In dieser Entwicklung tritt endlich so etwas wie menschliche Unberechenbarkeit auf die Bühne, im Zeitlupentempo zwar, aber gerade deshalb überrascht es. Irgendwann blickt man zurück und begreift, dass die beiden gerade ernsthaft glücklich sind. Sie schließen ihren Frieden miteinander und mit der höheren Gewalt, denn wem Gottes Gnade sicher ist, der braucht sich vor nicht mehr viel zu fürchten.

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Doch niemals entkrampft sich der Film, immer bewahrt die Inszenierung ihren gravitätischen Modus. Gnade senkt niemals die auf den Zuschauer gerichteten Moralgeschütze. Das laugt aus, und es macht wütend, weil man den Film quasi nur als Masochist genießen kann.

Aber es gibt neben der psychologisch-spirituellen Sinnsuche noch einen zweiten Diskurs. Sohn Markus lebt ziemlich neben seinen Eltern her, und seit dem Unfall ist er in keiner Weise mehr Teilnehmer an ihrem Ringen um Sünde und Vergebung. So wandelt er seine Position vom Zaungast in die des Dokumentaristen um: Mit dem iPhone spioniert er Maria und Niels nach, unterlegt auf seinem Laptop dramatische Wortgefechte der beiden mit noch dramatischerer Musik. Mit diesen reflexiven Mitteln hinterfragt Glasners offenbar das eigene Filmemachen, und als er sie das erste Mal anwendet, ist man wirklich überrascht von solch unvorhersehbarer Selbstironie.

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Doch bieten Markus’ Mini-Dramen keine Möglichkeit der Distanzierung, sondern dienen allein der Verdoppelung der Grundstimmung. Markus dreht die Filme anscheinend nur für sich und die eigene Misere, zeigt sie niemandem, lädt sie nicht hoch, greift in die zentralen Konflikte nicht durch sein den Eltern unbekanntes Mitwissen ein. Die Diskurse der Allgegenwart digitaler Bilder und der Sünde/Gnade-Dialektik kreuzen sich nie, sondern laufen nebeneinander her. Bis Glasner dann, mit einem der wohl streitbarsten und perversesten Endbilder seit Langem, die Karten offen legt. „Gnade“ wird für ihn in der Möglichkeit einer Versöhnung derer offenbar, die sich nach Stand der Dinge hassen müssten, seien es die Täter und die Opfer, oder das Kino und seine kleinen digitalen Feinde. Zum Schluss des Filmes sehen wir ein digital animiertes iPhone – auf dem Display Aufnahmen, die noch eben die ganze Leinwand füllten –, wie es langsam immer kleiner wird und im Dunkel des Cinemascope-Bildes verschwindet. Was auch immer man von dieser grobschlächtigen Poesie, dieser visuell äußerst hässlichen Versöhnungsgeste halten will: Glasners heiliger Ernst, ob nun im Menschenbild oder im Medienverständnis, ist kompromisslos.

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Kommentare


Volker Kellner

Ich habe von viele Stimmen über den Film gehört, aber diese Deutung ins christlich Moralisierende ist schon echt daneben und geht aus von Film oder Theater als moralischer Anstalt... Dieser antiquierte (fast antike) bürgerlich spießige Ansatz ist doch längst überholt. Davon ist der sehr psychologisierende Film doch weit entfernt. Gott sei Dank kommuniziert er sich durch das wunderbare Charakterspiel der Darsteller den meisten Zuschauern anders...






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