Glückliche Fügung

„Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Ungefähr so lässt sich Isabelle Stevers Film zusammenfassen, in dem eine Frau sich selbst im Weg steht.

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Simones (Annika Kuhl) Leben, daran lässt Regisseurin Isabelle Stever keinen Zweifel, ist einsam und trostlos. Die erste Einstellung von Glückliche Fügung zeigt die schweigsame Frau, wie sie allein in ihrem Bett liegt, während alle anderen draußen den Jahreswechsel feiern. Später geht sie dann noch aus dem Haus, in eine Bar der einsamen Seelen, wo sie nach einigen Drinks auch Anschluss findet. Nach einem Quickie mit Hannes (Stefan Rudolf) in dessen Auto kehrt sie wieder zurück in ihre karge Wohnung.

Was wäre nun, wenn es für Simone einen Ausweg aus dieser Tristesse gäbe? Glückliche Fügung spielt diese Möglichkeit durch: Sie wird schwanger von ihrem One-Night-Stand, und als sie Hannes zufällig wiedertrifft und ihm davon erzählt, findet er das auch noch ganz toll. Kurz darauf ziehen die beiden gemeinsam in ein Haus in der Vorstadt. Obwohl die Umstände dafür sprechen sollten, gelingt es Simone aber nicht, glücklich zu sein. Je harmonischer sich ihre Beziehungsidylle entwickelt, desto mehr wächst ihr Unbehagen.

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Die im Film dargestellte Form von Glück trägt geradezu groteske Züge: Ein Eigenheim in der Pampa, ein langweiliges Hausfrauendasein und ein konturloser Freund, der zu allem, was ihm erzählt wird, nur dümmlich grinst. Man kann es Simone nicht verdenken, dass sie ihr Glück in so einer Umgebung nicht findet. Und obwohl der Film sich durch kalkulierte Uneindeutigkeit einer direkten Positionierung entzieht, vermittelt er doch, dass der Fehler bei Simone liegt und nicht bei der stereotypen Vorstellung von spießbürgerlichem Glück, in der sie gefangen ist. Schließlich ist sie es, die grundlos an Hannes herumnörgelt, zwanghaft nach Streit sucht und die freundliche Nachbarin als Konkurrentin sieht, die um die Gunst ihres Freundes buhlt.

Mit Glückliche Fügung wollte Isabelle Stever nach eigenem Bekunden einen Horrorfilm drehen, der sein Grauen aus dem gestörten Innenleben seiner Protagonistin speist. Gruselig sind vielleicht die hölzernen Dialoge zwischen Simone und Hannes oder der weinerliche Indie-Pop-Soundtrack, der eigentliche Horror in Simones Kopf wird aber so subtil inszeniert, dass man ihn kaum bemerkt. Stevers Stil ist nahe dran an der Berliner Schule: ein Blick auf die Figuren, der immer außen bleibt, lange Einstellungen und wenig vordergründige Narration. Mit diesem Ansatz werden dem Zuschauer kaum Momente der Empathie mit der Protagonistin gegönnt.

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Glückliche Fügung basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Anke Stelling und verdeutlicht damit ein bekanntes Übersetzungsproblem zwischen Buch und Film. In der Literatur, aber auch in anderen filmischen Herangehensweisen, lässt sich das Innenleben der Protagonisten ohne weiteres einbeziehen. In Glückliche Fügung sehen wir an Simones Gestik und Mimik, dass etwas nicht stimmt. Durch die distanzierte Erzählweise wissen wir aber weder, was nicht stimmt, noch interessiert es uns sonderlich, dass etwas nicht stimmt. Während die Wirkung des Horrorfilms auf einer möglichst geringen Distanz gegenüber dem Geschehen beruht, bleibt zwischen Simone und dem Zuschauer ein unüberwindbarer Graben.

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Todd Haynes hat in Safe (1995) eine ähnliche Geschichte erzählt wie Stever: Eine Frau, die scheinbar alles hat, reagiert plötzlich und ohne eine konkrete Bedrohung allergisch auf ihr Umfeld. Zwar bleibt auch hier die genaue Ursache dieses psychischen Abwehrverhaltens im Verborgenen, Kamera und Musik bedienen sich aber durchaus der Sprache des Horrorgenres und versuchen die Angst der Protagonistin auf den Zuschauer zu übertragen. Simones Angstattacken wirken dagegen wie Launen, die sich nur schwer nachvollziehen lassen.

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An manchen Stellen wirkt es so, als könne die Handlung jederzeit umkippen. So taucht ganz unvermittelt ein seltsamer bärtiger Mann namens Herbert (Arno Frisch) auf, dessen Herkunft ebenso im Verborgenen bleibt wie sein genaues Verhältnis zu Simone – die Kurzgeschichte hat auf diese Fragen eine konkrete und erschreckend banale Antwort. Die wenigen Auftritte Herberts sind leider nur kurze, wenn auch verstörende Augenblicke, die einen Bruch zu den einlullenden Alltagsbeobachtungen des restlichen Films bieten. Wenn er verschwindet, verschwindet auch das Unbehagen des Publikums wieder.

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