Glow

Exploitation und Ermächtigung. Die Frauen-Wrestling-Dramedy Glow inszeniert das Nachspiel der US-amerikanischen Frauenbewegung mit Spandexshorts, Neonfarben und viel Haarspray.

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Wrestling-Fans teilen sich in zwei Gruppen. Die Marks lieben die Show, glauben an die Storylines, das Narrativ von Gut und Böse und eventuell sogar daran, dass die Ringschlägereien nicht inszeniert sind. Die Smart Marks (Smarks) wissen um die Inszenierung, kennen den Wrestling-Jargon und sind mehr an technisch versierten als an Gimmick-Wrestlern wie Undertaker oder CM Punk interessiert. Glow ist eine Serie für beide. Denn die Showrunner Liz Flahive und Carly Mensch (Nurse Jackie, 2009–2015) setzen, wie jede gute Wrestling-Show, auf bunte Stereotype und die Dramaturgie der Rivalität.

Alle Handlungsstränge führen in den Ring

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Dass man als Schauspielerin in den 1980ern an Stereotypen schwer vorbeikommt, erlebt Protagonistin Ruth (Alison Brie) bereits in der Eröffnungsszene. Sie spricht einen Monolog direkt in die Kamera, brennt dabei wie eine Schauspielstudentin im ersten Semester und drückt mit dem letzten Satz fast eine Träne heraus. „You’re reading the men’s role“, ist die trockene Reaktion der Casting-Agentin. Mehr denn ein Part als Sekretärin ist für eine unbekannte Schauspielerin eben nicht zu holen. Nicht jede Rolle, die eine Gesellschaft vergibt, kann einfach abgelegt werden. Ein Umstand, mit dem alle „Gorgeous Ladies of Wrestling“ inner- und außerhalb des Rings zu kämpfen haben werden.

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Wie Ruth sind sie fast alle erfolglose Schauspielerinnen. Etwa 50 von ihnen finden sich zum ersten großen Casting in einer abgeranzten Turnhalle ein. Vom Glanz, den die geplante Frühmorgen-Wrestling-Show versprühen soll, ist nicht viel zu erahnen. Auch Sam Sylvia (Marc Maron), der für die Sendung angeheuerte Regisseur, der normalerweise anarchische Low-Budget-Sci-Fi-Produktionen inszeniert, sieht mehr nach Kokain-Kater als nach gesunder Arbeitsmoral aus. Tatsächlich springt der Funke erst über, als Ruths beste Freundin, die Daily-Soap-Schönheit Debbie (Betty Gilpin), von einer Affäre zwischen ihr und Debbies Ehemann erfährt und der Freundin im Ring eine Abreibung verpasst. Die zerstörte Freundschaft wird zum dramaturgischen Motor der Serie und der Wrestling-Show. Ein Plot, der in der Lebenswelt beider Frauen wenig reizvolle Abzweigungen bietet, aber genau dort interessant wird, wo letztlich alle Themen und Handlungsstränge von Glow hinführen: in den Ring.

Bis in die Haarspitzen schreit alles nach den 80ern

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Die Reibungsfläche zwischen Persönlichkeit und Wrestling-Persona erweist sich als reichhaltiger Humor-Fundus, und Glow hat sichtlich Spaß daran, seine Protagonistinnen regelmäßig in neuen Outfits auf den Weg der Identitätsfindung zu schicken. Überhaupt ist die Serie dort am spannendsten, wo Stereotypen verhandelt werden. Als Gimmick-Wrestler bekommen die Ladys allesamt ihre Rollen zugeordnet. Die reichen von der eher harmlosen sexy Miss America über ihre russische Erzrivalin bis zur schwarzen Welfare-Queen aus Chicago und schließlich der Mudschahida mit Sprenggürtel. Was sich für die Frauen zunächst wie die Fortführung der ihr aufgezwungenen sozialen Stigmata anfühlt, wandeln sie schließlich zu ihrer eigenen Performance-Identität. Sie eignen sich ihre Stereotype an und gewinnen so die Deutungshoheit über sie zurück. Ein Prozess, der so fragil scheint wie die Errungenschaften der amerikanischen Frauenbewegung der 1960er und 1970er, die Glow eng mit der Show selbst verknüpft. Immer wieder schalten die Showrunner eine Außenperspektive dazwischen, die den kurz aufglühenden Glamour wieder in das matte Licht der Wirklichkeit taucht. Nie ist die Identität der Catcherinnen sicher, sie währt, wie ein Sieg im Ring, oft nur so lange, bis der nächste Gegner einem in den Rücken fällt, eine Bierdose aus dem Publikum geflogen kommt oder der Ehemann vor den Scheidungsrichter zieht.

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Glow bettet diese schweren Töne geschickt in neonfarbene Nostalgie ein. Bis in die Haarspitzen schreit alles nach den 1980ern: das opulente Dekor, die Reagan-Ära-Witze, After Work auf der Rollschuhbahn und eben auch die Unterhaltungsindustrie, die, befeuert vom Kokain, zum Höhepunkt ihrer Dekadenz aufsteigt und keine Ironie darin erkennt, eine Benefizparty für den Kampf gegen Crack zu veranstalten. So tanzt Glow die meiste Zeit nach den bekannten Beats der Ära, um doch immer wieder ironische Kontrapunkte zu setzen. Ungebrochen zieht der 1980er-Camp nur in den Ring ein. Hier bündelt sich die Energie von Rivalität und Identität zu einem mit Spandexhosen und Haarspray gestylten Spektakel, das den schmalen Grat zwischen Ermächtigung und Exploitation mit Schauwerten aufbereitet. Ein Vergnügen für Marks und Smarks.

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