Glaube, Liebe, Tod

Über herrschende Machtverhältnisse und mangelndes Mitgefühl. Peter Kern gegen den Rest der Welt.

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„Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern“ nannte der österreichisch-ungarische Schriftsteller Ödön von Horváth sein Bühnendrama Glaube Liebe Hoffnung (1932). Darin versucht eine arbeitslose junge Frau, in einer kalten, menschenverachtenden Gesellschaft Fuß zu fassen, und scheitert. Die Ignoranz der anderen treibt sie vom Gefängnis in die Armut und schließlich in den Tod. Was der Titel beschreibt, ist letztlich genau das, was in dieser Welt fehlt.

Beim neuen Film des politischen Underground-Regisseurs Peter Kern muss man unweigerlich an Horváth denken. Nicht nur, weil der Titel Glaube, Liebe, Tod an sein Drama angelehnt ist, Kern verfolgt auch inhaltlich ähnliche Absichten. Es ist ein Rundumschlag gegen alles Unrecht auf diesem Planeten. Wenn Kern selbst, der nach langer Zeit erfreulicherweise wieder einmal in einer Hauptrolle zu sehen ist, in einer Szene des Films mit ausgestrecktem Mittelfinger auf dem Dach eines Hausboots sitzt, ist das eine unmissverständliche Botschaft an die Herrschenden dieser Welt.

Seit über dreißig Jahren dreht Kern unermüdlich Filme mit wenig Budget und viel Sympathie für die Schwachen und Entrechteten. Dafür nutzt er gleichermaßen die Mittel von überzogenem Melodram und reißerischem Exploitationkino. Einst hat er gemeinsam mit Kurt Raab sogar einen waschechten Frauengefängnisfilm mit dem Titel Die Insel der blutigen Plantage (1983) gedreht. Guten Geschmack sollte man bei Peter Kern nicht erwarten, handwerkliche Finesse noch viel weniger. Doch das ist auch nicht die Qualität seiner Filme.

Glaube, Liebe, Tod ist selbst für Kerns Verhältnisse ein kleiner Film. Nur drei Darsteller sind zu sehen, die Laufzeit überschreitet kaum eine Stunde, und der Schauplatz ist überwiegend ein Hausboot. Es beginnt alles mit dokumentarischen Aufnahmen von der sizilianischen Insel Lampedusa. Hier setzt Europa alles daran, die Flüchtlinge aus Afrika nicht in seine Festung zu lassen. Wer die Überfahrt nach Italien überlebt, wird in der Regel bald wieder zurückgeschickt. Harte Realität in einer Welt ohne Mitgefühl.

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Das sucht man auch bei den beiden Hauptfiguren vergeblich: einem sich ständig zankenden Mutter-Sohn-Gespann, das seinen Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern verbringt. Permanent bombardieren sie sich mit Vorwürfen und Bösartigkeiten. Sie (Traute Furthner) bekommt noch heute feuchte Augen, wenn sie davon erzählt, wie sie einst mit dem Führer Blickkontakt hatte, er (Kern) kämpft dagegen mit seiner körperlichen Behinderung und hat es mit 63 Jahren immer noch nicht geschafft, sich vor seiner Mutter zu outen. Als sich schließlich ein geflohener Marokkaner auf dem Boot versteckt, wird dieser für die beiden zum Angriffs- und Lustobjekt.

Während bei Kern die selbstgefälligen Europäer ebenso hysterisch wie liebesbedürftig sind, stilisiert er den Flüchtling Abdel Drachim (Joao Moreira Pedrosa) mit engelsgleichem Gesicht zum Märtyrer. Musik von Georg Friedrich Händel verleiht den Bildern dazu die entsprechende Größe. Kern unterscheidet in seinem Film strikt zwischen falschem und richtigem Pathos. Das falsche wird ironisch sofort gebrochen, etwa wenn der Sohn eine Einheitsreligion gründen will und dabei weniger humanitäre als finanzielle Interessen verfolgt. Richtiges Pathos setzt er dagegen ein, wenn etwas die Menschen wirklich einander näherbringt. In einer Szene liegen sich Mutter und Sohn nach dessen verspätetem Outing tränenselig in den Armen, und Kern inszeniert diesen Moment wirklich ohne jeglichen Sarkasmus.

Das soll nicht heißen, dass es in Glaube, Liebe, Tod jedes Mal rührselig wird, wenn der Regisseur auf Missstände hinweist. Da würde man sein Talent als beißenden Satiriker grob unterschätzen. Der Film wimmelt nur vor Momenten, in denen mit parodistischen Mitteln auf Ausbeutung und Unterdrückung hingewiesen wird. Einmal besuchen Mutter und Sohn einen Drogeriemarkt der für ihren schlechten Umgang mit den Angestellten berüchtigten Kette Schlecker. Dort tönt ein überdrehter Werbejingle aus den Lautsprechern: „Kaufen Sie Happy Happy Chips. Unsere Mitarbeiter lieben Happy Happy Chips. Wir bezahlen unsere Mitarbeiter mit Happy Happy Chips.“

Je weiter die Handlung voranschreitet, desto größer wird das Themenfeld und desto absurder die Erzählweise. Der Umgang mit dem Fremden, wie er sich auf dem Hausboot beobachten lässt, spiegelt schließlich nur die Machtverhältnisse in der Weltpolitik wieder. Mit teils sehr drastischen Archivaufnahmen wird die Besatzungspolitik der USA dabei ebenso abgewatscht wie der verantwortungslose Umgang mit der Atombombe. Man könnte Kern hier vorwerfen, er folge keiner klaren Argumentationslinie, aber darum geht es ihm ja auch nicht. Glaube, Liebe, Tod ist keine fein ausformulierte Kampfschrift, sondern ein kräftig rausgebrüllter Hilfeschrei. Und zwar einer, bei dem man auch sehr viel Spaß haben kann. 

Trailer zu „Glaube, Liebe, Tod“


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