Gib mich die Kirsche! - Die 1. deutsche Fußballrolle

Die Fußball-WM wirft auch im Kino ihren gewaltigen Schatten voraus. Während die Welt zu Gast bei Freunden ist, lässt es sich dank Gib mich die Kirsche! bequem zurück auf die Anfänge des deutschen Profifußballs blicken.

Gib mich die Kirsche! - Die 1. deutsche Fußballrolle

„Fußball geht vor alles!“ heißt es an einer Stelle in Oliver Giehts und Peter Hüls nostalgischem Ausflug in die 60er und 70er Jahre der Nachkriegs-BRD. Gib mich die Kirsche! - Die 1. deutsche Fußballrolle erzählt von der Geburtsstunde der Bundesliga, den damaligen Idolen und den Weltmeisterschaften der Jahre 66, 70 und 74. Dafür arbeiteten sich die beiden Regisseure durch über 1000 Radiodokumente, Nachrichtenbeiträge und TV-Reportagen jener Zeit. Herausgekommen ist eine größtenteils unterhaltsame, wenn auch nicht wirklich erkenntnisreiche oder gar informative Hommage an das runde Leder.

Auferstanden aus Ruinen war (West-)Deutschland nach dem „Wunder von Bern“ allmählich wieder zu einer Nation mit zartem Selbstbewusstsein herangewachsen. Das mit dem Namen Ludwig Ehrhardt in Verbindung gebrachte Wirtschaftswunder erlaubt es den „jungen“ Bundesbürgern, große Träume zu hegen und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Hieraus entstand ein Optimismus, der sich auch im Fußball, der schönsten Nebensache der Welt, niederschlug. So beschloss der DFB 1963 die Einführung der 1. Bundesliga in ihrer noch heute gültigen Struktur. Geboren waren ein neuer Markenname, der Beruf des Spielervermittlers und der des Profi-Fußballers. Was seinerzeit als schwärmerische Amateur-Kickerei begann, endete heute in der wie ein Wirtschaftsunternehmen durchorganisierten Aktiengesellschaft.

Gib mich die Kirsche! - Die 1. deutsche Fußballrolle

Die Anfänge dieser jahrzehntelangen Entwicklung fangen Gieth und Hüls mit vielen eher unbekannten Filmschnipseln ein. Dabei steht nicht, wie der Titel es vielleicht vermuten lässt, der reine Spielbetrieb im Mittelpunkt, vielmehr geht es beiden um die filmische Konservierung des damaligen Lebensgefühls und der westdeutschen Befindlichkeit. So kommen in Gib mich die Kirsche! auch ausgiebig Fußballenthusiasten, Philosophen des Stammtisches und, besonders unterhaltsam und politisch nicht korrekt, meist weibliche Laien zu Wort. Fußball ist mehr als ein Sport, es ist ein hohes Kulturgut, was sich in regelmäßigen erhitzten Debatten um das „Grundrecht auf Fußball“ entlädt. Samstag für Samstag nivelliert er soziale Unterschiede. Ob Stehplatz oder VIP-Loge, für echte Fans ist das zweitrangig.

Die Bildcollage pendelt zwischen ästhetisierten Zeitlupenstudien vom eigentlichen Spielgeschehen und skurrilen Beobachtungen abseits des grünen Rasens. Ersteres nutzen die beiden Filmemacher, um besonders Franz Beckenbauer untermalt von Thin Lizzys „Still in Love with You“ ein weiteres Denkmal zu setzen. Die fast dreiminütige stilisierte One-man-Show demonstriert hierbei in Perfektion die ganze Eleganz des Fußballsports. Ein Mensch in Harmonie mit dem kleinen weißen Spielgerät, von rüdem Rumgebolze und gemeinhin unterstellter deutscher Grobmotorik keine Spur. Zusammen mit den Einblicken in das Privatleben der Kicker, Gerd Müller schweißgebadet am Traualtar, Uwe Seeler unterwegs als Vertreter für Sportartikel, erschließt sich schnell das Konzept hinter dieser Dokumentation. Dokutainment lautet die Zauberformel. Kein Zuschauer muss sich bei Spielstatistiken oder taktischen Belehrungen langweilen, stattdessen setzen Gieths und Hüls ganz auf das emotionale Miterleben historischer (Fußball-)Momente. Dass sie sich dabei besonders an den zu oft gesehenen Bilder der Weltmeisterschaften 66 und 74 berauschen, passt zwar in das Erlebniskonzept ihres Films, warum man als Zuschauer dafür aber unbedingt ins Kino gehen sollte, bleibt unklar.

Gib mich die Kirsche! - Die 1. deutsche Fußballrolle

Bedingt durch den breiten Adressatenkreis erfährt der eingefleischte Fußball-Fan im Laufe dieser 85 Minuten wirklich Neues ohnehin nicht. Gib mich die Kirsche! stellt im Zweifel den Skurrilitätsfaktor vor alles andere. Qualifiziert sich ein Bilddokument zumindest für einen kurzen Lacher, steigen die Chancen, dass es letztendlich auch Verwendung findet. Wenn dann sogar Schlagersängerinnen wie Gaby Berger ihr „Warum grad ein Fußballspieler?“ als musikalisches Leitmotiv zum Besten geben dürfen, wird aus einer Fußball-Dokumentation endgültig ein verklärter Blick zurück in die gute alte BRD.

Neben dieser wohligen nostalgischen Zeitreise packt der Film aber schließlich doch noch ein ganz heißes Eisen an: Frauenfußball. Unter der Überschrift „Muss das denn sein?“ darf ein gewisser Hans-Hubert Vogts aus Korschenbroich über das Pro und Contra der auch auf dem Fußballplatz beginnenden Emanzipation philosophieren. Ansehen muss man sich das nicht, aber wenn es den Frauen gefällt, sei es in Ordnung, lautet sein fachmännischer Kommentar. Für einen kurzen Moment herrscht Verwirrung, ob er mit dieser Aussage nicht prophetische Qualitäten beweist und ein treffendes Resümee über Die 1. deutsche Fußballrolle gleich mitformuliert.

 

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