Ghost in the Shell – Kritik

Mechanische Seelenwanderung: In Ghost in the Shell jagt eine Cyborg-Kampfmaschine einen gewalttätigen Hacker – doch im Kern erforscht der Film die rauschhafte Vorstellung, immer noch man selbst und doch zugleich ein vollkommen anderes Wesen zu sein. 

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Es ist eine zärtliche Annäherung, die am Anfang von Ghost in the Shell stattfindet. Ein entkörperlichtes Gehirn, umrahmt von mechanischen Tentakeln, die Zugang gewähren zu den weitverzweigten Nervenbahnen, nähert sich einem elektronisch leuchtenden, künstlichen Körper, aus dessen Innerem sich ebenfalls dünne Anschlüsse emporstrecken. Wie aus eigenem Antrieb streben die beweglichen Drähte einander zu, es kommt zu Berührungen, zu vorsichtigen Umschlingungen, dann verflechten sich die mechanischen Ranken immer enger, ziehen Körper und Gehirn dichter und dichter aneinander. Eine Ekstase liegt in dieser Vereinigung, die zitternde Erwartung einer Grenzüberschreitung, eine Sehnsucht, die so stark ist, dass sie sich von ihrer Erfüllung kaum mehr unterscheiden lässt. Die Geburt des „Majors“ (Scarlett Johannson) stellt in Ghost in the Shell das schillernde Versprechen dar, dass der biologische Anteil unseres Wesens – verletzlich, durch dunkle chemische Prozesse bestimmt und uns ungefragt aufgebürdet – auf das Allernotwendigste reduziert werden kann, dass der Rest unserer materiellen Beschaffenheit unseren Wünschen und Bedürfnissen gegenüber offen ist, dass wir selbst die Art und Weise bestimmen können, wie die äußere Welt auf uns einwirkt und wie wir auf sie einzuwirken in der Lage sind. In dem Bild der innigen Umarmung von mechanischem Körper und grauer Gehirnmasse äußert sich die rauschhafte Vorstellung, immer noch man selbst und doch zugleich ein vollkommen anderes Wesen zu sein – es ist das Bild einer Seelenwanderung.

Die Euphorie der Selbstbestimmung und die Ruhe der Abstammung

Ghost in the Shell 5

Eine Zeit lang gibt sich Ghost in the Shell ganz dieser zwiespältigen Faszination eines hemmungslosen Eingriffs in die körperliche Substanz des Menschen hin. In der Zukunft, die der Film entwirft, sind sogenannte cyber enhancements gang und gäbe, der eigene Körper wird ohne großes Zögern gegen ein leistungsstärkeres synthetisches Pendant getauscht, vermittels neuronaler Implantate klinkt man sich in ein mächtiges Informationsnetz ein, und selbst die Zerstörung der eigenen Augen empfindet man nicht als Verlust, da man sie nun durch taktische Nachtsichtobjektive ersetzen kann. Es ist eine Welt, die alles Schicksalshafte abgestreift oder zumindest weitestgehend zurückgedrängt hat: Man ist nicht mehr in dem Körper gefangen, mit dem man geboren wird, man muss das Unglück, das man erleidet, nie als etwas Endgültiges hinnehmen. Doch diese Freiheit wird stets unterfüttert von einem diffusen Unbehagen, das etwa in dem Besuch Majors bei einer Prostituierten deutlich zutage tritt. Nicht sexuelle Dienste werden hier verlangt oder geboten, sondern nur die Gegenwart eines unmodifizierten menschlichen Körpers. Vorsichtig streicht Majors Hand über das sommersprossenbedeckte Gesicht der jungen Frau, über ihre Lippen, ihre Augen, erfüllt von einer befremdeten Faszination für diesen Körper, der vermeintlich nur aus sich selbst, anhand einer ihm innewohnenden Dynamik und nicht als Ergebnis bewusster Entscheidungen entstanden ist. In Ghost in the Shell wankt die Sehnsucht der Menschen somit unsicher zwischen zwei Polen: zwischen der Euphorie einer Selbstbestimmung, die sich auch auf die innersten Schichten des eigenen Wesens erstreckt, und der Ruhe einer von außen auferlegten Identität, die man nicht wählen und für die man nicht verantwortlich sein muss.

Starre Prägung und permanenter Wandel

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Aus diesem Spannungsfeld zwischen zwei entgegengesetzten und doch aufeinander bezogenen Menschenbildern – zwischen einer Bestimmung des Menschen anhand seiner Entscheidungen und anhand seines Ursprungs – bezieht Ghost in the Shell über weite Strecken eine beträchtliche innere Dynamik. Nur gegen Ende verliert der Film mehr und mehr seine ursprüngliche Faszination für eine potenziell grenzenlose Selbstformung und schlägt sich beinahe restlos auf die Seite des Ursprungs und des Schicksals. Zunehmend geplagt von diffusen Erinnerungen an die Zeit vor ihrer Verwandlung, begibt sich Major auf die Suche nach den Spuren ihrer früheren Existenz – und irgendwann scheint es dann tatsächlich gar keine Rolle mehr zu spielen, dass diese Existenz mit ihrem jetzigen Leben nichts mehr zu tun hat, dass all die früheren Erfahrungen und Beziehungen innerhalb Majors jetziger Wirklichkeit eigentlich keinen Platz einnehmen können, dass sie ihr immer nur fremd und unzugänglich erscheinen müssen. Für den Film sind es dann eben doch nicht die eigenen Handlungen, die – wie eine Figur wieder und wieder sagt – uns zu dem machen, was wir sind, sondern nur unsere Erinnerungen, unsere Vergangenheit, unsere Prägung durch Erlebnisse, die jeder bewussten Handlungsfähigkeit vorausgingen. Indem der Film seine Hauptfigur dergestalt ganz auf ihre psychologische Abstammung reduziert, macht er sie eigentlich erst zu dem Gespenst des Titels, innerlich vollends losgelöst von einem zur Schale verkommenen Körper.

Ghost in the Shell 8

Dabei ist es gerade der Körper des Majors, der in Ghost in the Shell zum Sinnbild wird für das Zurückweisen jeder endgültigen Prägung, ob durch die Vergangenheit oder den eigenen Willen. Weiblich in der äußeren Form, aber doch von allen klaren Zeichen der Geschlechtlichkeit bereinigt, überzogen von einer Haut, die doch zugleich auch Hülle ist, mal bunt schimmernd wie ein Tiefseefisch, mal vollkommen durchsichtig und ganz in der Umwelt aufgehend – bereits in ihrer unmittelbaren Erscheinung ist Major ein Wesen, dessen eigentlicher Zustand der des permanenten Wandels ist. Vielleicht zieht es sie auch aus diesem Grund immer wieder hinab an den Grund des Hafenbeckens, nicht weil es, wie sie sagt, dort angenehm still und dunkel ist, sondern weil nur das Abtauchen in die Tiefe jenen Moment nach sich zieht, in dem der eigene Körper von unten die Wasseroberfläche durchbricht. Das Gefühl der grenzenlosen Weite und Schwerelosigkeit erlischt, es zieht einen zusammen, man spürt die Luft auf der Haut, man wird sich einer Grenze, einer Form bewusst – man entsteht, aufs Neue und nicht zum letzten Mal.

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