Ghetto

Spiel mir das Lied vom Ghetto-Tod. Eine deutsch-litauische Koproduktion wagt sich an die Verfilmung von Joshua Sobols Theatergroteske. Das Musical vom Massenmord ist Teil des offiziellen litauischen Holocaust Gedenkprogramms.

Ghetto

Litauens Hauptstadt bildete vor dem Zweiten Weltkrieg ein Zentrum des jüdischen Lebens im Baltikum. Nach dem Holocaust waren 94 Prozent aller Juden des Landes getötet worden, soviel wie in keiner anderen jüdischen Gemeinde Europas. Tausende Litauer hatten sich freiwillig am Genozid beteiligt. Die Verstrickung in die Vergangenheit war lange tabuisiert. Regisseur Audrius Juzenas will nach eigener Aussage mit Ghetto dazu beitragen, die Historie dem Diskurs zu öffnen.

Der Film basiert auf Joshua Sobols gleichnamigem Stück von 1984, das wiederum auf Tatsachen beruht und während der deutschen Okkupation im Ghetto von Vilnius spielt. Dem Kommandanten der jüdischen Ghetto-Polizei, Jacob Gens, obliegt es, unter den Bewohnern für Ruhe und Ordnung zu sorgen und anstehende Selektionen zu leiten. Durch die Mithilfe am Mord versucht er, Leben gegen Leben auszuhandeln, wenn möglich Alte und Kranke auszuliefern, um die Jüngeren zu retten, die Opferzahlen herunterzufeilschen und Zeit bis zur deutschen Niederlage zu gewinnen. Tatsächlich trieb diese Form der selbstverwalteten Euthanasie die Judenräte und jüdischen Ordnungsdienste unter dem NS-Regime in eine perfide Mitschuld – sie wurden selbst zum Werkzeug der Vernichtung, sie halfen, deutsches Personal und deutsche Energien zu sparen und den Krieg zu verlängern, sie hofften aber, Leben zu retten: eine Höllensituation.

Ghetto

Gegenspieler von Jacob Gens und gleichzeitig Handelspartner über die Zahl der Toten ist der junge NS-Offizier Kittel. Er ist so kunstliebend wie sadistisch und trägt zwei Köfferchen mit sich herum: das mit dem Saxophon und das mit der Maschinenpistole. Kittel verliebt sich in die jüdische Sängerin Haya und erlaubt den Künstlern aus ihrem Umkreis, ein Theater zu errichten. Tatsächlich wurde hier bis zur vollständigen Liquidation des Ghettos 1943 gespielt. Den geschichtlichen Hintergrund verarbeitete Sobol zu einem grotesken Totentanz, der nicht geschmackvoll sein will, nicht realistisch, der die Fragen nach dem moralischen Überleben und nach der Verrohung der Übriggebliebenen auch an das Israel der 80er Jahre stellte.

Das Drehbuch zur Verfilmung von Ghetto, für das Sobol ebenfalls verantwortlich zeichnet, streicht die Diskussionen um Zionismus, beschäftigt sich allerdings auch nicht mit der litauischen Kollaboration, auf die der Regisseur in Interviews hinweist, sondern konzentriert sich auf das Figurendreieck von Gens, Kittel und Haya. Jacob Gens, in einer für das Gewissen aussichtslosen Position und unter den Figuren sicher die spannendste, ist mit Heino Ferch besetzt, der all seine Rollen (zuletzt Albert Speer in Der Untergang, 2004) mit dem gleichen steinernen Gesichtsausdruck absolviert, was ihm den Beinamen „der deutsche Bruce Willis“ beschert hat. Seinen inneren Konflikt signalisiert er zumeist durch Stirnfalten. Erika Marozsán, die zu Beginn als Sängerin Haya aus der Kanalisation steigt, wobei ihr die Hemdträger schon ein wenig ins Rutschen geraten, scheint durch einen Zeittunnel direkt aus Rolf Schübels NS-Melodram Gloomy Sunday (1999) geklettert. Schon damals musste sie für einen SS-Mann singen und der Kamera ausgiebig ihre Brüste zeigen. Nichts gegen Brüste. Aber immer, wenn sich ein offensichtlich lüsterner Blick mit den faschistischen Zeichen mischt, wird es unangenehm. In Ghetto sieht das so aus: Gens feilscht mit Kittel (Sebastian Hülk) während einer wüsten Kellerorgie um die Zahl der zu erschießenden Juden. Er stellt Haya vor den Nazioffizier und legt ihren Busen frei. Kittel knetet wie betäubt ihre Brüste und lässt sich auf 600 Juden herunterhandeln. Auch die Kamera klebt an Hayas Busen. Der Zuschauer wird in den sadistischen Blick gezwungen.

Ghetto

Die gesamte Inszenierung springt zwischen der im Stück angelegten theatralen Groteske, die ihre komischen Momente hat, und dem psychologischen Realismus des Spiels der drei Hauptdarsteller. Dazwischen flottieren die Faschismus-Zeichen. Eines davon ist Kittel selbst: der sadistische kunstliebende Nazi ist im Kino zum Klischee geworden. „Sing – oder ihr seid bald Futter für die Würmer!“ fordert er Haya auf, und Erika Maroszán bewegt die Lippen (latent asynchron) zur Opernstimme. Die andere Seite des Stereotyps: Bei einem Kampf jüdischer Schmuggler wird einer brutal erstochen. Noch im Sterben krallt sich seine Hand in die Geldscheine – gierig bis zuletzt. Dabei bleibt die eigentliche Monstrosität der permanent gezeigten Gewalt an der Oberfläche kleben.

Die Schlusseinstellungen könnten strukturell auch einem Tarantino-Werk entstammen: die Augen des bösen Helden – das blitzende Mündungsfeuer – die Patronenhülsen fallen in Großaufnahme – ein Tableau aus Toten, knallrotem Blut und Marmelade, über das die Kamera kreist – Kittel lässt die Waffe fallen, setzt einen Hut auf und verlässt das Bild wie ein Westernheld als Rückenfigur. Da sind sie wieder, die Bilder der Populärkultur – in einem Holocaust-Film, der leider keine Groteske geworden ist.

Kommentare


Martin Z.

Joshua Sobol ist bekannt für provokante Theaterstücke. Hier wurde eins seiner berühmtesten von Audrius Juzenas verfilmt. Es spielt Ende des 2. Weltkrieges im von den Nazis besetzten Litauen. Aus der Crew der hervorragenden Schauspieler möchte ich nur Heino Ferch (Gens) und Erika Maroszan (Haya) nennen. Es ist letztlich eine Auseinandersetzung zwischen Kunst und Macht, zwischen Intelligenz und Brutalität. Das ganze Ausmaß der Tragik wird in der Figur des jüdischen Polizeichefs Gens fokussiert. Der wird unschuldig schuldig, auch wenn er das Leben von vielen Juden rettet. Durch das permanent latente Vorhandensein von Willkür und Gewalttätigkeit entsteht eine Spannung, deren Lösung am Ende fast schon erwartet wird. Filmisch werden hier allerdings leider wenig Highlights gesetzt. Man spürt die etwas steife Theaterinszenierung. Trotzdem sehenswert.






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