GG 19
Ein Film für Politiker und Lehrer: Nachwuchsregisseure drehen 19 Kurzfilme zu den wichtigsten deutschen Grundgesetzen und illustrieren damit die Grundlagen der Rechtsprechung.

Die Herausforderung, welche sich hinter dem kryptischen Titel GG 19 verbirgt, ist enorm: 19 Kurzfilme zu den ersten 19 deutschen Grundgesetzen, jeweils knapp sechs Minuten lang und inszeniert von Nachwuchsregisseuren. Die entstandene Kurzfilmsammlung – auch Omnibus-Film genannt – fällt jedoch enttäuschend aus. Kaum einer der Beiträge schafft es, in den wenigen Minuten die komplexen Grundgesetze adäquat zu behandeln. Vielmehr greifen die Filmemacher auf bekannte Vorbilder zurück: wie im Beitrag zum Artikel „Gewährleistung der Grundrechte“, in dem eine an Brazil (1985) erinnernde Bürokratie-Zukunft beschworen wird. Auf der Suche nach dem Grund für ein plötzliches Verbot, einen Wurststand zu betreiben, irrt darin der Besitzer der Braterei verzweifelt von Behörde zu Behörde, nur um mit immer mehr Formularen überschüttet zu werden. Selbst die omnipräsenten Rohre aus Brazil werden zitiert. Gelingt Ansgar Ahlers damit noch eine interessante Hommage an Terry Gilliams Klassiker, so scheitert beispielsweise die Verfilmung von „Verwirklichung von Grundrechten“ komplett. Ein als billiger Superheld verkleideter Mann springt aus der Leinwand in den Saal und belehrt einen Zuschauer über seine Rechte. Mit seiner Trash-Optik erinnert dieser erste Clip mehr an Handy- und Media Mark-Werbung.

Eine platte Satire in seiner Mischung aus Die Truman Show (The Truman Show, 1998) und Hostel (2005) ist dagegen der Beitrag zum ersten Artikel „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Ein Polizeikommando überfällt mitten in der Nacht eine Familie, verschleppt und foltert den ahnungslosen Vater, bevor das ganze als perverse Fernsehshow entlarvt wird, in der den Opfern möglichst große Angst eingejagt werden muss. Die Sensationsgier der Medien wird in einer allzu vereinfachenden Vision der Unterhaltungsindustrie aufgelöst, welche die aufklärerische Absicht des Clips letzten Endes ins Leere laufen lässt.
Lediglich GG 19-Initiator Harald Siebler besitzt in einem seiner zwei Regie-Beiträge den Mut zum formalen Experiment: Ein Postbote verteilt in einem Dorf Briefe, die er zuvor alle gelesen hat. Gefilmt wird dieser Bruch der Intimsphäre komplett aus der Ich-Perspektive des Briefträgers mit einem genüsslich voyeuristischen Off-Kommentar des Täters.
Entstanden ist GG 19 auf Initiative des Produzenten Siebler anlässlich des 55. Geburtstages der Grundrechte der Bundesrepublik Deutschland. In Zusammenarbeit mit der Master School Drehbuch Berlin rief er einen bundesweiten Wettbewerb aus, Drehbücher zu den Grundgesetzen einzusenden. Eine achtköpfige Jury, der unter anderem Maria Schrader, Nina Grosse und Harald Siebler selbst angehörten, wählte aus 482 Einsendungen, die sich laut Eigenaussage „überwiegend durch eine außerordentlich hohe Professionalität auszeichneten“, die schlussendlich verfilmten Geschichten aus. Zusätzlich erhielt das Projekt Unterstützung von der Bundeszentrale für politische Bildung und zahlreichen Politikern wie Wolfgang Thierse, Brigitte Zypries oder Bernd Neumann.

Neben der oberflächlichen Bearbeitung der einzelnen Gesetzesvorlagen fällt dabei insbesondere die übertriebene gute Absicht von der ohne Ecken und Kanten auftretenden Kompilation auf, die deshalb vor allem sehr gefällig wirkt.
So illustriert GG 19 einmal mehr die Schwierigkeit, einen Omnibus-Film herzustellen. In regelmäßigen Abständen werden diese produziert und zeichnen sich durch ähnliche Stärken und Schwächen aus. In den meisten Fällen bestehen sie aus Episoden bekannter Regisseure oder dienen wie bei GG 19 als Sprungbrett für junge Filmemacher. 11’09’’01 – September 11 (2002) oder die beiden Ten Minutes Older-Filme The Cello und The Trumpet (beide 2002) versammeln jeweils auf Initiative eines Produzenten ein illustres Heer internationaler Regisseure. Stets sind die einzelnen Beiträge untereinander jedoch zu unausgewogen, die herausragenden Episoden stehen schwächeren gegenüber, welche den Gesamteindruck schmälern.
So kommt auch GG 19 nicht über das Mittelmaß hinaus. Gefällig, brav, und mit großer inszenatorischer Zurückhaltung der Filmemacher, schielt die Paragraphen-Parade vor allem auf Politiker und den Schulunterricht.
Filmkritik von Hannes Brühwiler
Veröffentlicht am 31.05.2007
Kommentare zu GG 19
Korrektur 28.05.2009 20:12
Sehr geehrter Herr Brühwiler!
Ich teile Ihre Auffassung voll und ganz. Jedoch möchte ich anmerken, dass es in Art. 18 GG nicht um die "Verwirklichung der Grundrechte" geht, sondern um deren Verwirkung.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu GG 19. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
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Film-Angaben
Titel: GG 19
Deutschland 2007
Laufzeit: 149 Minuten
Regie: Ansgar Ahlers, Boris Anderson, Nina Franoszek, Marcel Ahrens, Sabine Bernardi, Axel Bold, Savas Ceviz, David Dietl, Johannes Harth, Marion Kracht, Andre F. Nebe, Carolin Otterbach, Kerstin Polte, Christine Repond, Andreas Samland, Harald Siebler, Suzanne von Borsody, Johannes von Gwinner, Philipp von Werther
Drehbuch: Ansgar Ahlers, Boris Anderson, Jens Baumeister, Catherine Ann Berger, Sabine Bernardi, Esther Bernstorff, David Dietl, Kati Faude, Robert Hennefarth, Falko Hennig, Werner Jurek, Sonia Karst, Jens Köster, Kathi Liers, Jan Neumann, Raimund Maessen, Olaf Nollmeyer, Silke Riemann, Henner Schulte-Holtey, Jana Evita Seidel, Harald Siebler, Uwe Wesel, Gerhard Winter, Cristina Zehrfeld
Produktion: Harald Siebler
Darsteller: Anna Thalbach, Adriana Altaras, Stephan Grossmann, Wolfram Koch, Kurt Krömer, Max Riemelt, Ellen Schwiers, Katharina Wackernagel
Kinostart: 31.05.2007
Copyright GG 19
Fotos: © NFP
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