Get Out

Ein junger schwarzer Fotograf soll die Eltern seiner weißen Freundin kennenlernen. Der als Komiker bekannte Regisseur Jordan Peele nimmt das in einem der erfolgreichsten US-Horrorfilme aller Zeiten zum Anlass, um das linke Establishment vorzuführen.

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Man muss keiner gesellschaftlichen Minderheit angehören, um das unangenehme Gefühl zu kennen, in der Minderheit zu sein. Sobald wir uns unter Menschen einer vorwiegend homogenen sozialen Gruppe befinden, der wir selbst nicht angehören, befällt uns häufig eine gewisse Anspannung. Ob sich der Unterschied über das Alter definiert, die Hautfarbe, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung, ist dabei zweitrangig. Bestimmt wird die Situation von dem beunruhigenden Wissen, nicht dazuzugehören, bestimmte Codes nicht zu beherrschen und dadurch zum unfreiwilligen Repräsentanten einer Bevölkerungsschicht zu werden, sowie von dem lähmenden Gefühl, von Blicken durchbohrt zu werden, die in einem nicht das Verbindende, sondern nur das Andere sehen wollen.

Eine Reise in die dunkelste amerikanische Vergangenheit

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Dass sich eine Figur in ein neues Umfeld begibt, ist im Kino ein äußerst beliebtes und auch genreübergreifendes Sujet – im Filmjargon hat sich dafür die Metapher fish out of water eingebürgert. Auch Schauspieler Jordan Peele greift dieses Motiv in seinem Regiedebüt auf und konzentriert sich dabei auf das Unbehagen, das durch ein mangelndes Zugehörigkeitsgefühl hervorgerufen wird. In Get Out ist dieses Gefühl in einer ganz konkreten Erfahrung verwurzelt: der anscheinend nie endenden Unterdrückung und Ausgrenzung der Afroamerikaner. Get Out handelt von dem jungen schwarzen Fotografen Chris (Daniel Kaluuya), der die Familie seiner weißen Freundin kennenlernen soll. Obwohl Rose (Allison Williams) der Inbegriff der Empathie ist und mehrmals versichert, dass ihre Eltern aufgeschlossene Obama-Wähler seien, hat Chris ein mulmiges Gefühl. Seine nur mäßig gespielte Coolness wirkt, als hätte er solche Beteuerungen schon oft gehört und wäre am Ende doch eines Besseren belehrt worden. Und tatsächlich wirkt das abgelegene Landhaus der Schwiegereltern in spe zunächst wie eine Reise in die dunkelste amerikanische Vergangenheit. So modern die Eltern auch wirken, ihre wortkargen, ausschließlich schwarzen Angestellten wirken wie ein Relikt aus der Zeit der Sklaverei.

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Get Out, der das Verlangen, aus dieser Parallelwelt zu fliehen, schon im Titel trägt, arbeitet geschickt mit kleinen, aber umso effektiveren Irritationen im sozialen Miteinander. Die Beteiligten tun alles dafür, die Situation so normal wie möglich erscheinen zu lassen, aber der feine Unterschied lässt sich eben nicht aus dem Weg räumen. Immer wieder gibt es Hoffnung auf Entspannung, etwa wenn Chris versucht, sich anderen Schwarzen kumpelhaft anzunähern – aber jeder von ihnen benimmt sich so sonderbar, dass sich keine Erlösung einstellen will. Die Möglichkeit, die Peele zunächst noch offen lässt, ist, dass sich sein Protagonist das alles vielleicht nur einbildet. Überhaupt richtet sich der Film in einer Grauzone ein, in der es zwar ein diffuses Unwohlsein gibt, jedoch keine stichhaltigen Argumente, die es begründen könnten. Statt den stärksten Kontrast zu wählen und Chris in die Arme offen rassistischer Hinterwäldler zu schicken, konfrontiert ihn Get Out mit einem eher linken, bürgerlichen und gebildeten Milieu, bei dem sich die Außenseiterrolle des Protagonisten nur in den Feinheiten der Kommunikation niederschlägt. So kommt es immer wieder zu Blicken, Gesten und Äußerungen, die Misstrauen schüren, aber eben nie eindeutig genug sind, um etwas zu beweisen. Selbst bei einer grotesk aus der Zeit gefallenen Gartenparty mit Kolonialkolorit erlebt Chris keine offene Feindseligkeit, sondern einen Rassismus, der so positiv ist, dass man sich erst mal nicht sicher sein kann, ob es sich vielleicht doch nur um ungeschickt formulierte Komplimente handelt.

Das linke Establishment vorführen

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Obwohl uns Get Out zunächst auf eine falsche Fährte lockt und sich nach einem Twist zunehmend vom soziologischen Terrorkino zum Body Horror wandelt, bleibt er dabei weiterhin eine dunkle Gesellschaftssatire. Die Reflexion über die amerikanische Bevölkerung findet sich in jeder Pore des Films. Dass eine besonders perfide Form der Hypnose eine Rolle in der Story spielt, lässt sich etwa ohne weiteres als Metapher für die Fremdbestimmtheit unterprivilegierter Afroamerikaner verstehen. Und selbst im deutlich auf Komik angelegten Nebenerzählstrang um Chris’ Freund Rod (der Comedian Lil Rel Howery) – einen etwas trotteligen Sicherheitsbeamten, der versucht, seinem Freund aus der brenzligen Situation zu helfen – geht es vor allem um das Misstrauen zwischen den Ethnien. Als Rod etwa Hilfe bei einer schwarzen Polizistin sucht, entgegnet sie nur: „Oh white girls ... they get you every time“.

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Get Out bettet seine bewährten Horrorformeln also auf einem sozialem Minenfeld. Schon seit einigen Jahren tritt ein Independentkino in Erscheinung, das den gesellschaftlichen Subtext des Horrorfilms immer weiter in den Vordergrund rückt. Ob es adoleszente Qualen sind wie in It Follows (2014) und Raw (2016) oder die Isolation einer alleinerziehenden Mutter in The Babadook (2014), stets geht es darum, die Befindlichkeiten eines bestimmten Milieus mit den Mitteln des Fantastischen zuzuspitzen. Interessanterweise findet sich auch ein Anknüpfungspunkt zu einem Meilenstein des Horrorkinos: In George A. Romeros Die Nacht der lebenden Toten (Night of the Living Dead, 1968) reichte damals die bloße Tatsache, den Helden mit einem Schwarzen zu besetzen, für eine Kontroverse. Hier muss sich der Protagonist nicht nur gegen einen Haufen Untoter behaupten, sondern auch gegen seine rassistischen Leidensgenossen. Get Out scheint mit dem Wissen um diesen Film entstanden zu sein – nicht nur, weil es abgesehen von einigen Blaxploitationstreifen kaum Horrorfilme mit schwarzen Hauptdarstellern gibt. Allein mit seinem Finale spielt Peele offensichtlich auf Romeros finsteres Ende an – und denkt es schließlich doch in eine andere Richtung weiter. Die Gesellschaft ist in den fast 50 Jahren, die zwischen den beiden Filmen liegen, nicht unbedingt eine bessere geworden, aber zumindest eine andere. Das kontroverse Potenzial von Peeles Film steckt deshalb auch weniger in der Wahl der Besetzung als darin, wie er ein linkes, gesundheitsbewusstes und vermeintlich aufgeschlossenes Establishment vorführt, dessen Sympathie ihm eigentlich sicher wäre.

Trailer zu „Get Out“


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