Geständnisse - Confessions

The kids aren’t alright.

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Der Titel deutet es bereits an: In Geständnisse ist das Schlimmste schon geschehen. In seiner vielfach ausgezeichneten Sozialsatire lässt Regisseur Tetsuya Nakashima die Figuren zurückblicken auf ihre Fehltritte, ihre Verbrechen; mal reuig, mal unverständig, mal diabolisch befriedigt. Nur zweierlei ist klar: Was geschehen ist, war hässlich, und ändern lässt sich nichts mehr.

Ex post facto ist also die Zeitform dieses bitterbösen, ganz ungeniert misanthropischen Filmes – nach der Tat. Nach der Entscheidung, nach der Freiheit. Geständnisse ist strukturell eine wie Matroschkas in sich verschachtelte Racheerzählung, in der es einer den anderen heimzahlt. Und die Rache treibt ja immer ihre Spielchen mit der Zeit: eingezwängt zwischen Unrecht und Vergeltung, ist dem Rächenden die Vergangenheit vergällt, während er die Zukunft en detail vorausplant – weshalb die Zeit der Rache im Wesentlichen tote Zeit ist, leere Zeit des Vorwurfs und des Wartens.

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Und damit sind wir in der Schule angekommen. Während der Lehrer labert, die Mitschüler dich hänseln, die Außenwelt entrückt scheint, weil du keine Freunde hast und deine Eltern Versager sind, in dieser leeren, toten Zeit: Wer käme da nicht auf ein paar böse Gedanken. Gerechtfertigte Ziele gibt’s ja mehr als genug, ein Blick durchs Klassenzimmer reicht. In diesem Setting ereignen sich gut drei Viertel von Geständnisse, in einer Klasse der düsteren Hintergedanken, des allgegenwärtigen Mobbings. Nun würde der moralisch integere Analyst von troubled kids zu sprechen beginnen und auf ihre schwierigen sozialen Umstände hinweisen. Der Lehrer wäre die tragische Figur, Stoßtrupp und Botschafter der Gesellschaft, Maßstab der Entfremdung und Annäherung zwischen den Generationen. Wir kennen diesen realistisch-humanistischen Zugang, ob als Doku-Fiction oder Rührstück: Die Klasse (Entre les murs, 2008) von Laurent Cantet, Dangerous MindsWilde Gedanken (Dangerous Minds, 1995) von John N. Smith.

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Geständnisse ist das genaue Gegenteil. Hier kommt die Lehrerin (Takaku Matsu) in ihre Klasse, verteilt Milchtüten an die Meute und beginnt mit ihrem „Geständnis“ diesen filmgewordenen sozialpädagogischen Albtraum. Ihre Tochter sei im letzten Jahr gestorben, und die Mörder säßen in der Klasse. Bedauerlicherweise schütze das japanische Jugendrecht unter Vierzehnjährige vor Gefängnis und harten Bestrafungen, weswegen sie die Dinge selbst in die Hand nehmen müsse. In die Milch des Tierquälers und Hobbybastlers Shuya (Yukito Nishii) sowie in die des Mamasöhnchens und Hänselopfers Naoki (Kaoru Fujiwara) habe sie HIV-infiziertes Blut gespritzt, die beiden seien die Gesuchten. Nun solle die Klasse auf ihre Weise damit umgehen, schöne Ferien noch, auf Nimmerwiedersehen.

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Die Taten und Worte der Lehrerin bringen die Vergeltungsspiralen des Filmes in Drehung, die auf ebenso schwarzhumorige wie effektive Weise einen unerhörten Erziehungsweg nachzeichnen: die pädagogische Rache. Wenn das Gesetz keine erzieherischen Pflichten zu übernehmen vermag (und wer will das schon), wenn die Eltern in Japans zwischen Hardcore-Ellenbogen und Hardcore-Chauvinismus zerrissener Gesellschaft ihre Kinder nicht mehr erreichen, wenn die Schule nur noch die Arena für zuvor in Chatrooms organisierte Mobbing-Aktionen ist: Was bleibt dem Lehrer noch übrig, angesichts dieses Cocktails aus Unwissenheit (denn wie hoch ist denn die Infektionsgefahr von ein paar Dutzend HI-Viren in einem halben Liter Milch?), Werteverlust und Todestrieb?

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Geständnisse formuliert ein soziales Apokalypse-Szenario inmitten einer hochentwickelten Industriegesellschaft, und das in Gestalt sehr stilsicheren, sehr gehaltvollen, sehr sündigen Vergnügens. Moralische Erkenntnisse lassen sich besser gewinnen, wenn die bestehende Moral herausgefordert wird.

Visuell ist Geständnisse zugleich minimalistisch und eklektisch: Die Szenen im Klassenzimmer, einzig „beleuchtet“ von einer milchglasigen Fensterwand, erinnern an düstere Verhörzimmer; die von dunklen Haarsträhnen umschlossenen Gesichterchen lassen die Schüler in ihrer Undurchdringlichkeit mit den schwarzen Hintergründen verschwimmen (den schwarzhaarigen Kindesdämon kennt man aus dem japanischen Horrorgenre ja schon eingehend). Aber die Montage, getragen von den Off-Monolgen der „Geständnisse“ aller zentralen Figuren sowie einiger in Endlosschleife wiederholter Songs (u.a. von Radiohead), mischt diese Kammerszenen mit Zeitlupenaufnahmen von prasselndem Regen und verschwommenen Gestalten, mit kurzen Home-Video-Schnipseln und Aufnahmen von Handybildschirmen und Computerscreens. Die Form des Films geriert sich als zombiehafter Nachvollzug der audiovisuellen Erfahrungswelt der Jugend: ein Videoclip aus der Hölle.

Eine allgegenwärtige (Be-)Drohung liegt über dem gesamten Film, eine visuelle, akustische und menschliche Hässlichkeit. Gerade mit seinem Jukebox-Soundtrack und den karikaturhaften Charakterzeichnungen wird Geständnisse bestimmt viele Feinde finden, gerade zum Ende hin ist er zudem sehr plakativ und schwelgt in seiner Boshaftigkeit. Aber man kann auch diese Widerstände produktiv umdeuten: Durch solche Verletzungen des guten Geschmacks erteilt der Film quasi performativ eine Lektion. Die bittere Pille der Erziehung.

Trailer zu „Geständnisse - Confessions“


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