Gespenster

Christian Petzolds Film verschließt sich dem Zuschauer in etwa so, wie sich seine Protagonisten dem Leben, der Umwelt verschließen. Doch unter dem Panzer gibt es episodische Erzählungen über Formen der Einsamkeit, Abkehr und Umkehr zu entdecken, die nachwirken.

Gespenster

Ein Mädchen (Julia Hummer) wird von den Sicherheitskameras der Berliner H&M-Filiale im Einkaufszentrum Potsdamer Platz-Arkaden gefilmt. Nachdem ihre Freundin Toni (Sabine Timoteo) den Bildraum verlassen hat, ist sie ganz allein. Isoliert. Das unscharfe, grobkörnige, kontrastarme schwarz-weiss-Bild zeugt von einem Überwachungsauge, das ihr mechanisch folgt. Spürt sie diesen kalten, leblosen Blick? Sie läuft schneller, flüchtet, wie von paranoider Angst getrieben. Doch tatsächlich folgt ihr jemand, ruft: „Marie!“ - aber ist sie überhaupt Marie?

Marie jedenfalls, so viel ist sicher, wurde auch einmal, vor vielen Jahren, von Überwachungskameras festgehalten. Doch das nützte nichts, eine kalte, unbekannte Hand griff nach dem verlassenen Einkaufswagen, zog das Kleinkind aus dem Bild und aus dem Leben der Mutter.

Gespenster

In den Filmen Christian Petzolds sind die Protagonisten immer alleine, isoliert, seelisch verwundet. Sie greifen nach einem menschlichen Strohhalm, doch meistens verschlimmern sie ihre und die Schuld der Menschen um sich herum nur noch. Der Versuch, die Vergangenheit in der Gegenwart neu zu beleben, muss immer scheitern. Erst, wenn das Vergangene ausgelöscht oder vergessen und ein Neuanfang begonnen wird, ergibt sich eine Chance. Diese steht immer am Ende der Filme. So auch hier.

Der Weg dorthin ist jedoch weniger stringent, als in den vorangegangenen Filmen des Regisseurs (Die innere Sicherheit, 1999; Toter Mann, 2001; Wolfsburg, 2002), wo sich die Protagonisten beinahe fatalistisch von der anfänglichen Begegnung oder Konfrontation auf das Ende zu bewegen.

Gespenster

Was sich vielmehr einprägt von Gespenster, sind einzelne Szenen von besonderer Atmosphäre und Schauspielgabe. Immer sind es Bilder der Einsamkeit, des Einbruchs von Einsamkeit oder des Ausbruchsversuchs aus der Einsamkeit heraus. Was Petzold dabei scheinbar en passant inszeniert, ist Berlin als Topographie der Einsamkeit. Hierher reisen Françoise und Pierre, die Eltern der verschwundenen Marie. Parallel streift die Einzelgängerin Nina, das gealterte, von Computern simulierte Ebenbild Maries, inmitten einer unwirklichen Putzkolonne durch den Tiergarten, ehe ihr Blick eine gespenstische Szenerie einfängt: Toni, bedrängt von zwei Männern. Dabei bleibt in manchen Einstellungen ungeklärt, ob der Kamerablickwinkel dem Ninas entspricht. Entscheidend bleibt der Vorgang als Herzstück einer Erzählung, die innerhalb des Films variiert wird. Ist dies der Moment, um den Nina eine Geschichte spinnt? Ist dies die Verwirklichung, die Verkörperlichung einer sie dominierenden Phantasie? Die Initiation einer später als Erzählung subsumierten Phantasie? Oder ist die Szenerie gar selbst ihre Phantasie? Es ist jedenfalls der Beginn eines Abhängigkeitsverhältnisses zwischen den beiden jungen Frauen, das in den intensivsten Momenten zu einer erstaunlichen Liaison wird. Für die Visualisierung dieses Liebesglücks benötigt Petzold nur eine Szene, in der wieder Nina isoliert das Bild füllt. Getaucht in das Rot einer Partyszenerie, rhythmisch tanzend zur Musik. Als Toni zu ihr tritt, geht die Solistin in ein Duett über.

Gespenster

Doch die Verbindung kann kein dauerhaftes Glück bringen, zu instabil sind beide Figuren. Toni ist nicht nur unkontrolliert, sondern auch gefährlich. Der Regisseur weiß dies in einer Geste auszudrücken: Das Mädchen schwingt bedrohlich eine Schere. Sie trägt keine Waffe aus Kalkül, sondern greift vielmehr im Affekt zum Gebrauchsgegenstand. Schon in Toter Mann (2001) wird die Schere zum furchtbaren Gewaltwerkzeug. Dies ist bezeichnend für Petzolds Filme, in den die Gefahr nicht von außen in das Leben der Menschen tritt, nicht als einmaliges einschneidendes Moment, von Zufall oder Schicksal gesteuert. Vielmehr ringen alle Figuren mit einer latenten Gewalt, die in Momenten der größten Verzweiflung und Ohnmacht ausbrechen kann. Die Angst vor Verletzungen, der eigene schmerzende Erfahrungshorizont dominieren und führen zur Gegenreaktion: Selbst Schmerz zufügen, andere verletzen.

Die beinahe überlebensgroße Aufgabe besteht in der Auseinandersetzung mit dem Gewaltakt, mit dem Fehler, mit der Katastrophe. Im Weiterleben. Im Neuleben und Andersleben. Auch Nina muss eine Entscheidung treffen. Wir begleiten sie auf ihrem Weg dorthin, der viele Versuchungen, Verlockungen, vor allem aber Enttäuschungen mit sich bringt. Am Ende geht sie wieder aus dem Bild. Doch ohne Überwachungskamera. Sie ist nicht mehr auf der Flucht.

Kommentare


andreas jacke

"Gespenster"
und der deutsche Filminszenierungstil

Es gibt nicht viele deutsche Filme in den letzten Jahren, die mich so
beeindruckt haben. Klar auch Petzolds Film "Gespenster" hat dieses typische
Problem, dass so viele deutsche Filme haben. Er ist an einigen Stellen
einfach zu roh, um wirklich einfach gut genießbar zu sein. Insbesondere die
Figur der Toni (Sabine Timeto) ist insgesamt einfach etwas zu kaltschnäutzig
ausgefallen. Doch das ist eben so in deutschen Filmen und in diesem Fall
macht es sogar auch noch einigen Sinn. Dafür spielt Julia Hummer ihre Rolle
der Nina, ein vertruckst -trotziges Heimkind - mit einer außerwöhnlichen
warmen und seltsamen Überzeugungskraft. Auch die Inzenierung eines
französischen Ehepaares, die das elterliche Pendant zu den Jugendlichen
bildet, ist nicht bloß glücklich und durch die Sprache shon auf Distanz
gesetzt, aber in seiner Zurückhaltung, zumindest diskret in Szene gesetzt.

Was einen diesem Film aber nur schwer vergessen läßt ist eine Castingszene,
in die Toni und Nina die ein Paar bilden in ihrer Gegensätzlichkeit am
meisten von ihrer seltsamen und nur kurzfristigen Liebesbeziehung
offenbaren. Die coole Toni lügt auch hier und nach einigem peinlichen Zögern
erzählt Nina dann, wie sie ihre Freundin sieht. Man kann sich dem was sie
dann sagt und mehr noch "wie" sie es sagt kaum entziehen. Es sei denn man
würde es nicht glauben. Und wenn Petzold die beiden Mädchen später im roten
Licht auf einer Party weiterzeigt, dann setzt sich dieses Gefühl fort, dass
einen schon diesen ganzen Film lang iregendwie begleitet hat und das über
die ganze Kühle hinweggeht oder immer schon hinweggegangen ist.

Am Ende, wenn dann Nina das Portmonai mit ihrem aus dem Computer
hergestellten Bildern in einen Mülleimer wirft, findet der Film allerdings
zu dem Ausgang, der schon etwas vorhersehbar war. Es gibt hier eine
Ausweglosgkeit, die nur kurz mal unterbrochen worden ist und die schwer auf
Nina lastet. Aber durch diese kurze Unterbrechung ihrer Trostlosgkeit gibt
es da etwas, dass außerhalb einer gespenstisch geworden Welt zu stehen
scheint. Es ist nicht von Dauer aber es war da. Und man wird es nicht
vergessen können. Das ist es was diesen Film trotz oder gerade wegen seiner
typisch deutschen Coolneß so großartig und so sehenswert sein läßt.


andreas jacke

Gespenster- erweiterte Fassung

"Gespenster"
und der deutsche Filminszenierungstil

Es gibt nicht viele deutsche Filme in den letzten Jahren, die mich so
beeindruckt haben. Klar auch Petzolds Film "Gespenster" hat dieses typische
Problem, dass so viele deutsche Filme haben. Er ist an einigen Stellen
einfach zu roh, um wirklich einfach gut genießbar zu sein. Insbesondere die
Figur der Toni (Sabine Timeto) ist insgesamt einfach etwas zu kaltschnäutzig
ausgefallen. Doch das ist eben so in deutschen Filmen und in diesem Fall
macht es sogar auch noch einigen Sinn. Aber wenn man sich in Toni verliebt -
die ein Lügernin und ein Diebin ist - dann wird man sie eben verlieren. Das
ist von vornherein ziemlich klar. Und genauso wird es dann im Film auch
kommen.

Dafür spielt Julia Hummer ihre Rolle der Nina, ein vertruckst -trotziges
und trauriges Heimkind - mit einer außerwöhnlichen warmen und seltsamen
Überzeugungskraft. Dadurch ist alles was passiert nicht ganz so schlimm wie
es eigentlich wäre - denn irgendwie - und das ist dann das seltsame liegt
da eine verborgene Kraft in dieser Figur, die über die ganze Misere durch
ihre Traurigkeit hinausgeht.

Die Inzenierung eines französischen Ehepaares, die das elterliche Pendant zu
den Jugendlichen bildet, ist nicht bloß glücklich und durch die Sprache
schon auf Distanz gesetzt, aber in seiner Zurückhaltung, zumindest diskret
in Szene gesetzt. Hier liefert Petzold, dessen Prinzip Reduktion lautet, nun
wirklich nur die allernotwendigsten Fakten und es dauert schon eine ganze
Weile bis man da versteht, um was es der Ehefrau, die ihre Tochter sucht,
eigentlich geht.

Diese beiden Geschichten, die der Film immer abewechseln und mit sehr
gekonnten Übergängen erzählt, komen erst am Ende wirklich zusammen und dann
wie so oft im wirklichen Leben, sogleich wieder auseinander zulaufen.
Petzold eröffnet keine Chance zu einem Happy-End, sondern Nina (Hummer) wird
da enden wo sie angefangen an - sie wirft das Portmonai ihrer Mutter einfach
in den Müll. Am Anfang war sie ja für die Müllensorgung im Tiergarten
zuständig gewesen. Hier schließt sich ein trauriger Kreis.

Was einen diesem Film aber nur schwer vergessen läßt ist eine Castingszene,
in die Toni und Nina die ein Paar bilden in ihrer Gegensätzlichkeit am
meisten von ihrer seltsamen und nur kurzfristigen Liebesbeziehung
offenbaren. Die coole Toni lügt auch hier und nach einigem peinlichen Zögern
erzählt Nina dann, wie sie ihre Freundin sieht. Man kann sich dem was sie
dann sagt und mehr noch "wie" sie es sagt kaum entziehen. Es sei denn man
würde es nicht glauben. Und wenn Petzold die beiden Mädchen später im roten
Licht auf einer Party weiterzeigt, dann setzt sich dieses Gefühl fort, dass
einen schon diesen ganzen Film lang iregendwie begleitet hat und das über
die ganze Kühle hinweggeht oder immer schon hinweggegangen ist.

Am Ende, wenn dann Nina das Portmonai mit ihrem aus dem Computer
hergestellten Bildern in einen Mülleimer wirft, findet der Film allerdings
zu dem Ausgang, der schon etwas vorhersehbar war. Es gibt hier eine
Ausweglosgkeit, die nur kurz mal unterbrochen worden ist und die schwer auf
Nina lastet. Aber durch diese kurze Unterbrechung ihrer Trostlosgkeit gibt
es da etwas, dass außerhalb einer gespenstisch geworden Welt zu stehen
scheint. Es ist nicht von Dauer aber es war da. Und man wird es nicht
vergessen können. Das ist es was diesen Film trotz oder gerade wegen seiner
typisch deutschen Coolneß so großartig und so sehenswert sein läßt.

PS:

Auf der anderen Seite bleibt aber auch ein Unbehagen zurück. Denn die
Differenz zwischen der bürgerlichen und der Unterschicht durchzieht eben
doch ganz maßgeblich diesen Film, der seine wirkliche Heroen dann einzig in
der Unterschicht zu finden geneigt ist und damit die Kinder als ihren Eltern
überlegen erscheinen lassen möchte.... Die traurige Opermusik, das Auto, das
Hotelzimmer alles das läßt bei dem franzöischem Ehepaar ja den bürgerlichen
Lebensrahmen erkennen, der den beiden jungen Mädchen, völlig fehlt. Und
damit fehlt ihnen auch die innere Sicherheit, die das Ehepaar hat, wäre da
nicht das Trauma um die verlorene Tochter. Petzolds Faibel für Outlaws, der
sein Werk wohl wie ein roter Faden durchzieht möchte natürlich diese
Dimension, die er aber doch erzählt, am liebesten übersehen. Und das ist
tatsächlich ein weiteres Problemfeld dieses Film. Ein Problem das auch schon
in der "inneren Sicherheit" gab. Wenn man mit solch einer großen Sympathie
Kriminelle beschreibt, dann stößt man natürlich ein "größeres" Publikum von
Vornherein schon ab. Das ist vermutlich auch gewollt und auch okay... Aber
die Kehrseite dieser Haltung ist eben auch, jene von mir als lästig
empfundene Coolneß, die genau auf dem durchbrechen der bürgerlichen
Konventionen basiert. Deshalb sagen die Mädchen diese frechen Sachen - und
handeln so wie sie handeln,
weil alles andere "nur" bürgerliche Höflichkeitsfloskeln wären. Aber das
stimmt nicht -- den diese Konventionen sind es ja auch diese Gesellschaft
zusammenhalten-- die eine Demokratie erst ermöglichen...

Ein Problem des deutschen Films ist seine Unkonventionalität, die mir arg
unglaubhaft und vor allem roh, unhöflich und auch unvorteilhaft für das was
er zu sagen hat, erscheint. Die Ebene auf der interlektuelle Regiesseure aus
bürgerlichen Elternhäusern hier immer wieder auf die angebliche Freiheit der
niederen Klassen hereinfallen ist doch arg romantisch und wenig zuende
gedacht. Das Gefängnis der Unkonventionalität -das eben immer wieder von
Ninas traurigem Gesichtsausdruck aufgebrochen wird - ist doch viel
schlimmer, als die Höflichkeitsflokeln des Bürgertums....






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