Gesichter

Mit Gesichter (Faces) fand der in Europa bereits gefeierte Cassavetes auch in den USA seine Nische. Innerhalb seines Oeuvres ist Gesichter als Zwischenschritt hin zu seinen großen Filmen der siebziger Jahre zu sehen.

Gesichter aus dem Jahr 1968 könnte man als Zwischenfilm bezeichnen. Nach seinem vibrierenden Erstling Schatten (Shadows, 1959) sammelte John Cassavetes bei zwei Filmen Studio-Erfahrung als Regisseur, ehe er mit seinem letzten Schwarz-Weiß-Film jene Form des häufig improvisierten Schauspielerkinos austarierte, die er in den siebziger Jahren zur Perfektion trieb. Der Blick auf eine kleine Gruppe von Menschen, in deren Zentrum ein sich auseinanderlebendes Ehepaar steht, fungiert hier wie in späteren Filmen: Am Mikrokosmos werden poröse Stellen der Gesellschaft sichtbar. In langen, intensiven Tableaus dekonstruiert Gesichter die bürgerliche Lebenswelt des Paares und hinterlässt zwei gebrochen Menschen.

Cassavetes vierter Spielfilm ist in visueller Hinsicht weniger zeitlos als der bahnbrechende Schatten. Das Augenmerk gilt dem Ensemble. Gena Rowlands spielt die Prostituierte Jeannie Rapp, die in die Beziehungskrise eines alternden Ehepaares (gespielt von John Marley und Lynn Carlin) hineingezogen wird.

Wenn Gesichter heute nicht mehr immer voll zu überzeugen weiss, so liegt das zunächst an der Hyperexpressivität aller Darsteller, die sich in einzelnen Sequenzen wie im Schauspielworkshop gebären. Der Regisseur gewährt ihnen alle Freiheiten, was im Miteinander der Akteure jedoch zu einem unausgeglichenen Klangbild führt, dem die Unter- und Zwischentöne zuweilen fehlen. Die Inszenierung erscheint weniger sicher als in Schatten und den Meisterwerken aus den siebziger Jahren, was sich vor allem in einer scheinbar wildgewordenen Kamera manifestiert. Vor allem während der ersten Stunde droht der Film bisweilen in endlosen Gesprächswüsten zu versanden. Im Jahr 1968, als New Hollywood gerade die ersten Gehversuche unternahm, brach der Film viele Tabus was die Thematisierung von Sexualität angeht, heute jedoch wirkt Gesichter in dieser Hinsicht fast rührend harmlos. Auch dies trägt dazu bei, dass die Distanz zu dem Film heute schwieriger zu überbrücken ist als zu anderen Werken des Regisseurs.

Sobald die Handlung des Films in Fahrt kommt, gelingt Gesichter dann doch eine recht eindrückliche Charakterstudie, die allerdings weit weniger fest in der amerikanischen Lebenswelt verankert zu sein scheint als in Schatten und Eine Frau unter Einfluss.

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