Gesetz der Rache

„Die weiche Tour zieht nicht mehr!“ – Ein verbitterter Familienvater liest der amerikanischen Justiz die Leviten.

Gesetz der Rache

Für Außenstehende wirken Rechtssysteme – insbesondere das amerikanische – mitunter undurchsichtig bis bizarr. Manchmal kommen die davon, die ihrer Tat eindeutig überführt wurden, und manchmal sitzen die in der Todeszelle, deren Unschuld längst bewiesen scheint. Ein kleiner Formfehler kann eine ganze Anklage zum Einsturz bringen. Das Bild von der Justiz als gewaltigem Apparat, dessen willkürlichen Entscheidungen und Ergebnissen der Einzelne schutzlos ausgeliefert ist, hält sich – vielleicht nicht immer ganz grundlos – hartnäckig.

Auch im Kino wird an dieses Bild immer wieder appelliert. Mächtig bäumen sich die hohen Säulen klassizistischer Gerichtsgebäude auf. Richter und Staatsanwälte sitzen an großen Holzschreibtischen in ledernen Chesterfield-Sesseln, im Hintergrund amerikanische Flaggen und Lincoln-Porträts. Mit all ihrem Habitus strahlt die amerikanische Justiz eine beinahe unantastbare Autorität aus.

Gesetz der Rache

Sie wird in vielen Gerichtsfilmen hinterfragt: Betrug und Korruption kommen ans Licht, Recht wird wiederhergestellt. Auch Gesetz der Rache (Law Abiding Citizen) beschäftigt sich mit der Autorität des Gerichts, geht dabei aber grundlegend anders vor. Ein Mann verhilft sich hier nicht nur selbst zu seinem Recht, das ihm die Justiz verwehrte, sondern geht gewaltsam gegen die Repräsentanten des Rechtssystems vor. Gesetz der Rache macht ihn aber nicht zum Helden, sondern zum feindseligen „bad guy“, dessen Vorgehen nicht nur unrechtmäßig, sondern auch völlig unverhältnismäßig ist.

Clyde Shelton (Gerard Butler) ist dieser Mann. Von skrupellosen Kriminellen wurden ihm Frau und Tochter genommen, er selbst wurde schwer verletzt. Vor Gericht will er nun Gerechtigkeit. Doch die Verhandlung gestaltet sich schwieriger als erwartet, und der karriereorientierte, aber durchaus verantwortungsbewusste Staatsanwalt Nick Rice (Jamie Foxx) will den Fall nicht verlieren. Er bietet dem Haupttäter einen Deal an, ohne sich mit dem Nebenkläger abgestimmt zu haben. Wenn er gegen seine Komplizen aussagt, kommt er mit einer milden Strafe davon. „So funktioniert nun mal unser Rechtssystem“, belehrt Rice den entsetzten Familienvater.

Gesetz der Rache

Zehn Jahre später wird der Mörder von damals tot aufgefunden, brutal misshandelt und hingerichtet. Schnell ist klar, wer für die Morde verantwortlich ist. Aber der Schuldige dreht den Spieß um. Jetzt sitzen die Repräsentanten des Rechtsstaates auf Sheltons persönlicher Anklagebank. Von seiner Gefängniszelle aus zwingt er der Justiz seine Regeln auf, stellt Ultimaten und führt das System regelrecht vor. Nach und nach beginnt er auch alle die hinzurichten, die aus seiner Sicht für das korrupte und unfaire Rechtssystem stehen. Die Verteidiger des Rechtsstaates scheinen machtlos.

Gesetz der Rache

Der Plot von Gesetz der Rache ist eigentlich der eines Vigilantefilms, in dem ein Enttäuschter das Recht in die eigene Hand nimmt. Immer wieder bemüht Regisseur F. Gary Gray aber Bilder, Konstellationen und Schauplätze des klassischen Gerichtsthrillers inklusive Hinterzimmerdiplomatie und Geheimtreffen mit Unbekannten in Trenchcoats. Und er deutet auch Fragen nach Moral, Gerechtigkeit und dem Funktionieren des Rechtssystems zumindest an, auch wenn er sie sich größtenteils selbst beantwortet.

Diese Genrekombination aus Vigilante- und Gerichtsfilm wird Gesetz der Rache aber zum Verhängnis. Gerade für das Genre des Justizthrillers, auf das sich Gesetz der Rache offensichtlich bezieht, ist kühler Realismus essenziell. Dieses Kino muss zumindest noch so glaubwürdig sein, dass es beim Zuschauer eine gewisse Fassungslosigkeit evoziert, ihn das ernst nehmen lässt, was er sieht. Die Geschichte, von der Gesetz der Rache erzählt, ist dafür einfach zu abenteuerlich. Raketenbestückte Roboter und Waffenarsenale, ohne Wissen der Behörden unter dem Hochsicherheitsgefängnis ausgehoben, passen schlichtweg nicht in dieses eher konservative Genre, und auch Sheltons Geheimdienstvergangenheit wirkt an den Haaren herbei gezogen, an der Grenze zum Trash.

Gesetz der Rache

Gleichzeitig bietet der Film aber auch keinen echten Perspektivwechsel an, die Basis gelungener Vigilantefilme. Zu eindeutig sind die Zuschreibungen an die Figuren, zu schematisch ihre Funktionen für die Erzählung, als dass Ambivalenz aufkommen könnte. Gerard Butler, der auch als Produzent am Film mitgewirkt hat, spielt Clyde Shelton als besessenen, aber dennoch berechnenden Verrückten und bietet so kaum Anknüpfungspunkte zur Identifikation. Emotional wird der Zuschauer an dessen Gegenfigur gebunden. Jamie Foxx gibt den zwar nicht immer perfekten, aber dadurch umso menschlicheren Verteidiger der Justiz. Die Sympathien sind spätestens nach dem ersten Drittel des Films eindeutig verteilt.

Gesetz der Rache

Ganz gleich, ob Gesetz der Rache nun Vigilantefilm, Justizthriller oder beides sein will – es gelingt dem Film nicht, einen Sog zu entwickeln, der den Zuschauer durch den löchrigen Plot zieht. Für sich genommen funktionieren zwar viele Sequenzen und haben durchaus Unterhaltungswert, insgesamt wirkt das Werk aber zu fragmentiert. Gutes Genrekino sieht anders aus. Geerdeter und vor allem wie aus einem Guss.

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Kommentare


amgervinus

Der Film beginnt mit Note 1 und hört mit Note 6 auf. Da wäre zunächst mal die Filmlänge. Eine derart aufwendige Geschichte, muß 3 Stunden dauern. Spätestens, als ein Tunnel unter dem Gefängnis sichtbar wird, ist die Spannung vorbei. Note 6 ! Der Film gleitet in die Utopie. Einen Tunnel unter dem Gefängnis unbemerkt zu graben, dessen Mündung auch noch in eine Gefängniszelle endet, ist im 21 Jhrd. absolut ausgeschlossen. In jedem Fall, muß eine vorrausgeplante Maßnahme, wie z.b das Verstecken des Mannes mit Sauerstoffgeräten im Erdeloch, auch so weitergehen. Das Ende ist zu direkt, viel zu schnell. Der Film wird mitten in der Handlung abgebrochen. Die Handlung wurde nicht zuende gedacht. Der Rächer gab allen eine Chance. - Ist somit im Recht. Wird aber gegen Ende als Sündenbock dargestellt, der verbrennen müsse. Der Film sollte seine Intention gegen Ende ändern. Es geht am Ende nicht mehr um "Rache", sondern um das Prinzip eines ungerechten Staatsapparates. Dies muß der Film auch zeigen...


Mag. Georg Schärmer

Ich kann die Kritik von Herrn Frieler bzgl. der angeblich nicht vorhandenen Ambivalenz der Charakteren nicht teilen. Dieser Film lebt direkt von der ambivalenten Dartstellung der Protagonisten. Der eigentliche Plot des Films handelt wieder einmal von den 7 Todsünden (besser "Wurzelsünden"), wobei "Rache" ein nicht sauberer Terminus des Wortes Zorn bedeutet. "Zorn" kann man vielen Charakteren des Films zuschreiben: Clyde Shelton, Nick Rice, die Bürgermeisterin, die Richterin, um nur einige zu nennen. Die ambivalente Darstellung des Staatsanwalts Nick Rice erkennt man an anderen Todsünden. Er ist zwar zornig und ein Jongleur innerhalb des des Rechtsystems, aber auch getrieben von Stolz auf seine Person und gierig nach Verbesserung der Verurteilungsquote. Von Trägheit und Wolllust ist der Mörder von Sheltons Familie geprägt. Shelton aber ist durch die Todsünden aber am gefangensten. Der Regisseur verpackt nur nebenbei die Völlerei in der Gefängnisszene in das Geschehen hinein. Das Hauptaugenmerk legt er aber auf den Zorn, der aber erst durch den Neid auf Nick Rice ausbricht. Shelton kann es nicht ertragen, dass er seine ganze Familie verloren hat und der Staatsanwalt in seiner Karriereleiter hochsteigt. F. Gary Gray zeichnet ein intelligentes Bild über die Verstrickungen der Wurzelsünden. Die Message zum Schluss müsste aber sein: Der Gott der Rache wandelt Leid in Gewalt - der wahre Gott aber wandelt Gewalt in Leid das es zu versuchen gilt durchzustehen und am Ende wieder aufzustehen. Doch soweit ist Hollywood und Amerika noch lange nicht...






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