Geron

Bruce LaBruce auf Kuschelkurs mit dem Publikum.

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Die Arbeiten von Bruce LaBruce leben von der gezielten Provokation. Mit jedem Film scheint sich der kanadische Regisseur vorzunehmen, eine neue Grenze zu überschreiten: Sex mit Skinheads, ein Schwulenporno über linke Terroristen oder vögelnde Zombies. Der Tabubruch ist dabei mehr als nur die Ausgangslage eines Films. Vielmehr ist er das Zentrum, um das schmissige Slogans, explizite Bilder und ein wenig Handlung herumgebastelt werden.

Nun hat sich LaBruce mit Geron (Gerontophilia) erneut eines gesellschaftlich unzureichend akzeptierten Themas angenommen. Gerontophilie, also die sexuelle Vorliebe eines jungen für einen sehr alten Menschen, hat in einer von Jugendwahn besessenen Welt durchaus kontroverses Potenzial. Dass sich LaBruce’ Ansatz von früheren Arbeiten stark unterscheidet, hinterlässt jedoch einen ambivalenten Eindruck.

Gerontophilia 03

Anstatt das Abseitige seines Themas zu betonen, geht LaBruce plötzlich auf Kuschelkurs mit seinem Publikum. Im Gegensatz zu früheren Filmen wie No Skin Off My Ass (1993) und The Raspberry Reich (2004) wirkt Geron etwa deutlich weniger hysterisch und zerfahren. Den Tabubruch verpackt LaBruce stattdessen in eine überraschend konventionell erzählte und mit gediegener Arthouse-Ästhetik weichgebügelte Liebesgeschichte. Bei dem Paar mit dem großen Altersunterschied handelt es sich um den jungen Krankenpfleger Lake (Pier-Gabriel Lajoie) und seinen Patienten Mr. Peabody (Walter Borden). Die größte Überraschung dabei ist, dass es keine Überraschung gibt. Die gesamte Handlung folgt einem bewährten Muster: Die beiden Liebenden nähern sich im Altenheim an, stoßen mit ihrer Beziehung auf Ablehnung und suchen schließlich im Rahmen eines Road Trips ihr persönliches Utopia.

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Ab und an bäumt sich der Film noch mit kleinen Spielereien gegen seine Gewöhnlichkeit auf, etwa wenn LaBruce mit sichtlicher Freude die stereotype Rollenverteilung zwischen jungem und altem Liebhaber umdreht. Hier ist es Lake, der zum Verführer wird, und Mr. Peabody derjenige, der sich vor Verehrern kaum retten kann. Man muss dem Film schon auch zugestehen, dass er seinem Thema jegliche Skandalträchtigkeit austreibt. Die Lust am gealterten Körper, mit all seinen Unebenheiten und kleinen Geschichten, die sich in jeder Falte verbergen, macht LaBruce nie zum Spektakel. Eine mit sanftem Indie-Rock untermalte Waschszene wird zum erotischen Erweckungserlebnis, und wenn sich die beiden küssen oder zusammen im Bett liegen, gelingt es dem Film, dass sich das nie falsch oder unnatürlich anfühlt. Geron ist wie ein trojanisches Pferd. Er erzählt von einer nicht sehr weit verbreiteten sexuellen Neigung und verpackt sie in einen ganz auf leichte Zugänglichkeit getrimmten Film. Allerdings macht das für LaBruce neue Format nur umso deutlicher, dass er kein Handwerker ist.

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Dass Geron so geschmeidig daherkommt, ist gerade im Hinblick auf seinen Regisseur sowohl enttäuschend als auch konsequent. Denn LaBruce verkauft sich zwar gerne marktschreierisch als radikaler Vertreter einer Gegenkultur, ist bei genauerem Hinsehen aber dann doch recht bieder. Schon immer hat ihn die revolutionäre Geste mehr interessiert als die Revolution selbst. Wenn es in seinen Filmen verwesende Zombies miteinander treiben, ist der Verfall gruselige Maskerade, hinter der die jungen und durchtrainierten Körper der Pornodarsteller sichtbar bleiben. In seinem neuen Film wäre expliziter Sex dagegen noch ein radikales Statement gewesen. LaBruce hätte einen Film mit Porno, aber ohne Chic inszenieren können. So wird jedoch lediglich ein ehrenwertes Anliegen unter einer biederen Romantic Comedy begraben.

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