Jahreszeit des Nashorns

Der erste im Exil gedrehte Film des iranischen Regisseurs Bahman Ghobadi ist offen politisch und gnadenlos persönlich.

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Es ist schon komisch, Monica Bellucci Persisch sprechen zu hören. Anfangs. Dann reißt Bahman Ghobadis neuer Film Jahreszeit des Nashorns (Gergedan Mevsimi) einen schnell mit in einen bildgewaltigen Sog aus Realitäten und Fantasien, Dialoge werden nebensächlich. Ghobadi übersetzt die Ästhetik der gefeierten persischen Dichtung in eine magisch-realistische, surrealistische, monumentale Mise en scène. Da fallen Schildkröten vom Himmel, da kollidieren Nashörner mit Autos, da werden karge, unwirkliche Landschaften zur Kulisse eines Dramas, das sich so sicher viele Male im Iran zugetragen hat. Dort ist der Film verboten.

Mit der Islamischen Revolution und dem Sturz des Schahs 1979 wird der Dichter Sahel Farzan seiner Frau Mina brutal entrissen und ins Gefängnis gebracht. Sein Widersacher, ein Bekannter der beiden, hat sich in Mina verliebt. Er läuft zu den Schergen der Revolution über, lässt Sahel foltern, ihn schließlich für tot erklären und versucht mit allen denkbaren Brutalitäten, Mina zu seiner Frau zu machen. Sahel überlebt 30 Jahre Gefangenschaft in der Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihr. Diese Hoffnung führt ihn schließlich in die Türkei, wohin sie nach ihrer Entlassung flüchtete. Zu seinem Drehbuch inspirierte Ghobadi die wahre Geschichte eines iranisch-kurdischen Dichters, der 27 Jahre lang als politischer Gefangener in iranischen Gefängnissen saß, während seine Familie ihn für tot hielt.

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In seiner Hauptfigur spiegelt Ghobadi, Iraner mit kurdischen Wurzeln, sein eigenes Trauma: das Leben im Exil. Die iranische Regierung zwang ihn vor vier Jahren, das Land zu verlassen, jetzt lebt er in der Türkei und im Irak. Jahreszeit des Nashorns ist der erste Film, den er nach seiner Ausreise gedreht hat. Durch seine politische Kraft – er greift die Revolution und durch sie verursachte Schicksale explizit auf – wirkt der Film wie ein Befreiungsschlag, durch seine Melancholie wie das Psychogramm eines Traumatisierten, der sich entwurzelt und isoliert fühlt, der Menschen vermisst. Die Kamera fängt Sahel meist durch Fensterscheiben ein, die ihn von seiner Umgebung trennen, in dem Auto etwa, in dem er tagelang vor dem Haus wartet, in dem seine Frau mit zwei Kindern und einem Mann lebt.

Auch der 74-jährige Behrouz Vossoughi, der Sahel spielt, ist aus dem Iran geflüchtet, wenige Monate vor den Ereignissen von 1979. Im Iran war der Schauspieler ein Star, doch in den USA, wo er heute lebt, ist es ihm nie gelungen, künstlerisch Fuß zu fassen. Ghobadi holte ihn nach über 30 Jahren erstmals wieder auf die Leinwand. In den vielen Großaufnahmen wirkt sein von Sorgenfalten durchfurchtes Gesicht erschreckend gebrochen. Bellucci entpuppt sich als Glücksgriff in der Besetzung, sie besteht bravourös neben dem emotional wuchtigen Spiel ihres Filmpartners. Die einzige Begegnung der beiden im Gefängnis ist eine der stärksten Szenen des Films: Sie dürfen nicht sprechen, aber miteinander schlafen, auf weißen Laken zwischen dicken Gefängnismauern, die Hände in Handschellen gelegt, mit schwarzen Säcken über den Köpfen, durch die sie sich leidenschaftlich küssen.

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Eine subjektive Kamera lässt den Zuschauer mit Sahel durch festungsartige Gefängniskorridore schreiten, den Horror der Folter empfinden und beim ersten Blick auf die verlorene Geliebte nach einer halben Ewigkeit erzittern. In stilisierten Bildern verschmelzen das Außen und das Innere der Hauptfigur. Stark entsättigte und an Filme der 1970er Jahre erinnernde Farben lassen Szenen wie verblasste Erinnerungsbilder wirken. Die Montage folgt einem fast meditativen Rhythmus, der ruhig, aber konsequent voranschreitet wie die Zeit, die sich unerbittlich zwischen die Liebenden gequält hat. Knappe Dialoge wechseln sich mit aus dem Off gelesenen Versen ab, immer wieder tauchen Töne auf, die keine Quelle im Bild haben. Geräusche aus dem Gefängnis, Schüsse und Sprechchöre der Demonstranten von 1979 begleiten Sahel bei seiner Suche nach der verlorenen Zeit in der Türkei. Das bedrohliche Gluckern des Wassers, in das seine Folterer ihn immer wieder tauchten, hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Wasser wird im Verlauf des Films zur fast penetranten Metapher. Es regnet oder schneit, Wellen schäumen auf, Wasser fließt, tropft, wird zum Ort der Begegnung und zur tödlichen Falle.

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Mit Jahreszeit des Nashorns zeigt Ghobadi, wie politische Ereignisse Lebensläufe umschreiben. Er gehört zu einer Generation iranischer Filmemacher, die in ihren Filmen die Widrigkeiten des Lebens unter dem repressiven Regime nicht aussparen. Zu ihnen zählen Regisseure wie Ashgar Farhadi oder der mit einem Berufsverbot belegte Jafar Panahi. Ghobadis kritische Natur war den Behörden im Iran schon länger ein Dorn im Auge. In Filmen wie Schildkröten können fliegen (2004) oder Half Moon (2006) porträtierte er Minderheiten im Iran und im Irak. Für seinen Debütfilm Zeit der trunkenen Pferde, der die Geschichte iranischer Geschwister mit kurdischen Wurzeln erzählt, die nach dem Tod ihrer Eltern in einer feindlichen Umwelt ums Überleben kämpfen, gewann er 2000 die Goldene Palme in Cannes. Jahreszeit des Nashorns ist ein sauber durchbuchstabiertes Drama, das ein beklemmendes Gefühl hinterlässt. Dazu trägt vor allem das Verweben von Fakt und Fiktion, Leben und Werk bei. Dass Ghobadi darin die traumatische Erfahrung seiner Ausweisung verarbeitet, macht den Film zu seinem bisher persönlichsten Werk.

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