Georg Baselitz

„Ich liebe diesen Job“: Ein Dokumentarfilm erzählt von Leben und Werk des Provokateurs Georg Baselitz.

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Er kleckst, spritzt, kratzt, schabt, tupft, schmiert, macht sich mit Pinseln, Lappen und Spachteln über die große Leinwand her, die unter ihm auf dem Boden liegt. Georg Baselitz, einer der bedeutendsten Maler und Bildhauer der deutschen Nachkriegskunstgeschichte, liefert in dem nach ihm benannten Dokumentarfilm ein Schauspiel des Action Paintings. Wer seine Gemälde kennt, hat es geahnt: Baselitz fuchtelt ungezügelt mit seinen Utensilien herum, lässt Figuren unter seinem expressiven Gestus erzittern. Erst 2011 durften wir Gerhard Richter im Kino dabei zuschauen, wie er seine Rakel über große Leinwände schiebt. Jetzt nimmt uns Evelyn Schels mit in Baselitz’ Studio am oberbayerischen Ammersee.

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Die TV-Regisseurin befragt ihn zu Leben und Werk. Er plaudert offenherzig. Das Verhältnis zu seinen Eltern sei schwierig gewesen. Der Vater, ein Nazi, sitzt nach dem Krieg im Gefängnis. Als Lehrer kann er danach nicht mehr arbeiten, er reinigt Abflussrohre. Aus der familiären Enge im sächsischen Deutschbaselitz, dem Geburtsort des Künstlers, von dem er später sein Pseudonym ableitet, bricht Hans-Georg Kern früh aus. Er beginnt ein Kunststudium in Ostberlin. Doch in der DDR fällt er schnell als Querkopf auf. „Erziehungsresistent“ sei er gewesen, erklärt er, für die Ausbildung in dem auf sozialistische Gleichschaltung angelegten Staat ungeeignet. Er muss gehen. Ab 1957 studiert er im Westen der Stadt weiter. Es fällt ihm schwer, sich einzuleben, im Grunde sei er Kommunist gewesen. Reumütig klingt es, wie er über die Vergangenheit spricht.

Nur wenn es um seine Kunst geht, bereut er nichts. In Westberlin sieht er eine Ausstellung der abstrakten Expressionisten, kommt mit den Arbeiten US-amerikanischer Künstler wie Mark Rothko und Jackson Pollock in Kontakt. Ein Feuerwerk neuer Dinge sei das gewesen, erinnert er sich. Angefixt von den neuen Ausdrucksmöglichkeiten wird er zum Künstler-Rebellen, zum neurotischen Genie, zu Baselitz. Als einer der Ersten bringt er die Figur zurück in die expressive Malerei. Bald schon mischt er die Westberliner Szene ordentlich auf.

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Galerist Michael Werner erinnert sich daran, wie Georg Baselitz und sein Kommilitone, der Maler Eugen Schönebeck, sich damals gaben. Überheblich, aufmüpfig, selbstbewusst. Sie hätten auf keinen Fall Mainstream sein wollen. 1963 hat Baselitz in dessen Galerie Werner & Katz seine erste Ausstellung. Das Gemälde Die große Nacht im Eimer sorgt für einen Skandal und wird beschlagnahmt. Es zeigt eine fleischfarbene, groteske Figur mit überdimensional großem erigiertem Penis beim Masturbieren. Die Westberliner seien ihm gegenüber schnell aggressiv geworden. Gekauft habe die „Bourgeoisie“ nichts. Das wird sie erst viel später tun, zu horrenden Summen.

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Der Film zeigt Baselitz als ehrgeizigen Künstler, für den es keine andere Möglichkeit gab, als es bis an die Spitze zu schaffen. „Ich liebe diesen Job“, sagt er, als er die Motorsäge anschmeißt und mit vollem Körpereinsatz an einer seiner übergroßen Holzskulpturen arbeitet. Es ist ein aus breiten Baumstämmen grob geformtes Paar, das sich unterhakt: Georg und Elke Baselitz. Ihre Liebesgeschichte zieht sich wie ein zweiter Erzählstrang durch den Film. Elke kommt wie Georg aus Sachsen, sie fühlen sich in der feindseligen Westberliner Umgebung verbündet, wachsen schnell zusammen. Doch die Frau, die er so liebte, habe er anfangs nicht malen können, klagt er, erst ab 1969, als er beginnt, Motive auf den Kopf zu stellen. Ein Coup, der zu seinem Markenzeichen wird. Kurz darauf verlassen die Baselitzes Berlin.

Sichtbar stolz erzählt er von seinem internationalen Durchbruch. Den feiert er 1980, natürlich mit einem Skandal. Bei der Biennale in Venedig bespielt er den deutschen Pavillon mit einer einzigen Holzfigur, die den Arm in eindeutiger Pose hebt. Der Hitlergruß ist eine Provokation, die sitzt. Er hält der deutschen Nachkriegsgesellschaft den Spiegel vor und spricht einer Generation aus dem Herzen, die selten weiß, welche Rolle ihre Eltern in Nazideutschland wirklich spielten. Ob die Deutschen ihn nun kaufen oder nicht, kann ihm ab da ohnehin egal sein.

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Keine Frage, die Geschichte des großen Baselitz ist spannend. Viel Neues erfährt das Publikum über den Künstler aber nicht. Hier und da versucht sich das Porträt als Psychogramm, etwa wenn Baselitz erzählt, wie der Bau der Mauer die Auseinandersetzung mit der Familie verhinderte. Schels illustriert Baselitz’ Geschichte mit alten Familienfotos und oft gesehenem Footage-Material, etwa von Trümmerfrauen in Dresden. Parallel dazu fährt die Kamera Baselitz’ Gemälde ab, um etwas zu augenscheinlich die Verbindung zwischen Leben, Zeitgeschichte und Werk herzustellen. Wie schon Gerhard Richter Painting kommt Baselitz aber weder erzählerisch noch visuell über seine Fernsehästhetik hinaus. Der vom Bayerischen Rundfunk produzierte Dokumentarfilm läuft jetzt zwar im Kino, gemacht ist er dafür aber nicht. Auf der großen Leinwand wird das schmerzlich deutlich. Fans des Großmeisters sollten sich den Film aber trotzdem anschauen, zumindest um ihr Baselitz-Wissen um ein paar Anekdoten zu erweitern.

Trailer zu „Georg Baselitz“


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