Genius - Die tausend Seiten einer Freundschaft

Thomas Wolfe war ein großer Schriftsteller und hatte einen netten Verleger. Michael Grandage ist der Ansicht, dass es darüber einen Film geben sollte.

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1929 war das Jahr des großen Börsencrashs, und trotzdem war damals alles wunderbar. Familien verbrachten Abende nicht vor der Glotze, sondern machten es sich vor dem Radio gemütlich. Dem Vater gebührt der Platz auf dem Sofa, die Kinder liegen in weihnachtlicher Heimeligkeit auf dem Boden und lauschen; was hatten die damals, so scheint es eine Szene in den Raum zu werfen, wohl für eine Fantasie: nur Bücher und Radiostimmen und nicht diese ganzen Bilder, die ihrer Vorstellung jeden Raum rauben? Der Familienvater ist in diesem Fall Max Perkins (Colin Firth), ein, nein, der Verleger New Yorks, der Mann, der Hemingway und Fitzgerald entdeckte, rausbrachte, großmachte und so weiter, seine Töchter sind allesamt zuckersüß. Irgendwann bekommt dieser Feinschmecker unter den Herausgebern einen dicken Stapel Papier auf seinen Schreibtisch gestellt, ein toller Stapel, einer, der dumpf auf den Holztisch knallt und dessen Seiten man durchblättern kann – ein schönes Geräusch; was für ein tolles Material, dieses Papier! Könnte man im Kino auch riechen, es würde herrlich duften. Michael Grandage, der Thomas Wolfe (Jude Law) und dessen loyalen Verleger hier ein filmisches Ehrenmahl zusammenfilmt, hat von Literatur und, schlimmer noch, vom Kino keine interessantere Idee als diese kulinarische.

Das schmackhafte Braun

Nachdem ein paar voneinander isolierte Klaviertöne im Vorspann endlich die Sicht auf die erste Einstellung freigeben, sehen wir ein paar Lederschuhe auf den Straßen New Yorks, in Zeitlupe und in Schwarz-Weiß. Anschließend wird der Film dann irgendwie braun, also gerade schon so in Farbe, so wie es damals eben ausgesehen haben muss, als Menschen noch keine Fernseher besaßen und zugunsten von Büchern auch nicht ins Kino gingen, wie es eine halbironische Stelle im Film deutlich macht. Nicole Kidman, die hier die etwas suizidale Muße Wolfes spielt, hat sogar auch braune Haare, denn blond dürften damals eigentlich nur die Kinder gewesen sein. Kidman sieht immer ein bisschen verschlafen aus unter ihrer untypisch dunklen Matte, was ihr im Grunde auch nicht schlecht steht. Was durchs schmackhafte Braun vermittelt wird, ist (wichtig zu wissen!) eine wahre Geschichte; „true story“ und so! Wolfe wurde von allen Verlegern der Stadt abgewiesen und wird jetzt, dank des freundschaftlichen Mentorings durch Perkins, zum Bestseller-Star. Endlich hacken die Schreibmaschinen im Akkord, und das Genie findet in die Schaufenster.

Das Sichtfeld und die Locke

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Ein Genie ist natürlich ein Exzentriker, einer, der schnell und viel redet, ein Egoist, einer, der viel gestikuliert und mit einer sich selbst überholenden Geschwindigkeit den Bleistift über das Papier jagt. Natürlich ist ein Genie auch ein Chaot, also einer, dessen Wohnung mit vollbeschriebenen Seiten zugehäuft ist, weil jede fertige Seite einfach in den Raum geschleudert wird. F. Scott Fitzgerald, das will Genius nebenbei erwähnt wissen, hatte eine ganz andere Arbeitsmethode, er hat fertige Seiten bestimmt akkurat auf einem Stapel sortiert. Wie auch immer, Wolfe ist eben ein sicherlich eher schlecht als recht und dennoch handelsüblich inszenierter Mozart. In einer Halbnahen ist es egal, ob man Wörter oder Noten kritzelt, wichtig ist mehr die Locke, die dem Genie ins Sichtfeld fällt. Genius ist derart unoriginell und langweilig, dass man sich eigentlich noch nicht einmal die Mühe machen möchte, ihm seine hundertfach aufgewärmten Stereotypisierungen anzulasten.

Gutes Wetter in Paris

Bis zu Wolfes frühen Tod mit 38 Jahren, der auch den Film beschließt, wird vor allem viel mit Rotstiften in Manuskripten rumgestrichen, und die beiden Damen an den Seiten der Workaholics rebellieren ein bisschen gegen ihre Vernachlässigung, die zur großen Kunst dazugehört wie schönes Wetter zu Paris oder der einfühlsame Blick zu Colin Firth oder der Eisenbahnrauch zu den 1930ern und so weiter. Bis dahin schweift man aber auch viel ab, wünscht Nicole Kidman eine gute Nacht, wartet auf die Friedhofsszene (in aller Regel die vorletzte des Films) und sagt am Ende: „Danke, ich bin satt.“

Trailer zu „Genius - Die tausend Seiten einer Freundschaft“


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