Geh und Lebe

Nach dem Erfolg mit Zug des Lebens steht auch im Mittelpunkt des neuen Films von Radu Mihaileanu wieder das Judentum, diesmal jedoch aus der Perspektive eines christlichen Jungen, der eine falsche jüdische Identität annimmt, um dem Hungertod zu entkommen.

Geh und Lebe

Mitte der achtziger Jahre wurden im Rahmen der „Operation Moses” um die 8.000 äthiopische Juden vom israelischen Geheimdienst aus Flüchtlingslagern im Sudan nach Israel überführt. Dadurch wurde ihnen Schutz geboten vor der Verfolgung, Folter und Ermordung, der sie in ihrer Heimat ausgesetzt waren. Während Christen und Muslime die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten und somit nichts zu befürchten hatten, war die jüdische Minderheit in Äthiopien dazu gezwungen, sich zum eigenen Schutz zu verstecken und ihren wahren Glauben zu verheimlichen.

Der ursprünglich aus Rumänien stammende französische Regisseur Radu Mihaileanu, vor allem bekannt durch seine Tragikomödie Zug des Lebens (Train de Vie, 1998), widmet sich in seinem neuen Film Geh und Lebe (Va, vis et deviens) dieser von der israelischen Regierung veranlassten Einwanderung. Anstatt sich auf die Geschichte jüdischer Flüchtlinge zu konzentrieren, wählt er jedoch einen ungewöhnlicheren Ansatz und fokussiert stattdessen einen christlichen Jungen, der sich für den verstorbenen Sohn einer Jüdin ausgibt, um ins israelische Exil zu gelangen und der Gefahr des Hungertodes zu entkommen. Der Konflikt des Jungen, die eigene Mutter zurückzulassen und falsche Tatsachen vorzutäuschen um das eigene Leben zu retten, zieht sich durch den gesamten Film, der mit epischem Ausmaß seinen Protagonisten über den Zeitraum von zwanzig Jahren begleitet.

Geh und Lebe

Dabei gestaltet sich bereits der Auftakt des Films als problematisch. Mit aus dem Hubschrauber aufgenommenen sepiafarbenen Bildern der sudanesischen Flüchtlingslager, einem belehrenden Audiokommentar im Reportagestil und dem pathetischen Soundtrack von Armand Amar zielt der Film ganz auf Betroffenheitsreaktionen seiner Zuschauer ab und erinnert mit seiner Ästhetik und allzu offensichtlichen Absicht an Werbekampagnen von Hilfsorganisationen wie Misereor oder Unicef. Auch nach dem Tod der Leihmutter kurz nach der Ankunft im israelischen Exil und der Verlegung des Jungen in ein Waisenhaus geht es dem Film vor allem darum, seinen Helden als Opfer seiner Situation zu inszenieren. Erst als Schlomo, wie er sich nun nennt, von einer liberalen israelischen Familie adoptiert wird, ändert sich die Ausrichtung des Films.

Statt die Handlung sentimental weiter zu erzählen, behandelt Mihaileanu das brisante Thema des Films in Form einer Coming-of-Age-Geschichte, die zwar durchaus die Schwierigkeiten und Probleme von Schlomos Kindheit und Jugend aufgreift, jedoch auch immer wieder humorvolle Momente beinhaltet und insgesamt von einer unbeschwerteren Erzählweise gekennzeichnet ist. Sowohl der Humor des Films, als auch die Schwierigkeiten seines Protagonisten haben meist die Orientierungslosigkeit innerhalb eines völlig neuen kulturellen Umfelds als Ursache. Eine Herausforderung für Schlomo und seine neue Familie ist es, zu lernen, sich gegenseitig anzupassen. Der Junge kann sich dabei nur langsam daran gewöhnen, dass es in Israel nicht üblich ist auf der Straße barfuss zu laufen oder auf dem Boden zu schlafen. Zudem muss er ständig seine wahre Identität geheim halten und sich zur Aufrechterhaltung seiner Tarnung mit den Konventionen und Ritualen einer ihm fremden Religion auseinander setzen.

Geh und Lebe

Obwohl es Mihaileanu gelingt, einfühlsam die Identitätskrise seines Protagonisten nachzuzeichnen, verheddert sich der Film gegen Ende in seiner Vielzahl an Erzählsträngen. Besonders Nebenhandlungen wie der Konflikt zwischen Schlomo und seinem Adoptivvater werden zwar im Laufe des Films immer wieder angeschnitten, verlaufen letztendlich aber im Sand. Auch die Ausführlichkeit, mit der seine Kindheit und Jugend erzählt wird, wirken gegen Ende des Films, nachdem aus dem kleinen Jungen ein erwachsener Mann geworden ist, allzu sehr auf einen Abschluss hin konstruiert. Wenn Mihaileanus Protagonist in direkt aufeinander folgenden Szenen als Medizinstudent in Paris, Sanitäter im Nahost-Konflikt und letztlich als Arzt ohne Grenzen, der in seine Heimat zurück kehrt, gezeigt wird, mangelt es dem Film schlichtweg an Glaubwürdigkeit. Dabei wird vor allem deutlich, dass es der Regisseur am Schluss viel zu eilig damit hat, seine Geschichte zu einem Ende zu bringen.

Es scheint fast so, als wollte Mihaileanu über die Unzulänglichkeit am Schluss seines Films hinwegtäuschen, indem er wie schon zu Beginn die Emotionen seines Publikums mobilisiert. Die Folge davon ist, dass durch eine Überdosis an Sentimentalität sämtliche interessanten Aspekte des Films in den Hintergrund gedrängt werden und nicht viel mehr bleibt als verkitschtes Gefühlskino.

 

Kommentare


Maria Mai

Es ist der packendste Spielfilm (der so nah am eigentlichen Leben ist), den ich in den letzten Jahren gesehen habe. Wenn man sich mit dem Volk Israel und mit der Rückkehr in das "gelobte Land" auseinandersetzt, dann weiß man wie echt der Film die Realität wiedergibt. Ein Film, der mich Tage danach noch beschäftigt hat.






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