Gegenwart

Leichenstarre und Bewegung: Alltag in einem Krematorium.

Gegenwart 03

Geschäftig geht’s zu. Ein Leben lang buckeln, lieben, leiden, alt werden. Alles abgreifen, ausschöpfen, das Dasein in seiner ganzen Möglichkeitsfülle. Viel Wasser fließt da den Berg hinab. Es geht was, selbst wenn wir nur atmen. Wir halten nie still. Sind immer in Bewegung, rattern, einmal warmgelaufen, bis zum letzten Atemzug. Der Mensch eine Maschine. Ruhe kehrt erst ein, wenn wir erkaltet sind. Gestorben, in einen Sarg gelegt und verbrannt. Gegenwart (2012), der neue Film von Thomas Heise, erzählt von den Bewegungen der Toten, von der kühl-morbiden Dynamik zwischen Sterben und Einäscherung, von der Abfertigung eines Menschen.

Gegenwart 02

Zwischen Weihnachten und Neujahr herrscht Hochbetrieb im Rhein-Taunus-Krematorium Dachsenhausen. Man arbeitet rund um die Uhr. Im fahlen Kunstlicht des Betriebs geht jedes Zeitgefühl verloren; zu hermetisch sind hier die Innenräume, als dass man wüsste, ob draußen Tag ist oder Nacht. Drinnen wohlige Betulichkeit, da wirken die Arbeitsabläufe wie eine einstudierte Choreografie. Niemand muss etwas sagen, weil es nichts zu sagen gibt. Jeder Handgriff sitzt. Das Reinigen, das Reparieren des Brennofens, das Hereinbringen der Särge, das Wegklopfen der Tragegriffe, die Leichenbeschau, das Schüren des Feuers, die Überwachung der Einäscherung am Bildschirm, das Mahlen der Reste im Kübel. So abgefertigt werden wir. Heise zeigt, was evident mit uns geschieht. Ein bisschen Asche sind wir noch, ein kümmerlich glimmendes Häuflein von einem Menschen, das an die Glut erinnert, die in uns einmal gelodert hat. Und die Bewegung hört nicht auf.

Gegenwart zeigt ohne Worte einen Automatismus, der sich an den regsamen Handflächen, an der Geste, am Zupacken und Loslassen, am nie enden wollenden Bewegungsdrang des Menschen zu einem Eindruck von Lebendigkeit bricht, der wieder spüren lässt, was ist. Das Hier und Jetzt. Die Allgegenwart des Vitalen in einer effektiv todbringenden Welt. Plötzlich ist sie da. Materialisiert in geduldigen Kamerafahrten und Schwenks, ja selbst noch akustisch greifbar im Hauchen und Ächzen der Maschinen, jener leisen Atemmelodie, die so fröhlich die Tatsachen leugnet.

Gegenwart 01

Derart für das Flüchtige, für den Augenblick sensibilisiert, empfinden wir den Ort schon als weniger marode. Wir sehen hin, wenn die Särge geöffnet werden; wenn eine gelbe Hand (offensichtlich das Gegenstück zu den gummibehandschuhten Händen des Leichenbeschauers) dezent ins Bild ragt. Nur ausschnittweise, nie obszön. Das Nächstliegende bleibt immer ungezeigt. Gekonnt changiert Robert Nickolaus’ Bildgestaltung zwischen Anteilnahme und Distanz. Mal zieht sie uns immersiv ins Geschehen, wenn etwa die Kamera auf einem Sarg hinein ins Feuer fährt; mal reflektiert sie kritisch ihren Gegenstand, versucht die Teile als Ganzes zu sehen und zieht Bilanz: In einem rigorosen 360-Grad-Schwenk eröffnet sie zuletzt ein Panoptikum der automatisierten Entsorgung des Menschen.

Gegenwart 04

Gegenwart hat nichts für Erklärungen übrig, der Film zeigt nur die Konsequenzen, die sich aus ein paar bitteren Fakten ergeben. Erst in den Schlussminuten wechselt die Tonart. Da wagt Heise eine Art filmische Apotheose, wenn er Bilder von Karnevalstänzern mit einem alten Volkslied unterlegt: „Am Rhein, am sonnigen Rhein“. Dann gerinnt die Schärfe des dokumentarischen Blicks unvermittelt zu einer zärtlich-bissigen Sicht auf die Menschheit. – Die Ahnungslosen. Feiern sich. Fern von den Toten, gewissermaßen am anderen Ende der Befindlichkeit – vollbusig, pathetisch, sorgenfrei, so tanzen sie um ihr Leben. Einen Totentanz, den man nicht selten sieht.

 

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