Gegenüber

Gewalt in jeder Beziehung: Jan Bonnys Debütfilm, der in Cannes und auf dem Münchener Filmfest für Aufsehen sorgte, zeigt die Ehe als Hölle und die Familie als pathologisches System.

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Es ist durchaus legitim, die Rollenverteilung in diesem Ehedrama zweitrangig zu nennen. Das hieße aber, nonchalant darüber hinwegzusehen, dass ein Seitenwechsel auf dem Feld der ehelichen Gewalt für viele noch immer etwas Unerhörtes ist. Kein Tabuthema, schlimmer: ein Witz. „Meine Frau schlägt mich“ – wenn das in der „Bild“ steht, ist klar: Hier soll jemand als Weichei bloßgestellt werden. Dass dieses Szenario auch manch gebildeter Kinogänger unwiderstehlich komisch findet, ließ sich in der Pressevorführung von Gegenüber miterleben. Die Szenen, in denen Anne (Victoria Trauttmansdorff) ihren Mann Georg (Matthias Brandt) grün und blau schlägt, quittierten nicht wenige Anwesende mit herzhaftem Lachen. Kurzerhand führten sie vor, wie viel Verständnis die Betroffenen von der Gesellschaft erwarten dürfen – selten war ein Kinoerlebnis so deprimierend.

Freundlich entgegenkommend könnte man das Gelächter auch als verunglückten Bewältigungsversuch verstehen. Denn Annes erster Gewaltausbruch dürfte fast jeden Zuschauer völlig unvorbereitet treffen. Schwer zu sagen, was dabei verstörender ist: wie passiv ihr Mann, auf dem Fußboden kauernd, die Prügel hinnimmt – oder wie resigniert, ja kraftlos Anne selbst bei aller Aggressivität erscheint, als wünsche sie fast, man möge ihr Einhalt gebieten. Statt Opfer und Täter sieht man zwei einander Verfallene, und das schriebe sich bei „klassischer“ Rollenverteilung wohl nicht so leicht. So aber gibt der Film die Chance, die grundsätzliche Pathologie einer solchen Beziehung zu betrachten – vorausgesetzt, man findet prügelnde Ehefrauen nicht grundsätzlich lustig.

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Georg ist Streifenpolizist, Anne Grundschullehrerin. Sie sind 20 Jahre verheiratet. Das Eheglück, um das Georgs Kollegen ihn beneiden, wird dem Zuschauer keine Sekunde vorgegaukelt. Schon die ersten Szenen zeigen, wie fatal er und Anne sich in ihren Schwächen ergänzen. Er will möglichst nicht auffallen – sie fühlt sich nicht beachtet. Er redet sich noch die miserabelste Lage schön – für sie ist jedes Alltagsproblem eine Katastrophe. Um sie nicht aufzuregen, verschweigt er ihr jede unangenehme Wahrheit, doch eben diese Unaufrichtigkeit kränkt sie am meisten. Musterbeispiele für gestörte Kommunikation – Paul Watzlawick hätte seine Freude daran. Lange vor der ersten Prügelszene ist klar, dass diese Ehe am Ende ist – und die beiden aneinander gekettet, emotional völlig unfähig zur Trennung.

Aus ihrem Umfeld ist wenig Hilfe zu erwarten. Die beiden erwachsenen Kinder wissen Bescheid, aber unternehmen nichts. Annes Vater, ein selbstgerechter Patriarch, lässt seine Tochter bei jeder Gelegenheit spüren, dass er sie und Georg für Versager hält, und sonnt sich in der Macht, die er als ihr finanzieller Unterstützer hat. Georgs junger Kollege Michael (Wotan Wilke Möhring) neidet ihm die anstehende Beförderung. Dass Georg ihm bei einem Einsatz das Leben gerettet hat, verkompliziert die Sache, dass Anne mit ihm schläft, noch mehr. Die körperliche Gewalt in Gegenüber mag für den Moment am schockierendsten sein – ob sie die größte Grausamkeit ist, die sich die Figuren antun, darüber ließe sich trefflich streiten.

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Zumindest sind viele andere Szenen ebenso schwer erträglich. Allen voran die Abendessen im Familienkreis, die Annes Vater dazu dienen, Tochter und Schwiegersohn rituell zu demütigen. Nicht zuletzt ist der Film auch eine Studie über Sprachgewalt. Jeder zweite Satz scheint eine tausendmal gehörte Floskel zu sein: „Papa meint es doch nicht so“, „Ich bin enttäuscht von dir“, „Das ist doch kein Drama“ – über Generationen tradierte Allzweckwaffen, die, das führt der Film minutiös vor, im richtigen Moment immer zielgenau treffen.

Man ertappt sich dabei, dass man Annes Wutanfälle selbst zu fürchten beginnt. Wenn sie herausfindet, dass der Sohn das Studium geschmissen hat und ihr Georg das verschweigt – nicht auszudenken! Gegenüber findet nichts dabei, den Zuschauer emotional zu packen. Mit der stilisierten Kälte und Distanz der Berliner Schule hat er nicht viel gemein, es ist ein, wenn man so will, altmodisch psychologischer Film. Auch stilistisch wirkt er vergleichsweise „traditionell“ mit seinen trostlosen, schlecht beleuchteten Schauplätzen – Plattenbauten, Spielhöllen, Autobahnbrücken –, der leicht nervösen Kamera, den durch Türrahmen gefilmten, in engen Räumen eingefangenen Figuren. Und natürlich spielt das Ganze zur Weihnachtszeit, der traditionellen Hochsaison für Familienhöllen aller Art. Doch eben auch darin ist Gegenüber ein sehr reifes Werk, dass er souverän und ohne viel Aufhebens auf erprobte Mittel zurückgreift, nicht stilversessen, aber stets stilsicher. Und mit zwei herausragenden Hauptdarstellern, die ihre Figuren nicht künstlich reduziert, sondern mit dem Mut, und vor allem: der Fähigkeit zu echten Gefühlen spielen.

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Wie Jan Bonny die kleinbürgerliche Familie als ein System psychischer und ökonomischer Abhängigkeiten zeigt, unerbittlich genau, doch ohne Scheu vor Empathie, das erinnert mehr an Fassbinder als an zeitgenössische Kollegen. Ihm verpflichtet ist Gegenüber auch insofern, als er Annes Verhalten nicht als individuelle psychische Krankheit, sondern als Symptom eben dieses zutiefst pathologischen Systems darstellt. Und darin ist der Film auch hochaktuell, ein in Zeiten des konservativen Backlashs bitter notwendiger Einspruch gegen die These, Familie sei ein „Wert an sich“.

Kommentare


Klaus Lelek

Krude Story über eine gestörte Beziehung

Selten hat mich ein Film so enttäuscht. Schade, denn das Thema ist brisant und allgegenwärtig.
Daß es dem Film nicht gelingt, die Problematik und Ursachen weiblicher Gewalt an den Zuschauer weiterzugeben, liegt vor allem an der kruden, an den Haaren herbeigezogenen Story,den langatmigen, drögen Dialogen und nicht zuletzt an der zweiten Hauptfigur "Georg" der als Polizist so wenig glaubhaft ist,wie ein Nichtschwimmer, der den Kanal überquert. Immer wieder fragt man sich, wie konnte so ein warmherziger Softy überhaupt die Polizeiaufnahmeprüfung schaffen, und wie kann er weiterhin unter seinen rauhen Kollegen, die bei der nächtlichen Partyszene wie ein Haufen halbstarker Prols in seine Wohnung einfällt, überhaupt bestehen.
Victoria Trautmannsdorf dagegen, als gestörter "Helfertyp" ist authentischer. Daß warmherzige, engagierte Gutmensch-Frauen bei Nichtbeachtung zu Bestien werden können, beweisen die Mordprozesse gegen Krankenschwestern und Pflegerinnen und nicht zuletzt Stephen Kings Horrorfilm "Missing" Hier kämpft ein ähnlich sensibler Mann, der verunglückte Schriftsteller, gegen eine Furie um sein Leben. Wäre der Film "Gegenüber"diesen kaum ausgetreten Pfaden gefolgt,so hätte er an Glaubhaftigkeit gewonnen. Georg,als sensibler Künstler, kleiner unterdrückter Buchhalter oder schizuider, ganz in seine Arbeit versunkener Computerspezialist, Forscher oder gar Professor, hätte dem Drehbuch bestimmt gut getan. Auf der anderen Seite, die unbefriedigte, nach Aufmerksamkeit schreiende hysterische Helferfrau. So bleibt die Geschichte in irgendeinem unglaubhaften Niemandsland auf der Strecke und langweilt den Zuschauer durch Kopflastigkeit und Langatmigkeit. Schade...

Klaus Lelek






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